Havarie

Lange brach ein Film nicht mehr derart radikal mit gängigen Sehgewohnheiten. „Havarie“ zeigt eine einzige, mit einem Smartphone aufgenommene Sequenz: unscharf und 90 Minuten lang. Zu sehen ist ein in Seenot geratenes Schlauchboot im Mittelmeer. Dass dieses außergewöhnliche Werk dennoch zu den ersten sehenswerten filmischen Experimenten im neuen Jahr zählt, ist seiner Tonspur zu verdanken. Auf dieser spielt sich die eigentliche, dramatische Handlung ab. Sie bietet u.a. akustische Gesprächsfetzen zwischen den Schiffspassagieren sowie nachdrückliche Funkverkehr-Mitschnitte.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland 2016
Regie: Philip Scheffner
Drehbuch: Merle Kröger, Philip Scheffner
Länge: 93 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 26. Januar 2017

FILMKRITIK:

Es ist der 14.09.2012, 14:56 Uhr. Der Ort: das Mittelmeer, acht Seemeilen vor der spanischen Stadt Cartagena. Nichts als Wasser, der endlose Horizont und der blaue Himmel. Genau zu diesem Zeitpunkt meldet ein Kreuzfahrtschiff der spanischen Seenotrettung, dass unweit des Kreuzers ein kleines Schlauchboot gesichtet wurde. Das Boot ist havariert, auf ihm befinden sich 13 Personen – in Seenot geraten, mitten auf dem Meer. Das ist das, was der Zuschauer auf der Leinwand zu sehen bekommt. 90 Minuten lang, eine einzige, in die Länge gezogene Sequenz. Diese basiert auf einem Youtube-Clip, aufgenommen von einem Touristen auf dem Kreuzfahrtschiff.

Das Spannende ist aber der akustische Rahmen des Films. Zu hören sind u.a. der Funkverkehr zwischen dem Kreuzer und der Küstenwache, Touristen, Offiziere oder auch die Kommunikation zwischen einem Seenotrettungskreuzer und einem Hubschrauber. Die Hoffnungen und Ängste aller Beteiligten treffen in dieser tragischen Situation aufeinander. Obwohl visuell praktisch nichts passiert, war Philip Scheffners akustische Dokumentation „Havarie“ einer der politischsten Beiträge der diesjährigen Berlinale – steht er doch beispielhaft und stellvertretend für jene verzweifelten Menschen, die sich Jahr für Jahr auf die lebensgefährliche Reise über das Mittelmeer begeben.

„Havarie“ ist eine assoziative filmische Erfahrung über die Flüchtlingskrise, die seit einigen Jahren Europa in Atem hält. Die Idee zum Film lieferte ein dreiminütiges Smartphone-Video, das das Flüchtlingsboot zeigte. Krimi-Autorin Merle Kröger verarbeitete den Stoff zu ihrem Roman „Havarie“, für den sie in diesem Jahr den deutschen Krimipreis erhielt. Gemeinsam mit Scheffner entwickelte sie den Stoff zum Drehbuch weiter.

„Havarie“ bricht auf  radikale Weise mit den gängigen Sehgewohnheiten. Es war sogar  von Pressevorführungen in Berlin zu lesen, in denen erste Journalisten die Vorführung bereits nach einer halben Stunde verlassen hatten. Nach 45 Minuten war nur noch die Hälfte der Kulturredakteure anwesend. Sie hielten es nicht aus, auf der Leinwand immer nur die gleiche Szene zu Gesicht zu bekommen. Dabei sorgt die Tonspur des Films dafür, dass zu keiner Zeit Langweile oder Eintönigkeit aufkommen. Die unterschiedlichsten Personen an den verschiedensten Orten sind zu hören: z.B. gibt es Tonaufnahmen von Angestellten und Reisenden des Kreuzfahrtschiffs, wie z.B. ein algerisches Ehepaar, das aus eigener Erfahrung die Dramatik eines Fluchtversuchs über das Meer kennt. Alle paar Minuten sind zudem Gesprächsschnipsel vom Funkverkehr zwischen der Küstenwache, dem Kreuzer und einem Rettungshubschrauber, dazwischen geschnitten.

Genaues hinhören lohnt dabei, denn zwischendurch sind Geräusche und Töne zu vernehmen, die von menschlichem Leben künden, ohne dass man diese akustische Vielfalt eindeutig einem Ort oder einer Person zuordnen könnte: ein an eine Maschine erinnerndes, pulsierendes Pochen, leise Schritte und sogar ein klassisches Musikstück sind zu vernehmen. Kino, das die Phantasie anregt, echtes Kopfkino. Zum gemütlichen Träumen verleitet der Film aber in keiner Weise.

Denn brutal holt er einen in die Gegenwart, die Realität, zurück, wenn man – begleitend zu den Tönen – das sieht, was sich eineinhalb Stunden vor einem auf der Leinwand abspielt: ein auf dem offenen Meer vor sich hintreibendes Schlauchboot, dargeboten in Endlosschleife. Meist erscheinen das Boot sowie die wie Geisterwesen wirkenden Personen darin, unscharf und verschwommen. Mal treibt sie das Wasser etwas weiter weg, mal sind sie wieder näher am Kreuzer und damit vor der Kamera des Zufalls-Filmers. Zusammen mit den beklemmenden, bedrohlich anmutenden  visuellen Eindrücken ergibt sich ein dringliches, hochemotionales „Erlebnis“ für die Sinne. Erlebnis aber im Sinne einer zutiefst einnehmenden und bedrückenden filmischen Erfahrung, die lange nachwirkt.

Björn Schneider