Havanna – die neue Kunst, Ruinen zu bauen

Im Großteil an Filmen über Kuba sind sie meist nur Hintergrundkulisse: langsam dem Verfall anheim gegebene Häuser und Gebäude. Die Berliner Florian Borchmeyer und Matthias Hentschler setzen den Ruinen und den immer noch darin lebenden Menschen mit ihrem Dokumentarfilm ein filmisches Denkmal. Weil das mit poetischen Tönen, philosophischen Reflektionen und menschlicher Tragik gespickte Werk als Metapher auf den Zerfall eines ganzen Landes zu lesen ist, hat die kubanische Filmzensur ihn auf ihre „Giftliste“ gesetzt.

Webseite: www.ruinas.de

OT: Habana – Arte nuevo de hacer ruinas
Deutschland 2006
Regie: Florian Borchmeyer
Produktion: Matthias Hentschler
Dokumentarfilm
85 Minuten
Verleih: Raros Media
Kinostart am 29.3.07

PRESSESTIMMEN:

Angesichts dieser Konstellation, die uns eine Menge Kuba-Klischees eingetragen hat, wollten Florian Borchmeyer (Regie) und Matthias Hentschler (Produktion) ein anderes Havanna zeigen. Ihr Dokumentarfilm "Die neue Kunst, Ruinen zu bauen", den das Internationale Filmfestival von Havanna wegen angeblich mangelnder Qualität wieder auslud und der kurz 
darauf den Bayerischen Filmpreis erhielt, beobachtet eine Handvoll Menschen beim Wohnen. Und das reicht. Denn die einsturzgefährdeten Altstadthäuser, die abbruchreifen Wohnsilos, die moderigen Theater und Paläste beherbergen Überlebenskünstler, die in einer Geheimwelt zu existieren scheinen und doch das alltägliche Havanna sind.
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Der eindrucksvolle Film, ausgezeichnet mit dem Bayerischen Filmpreis als Bester Dokumentarfilm, lässt die unterschiedlichsten Töne anklingen, voller Poesie, Traurigkeit und Tragik, aber auch ein Stückchen Optimismus in der Düsternis.
Bayerischer Rundfunk, Kino Kino

Eine poetische Doku über die einst glanzvolle "Perle der Karibik" in ihren unaufhaltsamen Verfall und über die in den Ruinen lebenden Menschen.
Blickpunkt:Film

Kunst, Ruinen zu bauen» ist ein großartiger Film, der den Zuschauer anderthalb Stunden lang fordert. Nicht etwa der deutschen Untertitel wegen, sondern weil das Verständnis der menschlichen Schicksale die ganze Aufmerksamkeit verlangt.
dpa

„Ein scharfsinniges und schönes Porträt einer sterbenden Stadt“
Hamburger Morgenpost, 29.03.07

Die Doku "Havanna – Die neue Kunst, Ruinen zu bauen" von Regisseur Florian Borchmeyer spürt dem heutigen Lebensgefühl in Kubas Metropole nach. Ohne sentimentale Romantisierung der vorrevolutionären Pracht, dafür klug, assoziativ und informativ.
Abendzeitung

FILMKRITIK:

Der Putz blättert, Mauern bröckeln, Decken stürzen ein. In diesem Zustand befindliche Gebäude wären bei uns längst Opfer von Abrissbirnen. In Havanna, der einstigen „Perle der Karibik“, aber sind die aus touristischer Sicht gerne aufgrund ihres morbiden Charmes wahrgenommenen Ruinen immer noch bewohnt. Die Idee, einen Film über diese Situation zu drehen, hatten die für Fernsehreportagen immer wieder in Kuba gastierenden Florian Borchmeyer und Matthias Hentschler schon 1999. Allerdings mussten sie ihr Projekt, um Drehgenehmigungen zu erhalten, als Aufschwungseloge tarnen. So wurde offiziell der Wiederaufbau sozialistischer Errungenschaften porträtiert, der Verfall unter dem Aspekt des „Vorher – Nachher“ aber trotzdem im Bild festgehalten.

Besucht haben die Filmemacher und Kamerafrau Tanja Trentmann (zweite Kamera bei Andres Veiels „Black Box BRD“) dabei fünf Kubaner, die sich häuslich und gedanklich in baufälligen Gebäuden eingerichtet haben. In ihren Geschichten spiegelt sich dabei immer auch die politische, soziale wie wirtschaftliche Entwicklung Kubas seit der Revolution vor 50 Jahren. Von besonderem Gehalt sind dabei die Aussagen des „Ruinologen“ Antonio José Ponte, einem Schriftsteller und Intellektuellen, der in Kuba wegen seiner ins ironische gehenden Essays und Erzählungen jedoch nichts veröffentlichen darf. So ist für ihn Thomas Manns „Tod in Venedig“ übertragbar auf „Tod in Havanna“ und Fidel Castro die „größte Ruine des Landes“. 

Trotz mancher bereits jenseits von Melancholie liegender Aussage, trotz eines gewissen Pessimismus in den Äußerungen der Protagonisten: ganz aufgegeben haben die Menschen die Hoffnung nicht. Immer wieder blitzt Humor in ihren Worten durch, beweisen sie dem eingeschränkten Leben gegenüber eine weitaus größere Resistenz als bröckelnde Mauerteile. So träumt der Klempner Totico davon, wie seine Tauben wohin immer auch fliegen zu können, hat sich der alte, einst im Widerstand aktive Nicanor del Campo, körperlich auch schon ein Wrack, auf dem elterlichen Anwesen vor den Toren der Stadt eingerichtet und versucht zu bewahren, was langsam mehr und mehr von der Natur verschlungen wird. Die früher mit einem reichen Ausländer verheiratete, dann durch Drogenkonsum aus der Bahn geworfene Misleidys schottet sich in den verfallenen Zimmern eines ehemaligen Luxushotels ab, der Obdachlose „Tau-Chi“-Kämpfer Reinaldo regiert über die verlassenen Mauerreste des früher bekannten „Teatro Campoamor“. Sie alle tragen mit philosophisch geprägten, manchmal aber auch redundanten Aussagen zum tiefsinnig-poetischen Ansatz dieses mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichneten Dokumentarfilms bei.

Wenn Misleidys einmal sagt, so viel Schönes liege hier im Sterben, dann ist genau dies wohl auch einer der maßgeblichen Gründe für die Dokumentation dieser schleichenden Zerstörung und ihrer ebenso schleichenden Auswirkung auf die Menschen. Mit zwischengeschnittenen Archivaufnahmen aus den Zeiten der Revolution und eines noch in seiner Blüte befindlichen Havanna und hier und da Anklängen an die typisch kubanische Son-Musik zeigt „Havanna – Die neue Kunst, Ruinen zu bauen“ ohne Polemik eine typische Seite kubanischer Entwicklung auf. Ganz im Sinne vom gegen Ende untergebrachten Rimbaud-Zitat „Das wahre Leben ist immer anderswo“ bleibt der Fortschritt indes ausgespart. Hier folgen auch die Filmemacher dem Gefühl ihrer Protagonisten, das an den Zuständen in Kuba wohl nichts mehr zu ändern sei.

Thomas Volkmann