Hello I Am David! Eine Reise mit David Helfgott

Mit dem Oscar-prämierten Drama „Shine – Der Weg ins Licht“ von Scott Hicks wurde der australische Pianist David Helfgott im Jahr 1996 weltweit berühmt. Das Besondere an seiner Geschichte ist, dass Helfgott nach einem psychischen Zusammenbruch ganze 11 Jahre in einer Nervenheilanstalt verbrachte. Seine schizoaffektive Störung ist Helfgott bis heute deutlich anzumerken. Der hyperaktive Australier redet wie ein Wasserfall und zeigt im persönlichen Umgang mit anderen Menschen die Distanzlosigkeit eines kleinen Kindes. Mit viel Gespür für zwischenmenschliche Töne inszeniert die Regisseurin Cosima Lange ein schnörkellos gefilmtes Porträt des Pianisten, das dem Zuschauer mehr als einmal ein Lächeln abringt.

Webseite: www.helloiamdavid.de

OT: Hello I Am David!
Deutschland 2014
Regie: Cosima Lange
Mitwirkende: David Helfgott, Gillian Helfgott, Cosima Lange, Matthias Foremny, Scott Murray
Länge: 90 Min.
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 24. Dezember 2015
 

FILMKRITIK:

Während „Shine“ Helfgotts Kindheit in seinem polnisch-jüdischen Elternhaus und den Nervenzusammenbruch mit Anfang 20 schilderte, rekapituliert Cosima Lange die Hintergrundgeschichte lediglich mit einem bündigen Text-Insert am Anfang. „Hello I Am David!“ blickt nicht in die Vergangenheit, sondern begleitet das einstige Wunderkind David Helfgott kurz vor seinem 60. Geburtstag während einer Konzertreise mit den Stuttgarter Symphonikern, die unter anderem nach Schweden und Deutschland führt. Über die genauen Umstände des Nervenzusammenbruchs und den langen Aufenthalt in der Nervenheilanstalt verrät die Doku nichts, dafür aber einiges über den Alltag mit Helfgott und seine unzähligen Marotten.
 
Der flatterhafte David Helfgott redet sehr viel und sehr schnell, kommt aber nie explizit in einem Interview zu Wort. Das wäre wohl gar nicht möglich, denn Helfgott springt immer wieder vom Hundertsten ins Tausendste und wiederholt gebetsmühlenartig Floskeln wie „Alles ist geplant“. So entsteht die merkwürdige Situation, dass vor allem andere Menschen über David sprechen, zum Beispiel der Dirigent der Konzertreise, ein befreundeter Psychiater oder Helfgotts Schwager, den die distanzlose Art des Pianisten anfangs überforderte. Allen voran und in mehreren Interviews spricht Helfgotts langjährige Ehefrau Gillian, die zweifelsohne eine wichtige Stütze im Leben des Pianisten ist.
 
Obwohl man gut nachvollziehen kann, dass die geduldige Ehefrau bisweilen von Davids Marotten genervt ist, macht es durchaus Freude, dem hyperaktiven Star-Musiker bei seinen lausbübischen Aktionen zuzuschauen. So ist Helfgott beispielsweise dermaßen versessen auf Tee, dass er an einem Flughafen-Terminal dreist über die Theke greift und eine Packung seines liebsten Heißgetränks mitgehen lässt. Kleine Diebstähle wie diesen begeht Helfgott regelmäßig. Als er in einer Szene einen Freund besucht, öffnet Helfgott umstandlos dessen Küchenschränke und steckt sich mit sichtlicher Freude Besteck in die Tasche. Neben Tee begeistert sich der Musiker vor allem für Coca Cola und Schwimmen. Als Helfgott in einer Szene eine Interview-Session mit Gillian stört, genügt der simple Verweis seiner Ehefrau auf die große Badewanne, um ihren David von den Dreharbeiten abzulenken.
 
Zu einer Dokumentation über einen Klaviervirtuosen wie David Helfgott gehört natürlich auch viel klassische Musik, die Cosima Lange hier reichlich anbringt. Immer wieder sitzt Helfgott wie ein Besessener am Flügel und interpretiert Stücke von Bach, Beethoven und Rachmaninow mit seinem ganz eigenen Stil, der auch Nebengeräusche des Pianisten nicht ausschließt. Mit diesen Zutaten und dem warmherzigen Humor wirft die Doku einen liebevollen Blick auf einen außergewöhnlichen Musiker, der das Leben als kurzes Zauberstück versteht.
 
Christian Horn