Helmut Berger, meine Mutter und Ich

Einer der großen Exzentriker des internationalen Kinos steht im Mittelpunkt von Valesca Peters „Helmut Berger, meine Mutter und Ich“, der beschreibt, wie die Mutter der Regisseurin Kontakt zu Berger aufnimmt. Ein ungewöhnlicher Ansatz, der zu einigen interessanten Fragen über das Wesen des dokumentarischen Kinos führt, vor allem aber von der Präsenz Bergers lebt.

Webseite: www.salzgeber.de

Dokumentation
Deutschland 2019
Regie & Buch: Valesca Peters
Länge: 92 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 7. März 2019

FILMKRITIK:

Einst galt er als schönster Mann der Welt, war Fixpunkt des Jet Sets, Liebhaber von Luchino Visconti und spielte bezeichnenderweise auch den Dorian Gray: Helmut Berger, österreichischer Lebemann, Schauspieler, Selbstdarsteller, der inzwischen, nach Jahrzehnten der Alkohol- und Drogenexzesse nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Für Antrittsgagen tritt er in Talkshows auf, gibt Anekdoten von früher zum Besten und war sich selbst für das Dschungelcamp nicht zu Schade.
 
Als sie das sah, als sie das mit ansehen musste, hatte Bettine Vorndamme, Mutter der Regisseurin Valesca Peters, genug und beschloss, Berger zu retten. Offenbar hatte die Mutter schon immer eine Neigung zu merkwürdig anmutenden Projekten, aus denen in aller Regel nichts wurde. Doch diesmal war das anders. Mit der Hilfe ihrer Tochter, die nach dem Studium an der Potsdamer Filmhochschule als Cutterin arbeitete, gelang es ihr tatsächlich, Berger in seinem Wohnort Salzburg zu kontaktieren.
 
Richtigerweise hatte Vorndamme erkannt, dass man Bergers Eitelkeit schmeicheln müsste und hatte ihm ein Filmprojekt unterbreitet, ein Drehbuch versprochen, dass die Tochter verfilmen sollte. Erste Treffen in Paris verliefen vielversprechend und bald freundete sich auch Valesca Peters mit dem Gedanken an, ihren ersten dokumentarischen Langfilm über Berger zu drehen.
 
Doch statt an Berger entsprechenden, mondänen Orten wie Paris oder der Côte d’Azur fanden die Dreharbeiten auf dem flachen Land in Niedersachsen statt, in Vorndammes Haus. Dorthin hatte sie Berger eingeladen, der postwendend für mehrere Monate Gast auf dem Dorf war. Wie ein ganz gewöhnlicher Hausgast scheint Berger agiert zu haben, zumindest, wenn keine Kamera lief. Sobald jedoch die Kamera auf ihn gerichtet war, sobald Peters Fragen stellte, dem Menschen hinter dem Star näherkommen wollte, hatte sie das Gefühl, dass sich Berger hinter einer künstlichen Fassade zurückzog.
 
Um diese zu durchbrechen, nahm sie die Gespräche fortan nur noch mit einem Aufnahmegerät auf, formte die so erhaltenen Einblicke zu einem Text, den Berger dann rezitierte. Erst durch diese artifizielle Konstruktion öffnete sich Berger, zumindest ein wenig. Allzu sehr lässt er sich jedoch nicht entlocken und so lebt Peters Film in erster Linie von der ungewöhnlichen Konstellation an sich: Ein – ehemaliger – Weltstar, der sich einst in der Welt der Reichen und Schönen bewegte, und sich nun in einem niedersächsischen Reihenhaus wiederfindet.
 
Durch diese Nähe entsteht eine für einen Dokumentarfilm ungewöhnliche Situation, die Peters mit der Frage konfrontiert, wie sehr sie sich als eigentlich zur distanzierten Objektivität verpflichteter Beobachterin, in das Leben Bergers einbringen darf. Zumindest angerissen wird diese Frage, doch am Ende von „Helmut Berger, meine Mutter und Ich“ bleibt vor allem der exzentrische, streitbare Helmut Berger in Erinnerung, der nicht immer glücklich damit wirkt, allein vom einstigem Ruhm zu zehren.
 
Michael Meyns