Hasret – Sehnsucht

Schön und seltsam zugleich, so empfindet der britische Regisseur Ben Hopkins die türkische Metropole Istanbul, die als Schmelztiegel zwischen Orient und Okzident ihresgleichen sucht. Für den Filmemacher ist sie eine Stadt der Geister, der Träume und einer rettungslosen Liebe. Doch nicht nur das: sie ist auch eine Stadt der Katzen. Hopkins lädt mit seinem Film zu einer Stadtführung der etwas anderen Art ein. Er führt den Zuschauer an Orte, die nicht unbedingt zum touristischen Standardprogramm gehören. Auf dramaturgischer Ebene verstärkt er das mystische Moment durch nicht zwingend als fiktional erkennbare Anmerkungen und Imaginationen zum besonderen Reiz, den Istanbul auf viele Menschen ausübt.

Webseite: www.hasret-derfilm.de

Deutschland 2015
Regie: Ben Hopkins
Dokudrama
85 Minuten
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 26.11.2015
 

FILMKRITIK:

Zwei große internationale Flughäfen hat die Millionenstadt am Bosporus bereits, ein dritter befindet sich im Bau. Das Filmteam, das der Brite Ben Hopkins für seinen Dokudrama auf Erkundungsexpedition nach Istanbul schickt, reist angeblich per Container an. Das soll wohl günstiger gewesen sein. Was auf die kleine Equipe wartet, das scheint zu Beginn aber nicht ganz klar. Zwar grast man zunächst noch die ein oder andere Sehenswürdigkeit und von Touristen frequentierte Örtlichkeit ab, doch Hopkins will auch die anderen Seiten dieser geschichts- und geschichtenträchtigen Stadt zeigen. Dabei kommt erneut auch wieder das schon in seinem Vorgängerfilm „Welcome to Karastan“ angeschnittene Motiv einer persönlichen Schaffenskrise aufs Tablett.
 
Einen roten Faden mag man nicht unbedingt erkennen. Es ist vielmehr so, dass man sich an die Hand nehmen lassen, dem Filmemacher vertrauen muss, wohin ihn seine Gedanken führen – und welche Bilder er dazu aus dem Alltagsleben dieser pulsierenden Stadt liefert. Sehr häufig haben die subjektiven Kommentare und die sehr schön fotografierten Aufnahmen, oft in brillantem Schwarz-Weiss, und Stimmungen dem Anschein nach nichts miteinander zu tun. Angestachelt wird der Filmemacher dabei umso mehr, als er beim Betrachten seiner Aufnahmen Schatten und angebliche Geister auf ihnen zu erkennen glaubt. In der Folge trifft er dabei auch Menschen – unter anderem einen Sufi-Derwisch, der ein Café für Liebende und Verrückte betreibt, einen exzentrischen Historiker, eine Gezi-Park-Aktivistin, einen alevitischen Kommunisten und einen armenischen Journalisten – die sich bestens einfügen in den Kosmos dieser phantastischen Stadt und dem, was Hopkins in ihr sieht. Eine gewisse poetische Verklärung ist seinem teils auch um fiktive Elemente angereicherten Film dabei nicht abzusprechen, aber das ist wohl ganz normal für einen, der mehrere Jahre in dieser Stadt lebte und sich in sie verliebt hat.
 
Der mittlerweile nach Berlin gezogene Filmemacher zeigt aber auch die Veränderungen und den Wandel auf, dem Istanbul in den letzten Jahren auch baulich unterworfen war und ist. Wenn von der Zerstörung ganzer Stadtteile und den Auswirkungen auf die in ihnen lebenden Menschen die Rede ist, dann ergreift Hopkins aber auch Partei für jene, die Opfer von Spekulanten und Großindustriellen wurden. Indem er einen Blick auf all die verschiedenen hier zusammenlebenden Kulturen, Religionen, unterschiedlichen Gemeinschaften und weitergedacht auch deren Träume und Sehnsüchte wirft, kommt er dem oft von einer eigentümlichen Melancholie getragenen Wesen Istanbuls nahe. Es ist vor allem diese Stimmung, die den besonderen Reiz von Istanbul ausmacht. Auch die politische Entwicklung – insbesondere die Gezi-Park-Proteste und der Zustrom syrischer Flüchtlinge – wird angeschnitten. Wer Istanbul wegen seines melancholischen Charakters liebt, wird Hopkins und seinen Gedanken gut folgen können und sich an den starken Aufnahmen von Kameramann Jörg Gruber erfreuen. Alle anderen sollten sich schnellstens auf den Weg machen – wenngleich besser nicht im Container.
 
Thomas Volkmann