Helmut Newton – The Bad and the Beautiful

Jeder kennt seine Fotos, er war so berühmt wie umstritten: Helmut Newton, einer der großen der Glamour-Fotografie, einer der berühmtesten Deutschen des 20. Jahrhunderts. In diesem Jahr wäre Newton 100 Jahre alt geworden – Grund genug für eine dokumentarische Würdigung, die Gero von Boehm mit seinem Film „Helmut Newton – The Bad and the Beautiful“ vorlegt.

Website: www.filmweltverleih.de

Deutschland 2019
Regie & Buch: Gero von Boehm
Dokumentation
Länge: 98 Minuten
Verleih: Filmwelt Verleihagentur
Kinostart: 9.7.2020

FILMKRITIK:

Vor 16 Jahren starb Helmut Newton in seiner Wahlheimat Los Angeles, nicht etwa an Altersschwäche, auch wenn er damals schon 83 Jahre alt war, sondern durch einen ganz profanen Autounfall. Inzwischen ist ihm in seiner Geburtsstadt Berlin ein Großteil des Museums für Fotografie gewidmet, in dem der Besucher über der Freitreppe die wohl berühmtesten und auch umstrittensten Bilder Newtons sehen kann: Die Big Nudes. Überlebensgroße schwarz-weiß Aufnahmen nackter Frauen. Ohnehin die Frauen, meist nackt oder zumindest leicht bekleidet. Ohne sie wäre Newtons Werk nicht vorstellbar, fraglos auch nicht das von vielen anderen berühmten, fast immer männlichen Fotografen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Ruhm kamen und die Ära der Supermodels mitbegründeten und prägten.

Ob ein Fotograf wie Helmut Newton, der sich selbst als „professioneller Voyeur“ bezeichnete, in der heutigen Zeit noch Erfolg haben könnte? Wäre es möglich, für die Hochglanz-Magazine der Modewelt Fotostrecken zu inszenieren, in denen Frauen als Lustobjekte inszeniert werden, oft gefesselt und mit verbundenen Augen, in denen sie zwar bisweilen Rollen einnehmen, in denen sie in Kontrolle zu sein scheinen, die dabei aber doch immer männliche Phantasien bedienen?

Diese Fragen verlangen gestellt zu werden, wenn man sich im Jahre 2020 mit Helmut Newton und seiner Kunst beschäftigt. Auch Gero von Boehm, der im Laufe seiner langen Karriere zahllose Porträts über Berühmtheiten für deutsche Fernsehsender gedreht hat, kann ihnen nicht ausweichen, hakt sie aber eher pflichtbewusst ab. Da muss es schon reichen, dass das ehemalige Model Isabella Rossellini Newton von jeglicher Misogynie freispricht.

Auch sie fotografierte Newton, wie so ziemlich jede andere schöne Frau seiner Zeit, die er mit seinem altmodischen Charme becircte und dazu brachte, jede noch so absurd wirkende Idee umzusetzen. Neben Rossellini kommen Models und Schauspielerinnen wie Claudia Schiffer, Charlotte Rampling oder Grace Jones zu Wort, die sich mit viel Sympathie und Nostalgie an Foto-Shootings erinnern, die dazu beitrugen, sie zu den Ikonen zu machen, die sie sind. Auch Anna Wintour kommt zu Wort, die Chefredakteurin der amerikanischen Vogue, die wusste das sie von Newton aufsehenerregende Fotostrecken bekommen würde, wenn sie ihm einen Auftrag und praktisch unbegrenzte Mittel gab.

„Filme über Fotografen sind langweilig“ sagt Helmut Newton gleich zu Beginn in einer Aufnahme, die Gero von Boehm für eine ältere Fernsehsendung gemacht hat, man würde immer nur Lobesreden hören. Genau das ist dann auch „Helmut Newton – The Bad and the Beautiful“ geworden, eine beflissentliche, gefällige Dokumentation, die Leben und Werk ihres Sujets nachzeichnet und dabei ganz von der Strahlkraft ihres Subjekts lebt. Bei einer überlebensgroßen Figur wie Helmut Newton, der die Modefotografie des 20. Jahrhunderts mitprägte wie kaum ein Zweiter, der alle und jeden kannte und vor der Kamera hatte, kann man als Regisseur wenig falsch machen.

Michael Meyns