Heimatklänge

Wie exotisch schon die Weltmusik von Nebenan sein kann, zeigt Stefan Schwietert in seiner – nach "Accordion Tribe", "Acordeón del diablo" und "A Tickle in the Heart" – neuerlich mit ungewöhnlichem Sujet überraschenden und fesselnden Dokumentation über drei Avantgarde-Jodler.

Webseite: ventura-film.de

CH/BRD 2007
Regie: Stefan Schwietert
Darsteller: Erika Stucky, Noldi Alder, Christian Zehnder
Kamera: Pio Corradi
Ton: Dieter Meyer
Montage: Stephan Krumbiegel, Calle Overweg
Mischung: Jörg Höhne
Ton Design: Oswald Schwander
Filmmusik: Knut Jensen
Länge: 81 Min.
Schweizerdeutsches Original mit UT
Verleih: Ventura
Kinostart: 11.10.2007

PRESSESTIMMEN:

Dokumentarfilm über drei Schweizer Stimmkünstler, die die alpine Vokalkunst als musikalische Ausdrucksform für sich (wieder-)entdeckt haben, sie von ihrem folkloristischen Ballast befreien und in Verbindung mit anderen Musikformen originäre Klangwelten schaffen. Dabei verdichtet sich der auditiv wie visuelle grandiose Film zu einem leidenschaftlichen Gesamtausdruck. – Sehenswert ab 12.
film-dienst

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FILMKRITIK:

"Dö Dudel Dö ist zweites Futur bei Sonnenaufgang," so hieß es in Loriots "Jodelschule". Und man muss vielleicht so weit in die Verballhornung des Jodelns absinken, um klarzumachen, welch ungewöhnliche Einblicke Stefan Schwietert vermittelt: Die "Heimatklänge" schaffen es schon mit den ersten Bildern der Musiktradition des Jodelns eine Anmut zu geben, die nur noch staunen lässt. Dabei bewegt der Film sich allerdings noch auf bekanntem Terrain, zeigt Alpengipfel im Panorama-Schwenk. Dann beginnt mit ungewöhnlichen Tönen eine musikalische Entdeckungsreise vom Urgrund dieser Tradition bis zu experimentellen Höhen. Da wird überm Gletscher mit der Stimme jazzig improvisiert. Ein Tango tanzt erstaunlich harmonisch mit den Guturallauten. Das wilde Ausprobieren der Stimme erinnert an den Experimentalmusiker Fred Frith ("Step Across the Border"). Plötzlich erklingt Jodeln als äußert spannende, auf andere Art mitreißende Musik.  

Als Protagonisten treiben drei bemerkenswerte Künstler diese Entwicklung voran: Erika Stucky, Noldi Alder, Christian Zehnder.

Der Basler Christian Zehnder, ein bekehrter Saulus, fand Jodeln "scheiße". Doch nach heftiger Abwehr brachte ihn die Suche nach eigener Identität in der Weltmusik zurück zu den musikalischen Urgründen. Mit dem Akkordeon und modifizierten Alphörnerm testet er aus, "wie die Schweiz tönt", ahmt einen Zug nach, wechselt immer wieder in den Oberton-Gesang. Zu den Aufnahmen seiner Konzerte, laufen seltsam unpassende, grobkörnige Bilder der Schweiz, die sich gegen übliche Postkarten-Klischees stellen.

Noldi Alder stammt aus der bekannten Appenzeller Volksmusikerdynastie Alder, reiste bereits als Junge reiste er mit seinem Vater und seinen Brüdern durch die Welt, um zum traditionellen Tanz aufzuspielen. Nach einem Studium der klassischen Musik führt er das Bekannte in ungehörte Bereiche. Das berührende Treffen mit seinem Vater, der die Fort-Entwicklung der nächsten Generation sichtlich stolz betrachtet, bringt alt und neu nicht nur musikalisch zusammen. Die Bilder traditioneller Chöre treffen im Ton auf moderne Klänge. Das Appenzell vermittelt Eindrücke von der alten Funktion dieses Gesangs bei der Verständigung in unwegsamer Berglandschaft. Das mag auf den ersten Blick nicht so cool wie beim Flamenco sein, doch mit der Ruhe dieses Films entdeckt man ähnliche Intensitäten.

In einer Person vereinigt die wilde, ungezähmte Künstlerin Erika Stucky neue und alte Welt. Ihre freie Kindheit verbrachte Stucky in Kalifornen, bevor es ins nicht nur von Bergen eingeengte Wallis ging. Der Berufswunsch Hula-Hula-Tänzerin stieß hier auf Unverständnis, doch in immer wieder überraschenden Gesangs-Variationen zeigt sich, dass dieser kreative Geist nicht zu bremsen war. Eine Walliser Lori Anderson sprengt jede Festlegung.

Wie überzeugend diese Doku ankommt, zeigen die erstrangigen Auszeichnungen des C.I.C.A.E. Preises im "Forum" der Berlinale 2007 und des Publikumspreises beim renommierten Schweizer Dok-Festival in Nyon 2007. Stefan Schwieterts "Heimatklänge" fügen sich nahtlos in die Schweizer Tradition, besonders kreative Musiker ins rechte Filmlicht zu setzen. Wenn Christian Zehnder zum Treffen mit mongolischen Musikern reist, lernt man die Weltmusik von nebenan aus einer fernen Perspektive endgültig schätzen. Dieser musikalische Ausflug erweitert Horizont und Klangspektrum. Sehr passend zur Befreiung vom Schubkasten-Denken der Genres lautet der Schlußspruch: "Wir können frei sein …. Wenn wir wüssten, wie frei wir sein können, würden wir einfach platzen!"

Günter H. Jekubzik