Helden der Nacht

Auch in seinem dritten Film taucht James Gray tief in das von russischen Einwanderern geprägte Milieu von Brighton Beach, einem Stadtteil Brooklyns. In brillant gefilmter Manier erzählt er von zwei Brüdern, der eine Polizist, der andere als Nachtclubbetreiber dem russischen Mob nahe stehend, die auf schicksalhafte Weise ihre Distanz überwinden. Über weite Strecken ist „Helden der Nacht“ ein großes Epos und einer der besten amerikanischen Filme der letzten Zeit.

Webseite: www.heldendernacht-film.de

OT: We own the Night
USA 2007
Regie und Buch: James Gray
Darsteller: Joaquin Phoenix, Mark Wahlberg, Robert Duvall, Eva Mendes, Alex Vaedov, Dominic Colon, Danny Hoch
117 Minuten, Format 1:1,85
Kinostart: 21. Februar 2008
Verleih: Universal Pictures

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Brooklyn, 1988. Bobby Green (Joaquin Phoenix) lebt seinen amerikanischen Traum: Er betreibt einen erfolgreichen Nachtclub, in dem sich die Schönen und Reichen betrinken und Drogen aller Art nehmen. Er hat mit Amada (Eva Mendes) eine hinreißende Freundin und in der Gunst des lokalen Mafia-Paten Marat Buzhayev (Moni Moshonov) steht er ganz oben. Dies ist seine Familie, sein Leben. Auf der anderen Seite von „Little Odessa“, wie diese Gegend Brookylns wegen ihres hohen Anteils russischer Immigranten auch genannt wird, lebt seine richtige Familie. Der Vater Albert Grusinsky (Robert Duvall) und sein Bruder Joseph (Mark Wahlberg), beides Karrierepolizisten und vom Lebenswandel des Sohns bzw. Bruders wenig begeistert. Die Feier anlässlich Josephs Beförderung bringt die Verwandten zum ersten Mal seit langer Zeit wieder zusammen und ist Ausgangspunkt der schicksalhaften Ereignisse, die Bobbys Leben verändern werden. 

Mit Vadim Nezhinski (Alex Vaedov) ist ein berüchtigter Drogendealer aus der alten Heimat in Brooklyn aufgetaucht und mit ihm eine neue Bedrohung. Dass Geschäft mit den Drogen, das Ende der hedonistischen 80er Jahre immer größere Profite abwirft, zieht skrupellose Gangster an, die auch vor Polizistenmord nicht zurückschrecken. Doch Bobby hat keinerlei Interesse seiner Polizeiverwandtschaft zu helfen, sich als Informant zur Verfügung zu stellen. Erst als sein Bruder Joseph nach einer erfolglosen Razzia in Bobbys Club von Vadim angeschossen und schwer verwundet zurückgelassen wird, ändert Bobby seine Meinung. Nicht zuletzt um dem Vater zu beweisen, dass er doch zu etwas Nütze ist, beginnt er als Spitzel zu agieren. Doch die Folgen sind weit reichender als es Bobby klar war.

Man kann sich kaum einen besseren Darsteller in der Rolle des Bobby vorstellen als Joaquin Phoenix. Wie weggetreten bewegt er sich durch seine Filme, von einer düsteren Ahnung beseelt, die ihn wie einen Schlafwanderer in einem Traum erscheinen lässt, den er nicht kontrollieren kann. Immer wieder zeigt ihn der Film in langsamer Bewegung, manchmal gar in Zeitlupe, wie er sich durch sein Leben bewegt, und mehr beobachtet was um ihn herum und mit ihm passiert, als es bewusst zu kontrollieren. Aus familiärer Loyalität entwickelt sich sein Leben in eine Richtung, die zwar seiner wahren Familie gefällt, ihn aber dazu zwingt, seine selbst gewählte zu verlassen und zu verraten. Aus diesem unlösbaren moralischen Konflikt speist sich die Tragik von „Helden der Nacht“, die sich nicht nur in Phoenix brütender, gequälter Mine finden, sondern auch in den Bildern und der Musik.

