Haymatloz – Exil in der Türkei

Aktuell ist in erster Linie von Migrationsbewegungen aus bzw. durch die Türkei nach Deutschland die Rede, doch das war einmal anders: Während des Dritten Reichs flohen hunderte Deutsche in die Türkei. Besonders die Kinder dieser Migranten fühlten und fühlen sich oft zwischen den Welten, wie Eren Önsöz in ihrer Dokumentation "Haymatloz" zeigt.

Webseite: www.mindjazz-pictures.de

Deutschland 2016 – Dokumentation
Regie: Eren Önsöz
Länge: 92 Minuten
Verleih: Mindjazz Pictures
Kinostart: 27. Oktober 2016
 

FILMKRITIK:

Mit ihrer Machtergreifung begannen die Nazis, unliebsame Universitätsprofessoren ihrer Posten zu entheben und ins Exil zu treiben. Manche Wege führten nach Amerika, andere in die Türkei, wo seit der Gründung des türkischen Staates Mitte der 20er Jahre, Kemal Attatürk einen laizistischen Staat aufbaute. Die Beziehung zu Deutschland waren seit langem gut, daher wurden die flüchtenden Professoren mit offenen Armen empfangen und halfen mit, dass Universitätssystem der Türkei aufzubauen.
Der spätere Berliner Bürgermeister Ernst Reuter war zum Beispiel unter den Flüchtlingen oder Rudolf Belling, der in Istanbul mithalf, die Kunstakademie aufzubauen. Oder der jüdische Pathologe Philipp Schwartz, der einst in Frankfurt unterrichtete und nun ebenfalls in Istanbul wirkte. Doch nicht in erster Linie um diese Elterngeneration geht es der in der Türkei geborenen, in Deutschland aufgewachsenen Regisseurin Eren Önsöz, sondern um deren Kinder. In der Türkei geboren und oft aufgewachsen, zogen sie später zurück in ihre deutsche Heimat, führen heute gutbürgerliche Leben, und fühlen sich doch noch stark zur Türkei hingezogen.

Der Psychologe Kurt Heilbronn wechselt sogar beruflich zwischen den Ländern, hat jeweils eine Praxis in Deutschland und der Türkei. andere setzen sich für das Erbe ihrer Eltern ein, wie Susan Ferenz-Schwarz, die mit dafür gekämpft hat, dass der Vertreibung ihres Vaters mit einer Stele vor dem Frankfurter Universitätsgebäude gedacht wird.

Allein die Geschichten vom Leben im Exil, vom Gefühl der Heimatlosigkeit, einer Existenz zwischen zwei so unterschiedlichen Welten wäre eigentlich Stoff genug für einen Film, doch  Eren Önsöz geht noch einen Schritt weiter. Immer wieder zieht sie Parallelen zwischen der damaligen Situation in Deutschland und den Entwicklungen in der zunehmend repressiven modernen Türkei, die Regierungschef Recep Erdogan Stück für Stück in eine Diktatur verwandelt. Besonders die Folgen für die Freiheit der Lehre findet dabei natürlich Beachtung, die etwa an der Kunstakademie besonders sichtbar wird. Wo einst der von den Nazis wegen seiner als "entartet" bezeichneten Kunst vertriebene Rudolf Belling lehrte und moderne Stilrichtungen wie den Expressionismus etablierte, wird es heute zunehmend schwierig selbst so harmlos anmutende Techniken wie das Aktzeichnen zu unterrichten.

Bisweilen verzettelt sich Önsöz in den vielen Aspekten, die sie anreißt, schwankt ihr Film zwischen persönlichen Erinnerungen, Erfahrungsberichten und einer politisch engagierten Dokumentation. Manche Themen wirken dadurch allzu kurz abgehandelt oder gar abgehakt. Doch das Bemühen um einen vielschichtigen Blick auf die ungewöhnlichen Migrationsgeschichten machen "Haymatloz – Exil in der Türkei" in jedem Fall zu einer interessanten Dokumentation.
 
Michael Meyns