Haunted

Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien im Frühling 2011 gehören Bilder aus Flüchtlingslagern und Luftaufnahmen zerstörter syrischer Städte zum traurigen Nachrichtenalltag. In ihrem schmucklosen Dokumentarfilm „Haunted“ lässt Liwaa Yazji nun betroffene Syrer selbst zu Wort kommen, und zwar nicht in einem der Auffanglager im Libanon oder vor den Toren Europas, sondern in ihren Wohnungen und Häusern, während sie Fluchtvorbereitungen treffen und mit dem Verlassen ihrer Heimat hadern. Auf unmittelbare, intime Weise vermittelt die deutsch-syrisch-libanesische Koproduktion ein Gefühl für das Leben entwurzelter Menschen.

Webseite: mecfilm.de

OT: Maskoon
Syrien 2014
Regie: Liwaa Yazji
Drehbuch: Liwaa Yazji
Kamera: Jude Gorany, Talal Khoury, Liwaa Yazji
Länge: 112 Min.
Verleih: mec film
Kinostart: 24. November 2016

FILMKRITIK:

Der Krieg findet in „Haunted“ im Off statt. Gelegentlich knallen draußen Schüsse oder ein Loch in der Hauswand zeugt von Mörserbeschuss. Den Fokus legt die in Moskau geborene Regisseurin Liwaa Yazji, die in Damaskus Theater studiert hat und heute in Berlin lebt, auf die Innenräume. Auf gepackten Koffern harren die Protagonisten in ihren Wohnungen aus und betrachten mit Sorge, wie der Krieg näher an die eigenen vier Wände rückt. Entstanden sind die Aufnahmen vor allem im Herbst und Winter 2012 in Damaskus, zu einer Zeit, als viele Syrer ihre Heimat bereits verlassen haben. Die Gebliebenen stellen sich Fragen nach dem Neuanfang: Was nehme ich mit, was bleibt zurück? Wohin führt die Flucht? Ist eine Rückkehr denkbar?
 
Die syrischen Protagonisten halten ihre Rollläden geschlossen, was das bange Gefühl von Hausarrest unterstreicht, das sie beschreiben. In verwackelten Handy-Aufnahmen und stockenden Skype-Verbindungen liefern die Zivilisten Eindrücke aus der umkämpften Stadt, berichten von Sprengfallen an der Haustür und der Fluchtplanung. Auf einen Off-Kommentar verzichtet Liwaa Yazji und schneidert ihr Erstlingswerk auch sonst ganz auf die direkte Rede der Protagonisten zu. Die zukünftigen Exilanten halten Familienfotos in die Kamera und tun ihre Bedenken und Hoffnungen kund. Die amateurhafte Qualität der Bilder entspricht dabei dem persönlichen, unmittelbaren Tonfall der Erzählungen und Situationen.
 
Die Momentaufnahmen formen im Lauf der Spielzeit eine mosaikartige Bestandsaufnahme, die von Flucht und Vertreibung handelt. Manchen fällt das Gehen schwerer als anderen. Ein älteres Ehepaar will bis zum letzten Moment bleiben. Erst als die Konserven zur Neige gehen, fast alle Nachbarn fortgezogen sind und Heckenschützen im Wohnviertel Stellung beziehen, warten sie auf ein günstiges Zeitfenster zur Flucht. Ein junger Mann verstaut seine Habe in Kisten und versieht sie mit Zetteln, die ersichtlich machen, dass die Sachen keinen materiellen Wert haben. Man hofft das Beste: Vielleicht bleibt das Haus stehen, vielleicht findet keine Plünderung statt, vielleicht kommt es zum Wiederaufbau.
 
Im Schlussteil der Dokumentation mehren sich Bilder von verlassenen Häusern und Ruinen. Der Titel „Haunted“ greift die Ansicht eines Anwohners auf, der die leeren Wohnhäuser und Straßen unheimlicher findet als zerbombte Gebäude. Mit versteckter Kamera erstellte Aufnahmen zeigen einen Schwarzmarkt, wo geplünderte und beschlagnahmte Haushaltsbestände verkauft werden. Die Schicksale der Geflüchteten bleiben offen. Für die Eltern eines Protagonisten, die schon den Exodus aus Israel miterlebten, ist das Leben eine Fluchtbiografie ohne Ende: „Von Jaffa nach Jerusalem, von Jerusalem nach Amman, von Amman nach Beirut, von Beirut nach Damaskus, von Damaskus nach Kuwait, von Kuwait wieder nach Damaskus, und von Damaskus jetzt nach Beirut.“
 
Christian Horn