Gray widersetzt sich dem hektischen Stil des aktuellen Hollywood-Kinos und lässt die Szenen meist in langen Einstellungen entfalten. Unmerklich zoomt die Kamera dabei auf die Darsteller zu und verstärkt das Gefühl der Unausweichlichkeit. Immer wieder sieht man besonders Phoenix in Gängen, eingerahmt von Türrahmen oder Wänden, gefangen in einer Welt, die ihm über den Kopf wächst. Schließlich die Musik des polnischen Komponisten Wojciech Kilar. Kein bombastisch, orchestraler Score, sondern oft fast atonale Geräusche. Manchmal kaum wahrnehmbar, steigert sie das Gefühl der Bedrohung auf subtile Weise, ohne in plakative Untermalung abzugleiten. Ein durch und durch eindrucksvoller Film, weitab vom Hollywood-Einerlei.

 

Michael Meyns

—————————————————————————————————————-

New York, Ende der 80er Jahre. Bobby und Joseph Grusinsky sind zwar Brüder, könnten jedoch unterschiedlicher nicht sein. Joseph ist wie sein Vater Burt Grusinsky Cop. Bobby hat sich zum Manager des angesagten Brooklyner Nachtclubs El Caribe emporgearbeitet und feiert lieber mit seiner puertoricanischen Freundin Amada und seinem Assistenten Jumbo, als dass er arbeiten würde.

Mit dem El Caribe stimmt etwas nicht. Der Club ist ein Drogenumschlags-Nest, an dessen Spitze, wie sich später herausstellt, ein russischer Onkel der Brüder Grusinsky steht und dessen Geschäfte der Cousin Alex besorgt.

In New York blüht zu dieser Zeit der Drogenhandel. Joseph leitet unter dem Befehl des Vaters Burt eine Abteilung, die dem Rauschgiftgeschäft ein Ende bereiten soll. Er setzt im El Caribe eine Razzia an. Das geht nicht ohne Schlägerei und Schießerei ab. Alex kann zwar festgenommen werden, wird aber kurze Zeit später von seinen Leuten befreit.

Bei den anschließenden gegenseitigen Verfolgungen wird Joseph schwer verletzt und Burt getötet, so mächtig und so lang ist der Arm der Russenmafia, die längst über die italienische Mafia die Oberhand gewonnen hat.

Die Schlüsselfigur ist Bobby. Welche Folgerungen wird er aus all den schlimmen Geschehnissen ziehen? Dass in seinem Innern ein Kampf stattfindet, ist offensichtlich. Sind etwa auch noch Verrat und Illoyalität seitens Jumbos und Amadas mit im Spiel? Und er? Driftet er völlig ab, oder wird sein Familiensinn geweckt?

Er besinnt sich rechtzeitig. Undercover die Transaktionen der Drogenbande ausfindig zu machen und die Gangster auszuschalten, heißt jetzt die Parole.

Ein vom Milieu und von den Handlungsvorgängen her exzellent gebauter Krimi mit den bekannten, sich oft bewährt habenden Genre-Zutaten gekonnt inszeniert.

Ein gewisser thematischer Tiefgang wird mit der Analyse des Grusinsky-Clans als solchem bzw. der einzelnen Familienmitglieder versucht. So ganz ist man dabei vom Klischee leider nicht losgekommen. Und auch Bobbys Selbstjustizakt bleibt in und an diesem Film höchst fraglich.

Es überwiegen aber doch die Pluspunkte: die rasante, perfekte Machart, der unzweifelhafte Unterhaltungswert, die imposante Besetzung mit Robert Duvall als alles unter Kontrolle haltender Chief Burt Grusinsky, Mark Wahlberg als linientreuer, unbestechlicher Cop Joseph und Joaquin Phoenix als charakterlich sprunghafter, innerlich einem lebensentscheidenden Konflikt ausgesetzter Playboy Bobby.

Thomas Engel