Heart of a Dog

Vordergründig reflektiert die Musikerin und Künstlerin Laurie Anderson in ihrem Filmessay "Heart of a Dog" den Verlust ihres geliebten Hundes. Doch die Gedanken über den Tod, das Leben und die Liebe, die Anderson in 75 Minuten auf assoziative Weise mit Bildern unterlegt, sind letztlich eine berührende Liebeserklärung an ihren 2013 verstorbenen Mann Lou Reed.

Webseite: www.arsenalfilm.de

USA 2015 – Essayfilm
Regie, Buch: Laurie Anderson
Länge: 75 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 24. März 2016
 

FILMKRITIK:

Offiziell wird "Heart of a Dog" als Dokumentation bezeichnet und war in dieser Kategorie auch für den Oscar nominiert. Doch der nur 75 Minuten lange Film der Musikerin, Künstlerin, Avantgardistin Laurie Anderson könnte nicht weiter von klassischen, konventionellen Dokumentarfilmen entfernt sein. Ausgehend vom Tod ihres Hundes Lolabelle beginnt Anderson mit Überlegungen, die sie bald hierhin, bald dorthin führen, dabei aber stets um einen Kern kreisen, der die menschliche Existenz umfasst: Leben, Tod, Liebe.

Ausführlich beschreibt Anderson ihren Hund, der ein gewisses Talent als "Musiker" hatte, auf einem Kinderspielzeug Töne produzierte, die man großzügigerweise als melodisch bezeichnen könnte. Nicht nur diese Bilder hat Anderson mit dem Handy verewigt, auch während der langen Spaziergänge mit ihrem Hund scheint die Kamera ständiger Begleiter gewesen sein, nahm Anderson Bilder auf, die nun Teil einer Bildcollage geworden sind. Immer wieder sind Baumwipfel zu sehen, die sanft im Wind schwanken, Bilder von Autofahrten wechseln mit Aufnahmen des Anschlag vom 11. September ab, mal sind die Aufnahmen genau einzuordnen, oft kaum erkennbar. Und immer wieder dazwischen: Super 8 Aufnahmen von Kindern, von Familienfeiern, aber nie von der wohl wichtigsten Person in Laurie Andersons Leben: Lou Reed.

So sehr Andersons Gedanken sich um den Tod drehen, um die Frage, was nach dem Tod passiert, ob die menschliche Seele weiterlebt, was mit der sterblichen Hülle passiert, aber auch, wie man es schafft, friedlich und im Einklang mit sich und der Welt zu sterben, nie erwähnt sie direkt den legendären Musiker, der 2013, zwei Jahre nach Lolabelle verstarb.

Statt dessen reflektiert sie über buddhistische Rituale, das tibetische Buch der Toten, das gespannte Verhältnis zu ihrer Mutter und vieles andere, fast als würde sie den Gedanken, das Gedenken an Reed bewusst zurückstellen.

Doch trotz seiner Abwesenheit ist Lou Reeds Präsenz in Andersons Gedanken und Überlegungen unübersehbar, was sich erst in den letzten Momenten, mit dem Abspann, im allerletzten Bild des Films visuell und akustisch manifestiert und endgültig klar macht, was "Heart of a Dog" im Kern ist: Eine Liebeserklärung an einen langjährigen Weggefährten. Gerade das Laurie Andersons Film trotz dieser sehr persönlichen, ja intimen Note alles andere als eine Nabelschau geworden ist, sondern ein vielschichtiger, assoziativer Essay über das Leben und den Tod, macht "Heart of a Dog" zu so einem berührenden, herausragenden Film.
 
Michael Meyns