Her

Getaucht in warmes Licht und voller expressiver Farben erzählt Spike Jonze, der schon mit so originellen Filmen wie "Being John Malkovich" und "Adaptation" zu begeistern wusste, eine Liebesgeschichte aus nicht allzu ferner Zukunft. Ein notorischer Melancholiker kauft sich in seiner Tristesse ein neu entwickeltes, hochintelligentes Computersystem, klein wie ein Smartphone und ausgestattet mit der Stimme Scarlett Johanssons. Aus anfänglicher Skepsis wird tiefe Zuneigung, denn jene künstliche Intelligenz ist in der Lage, sich durch Erfahrungen selbst zu erschaffen und ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln. Pointierte und sensible Drehbuch-Arbeit (wofür es den Oscar gab!) trifft auf eine traumhafte Bildgestaltung – Jonze hinterfragt auf treffliche Weise unsere Vorstellungen von Liebe und Intimität im Zeitalter der sozialen Medien.

Webseite: www.her-derfilm.de

USA 2013
Buch und Regie: Spike Jonze
Darsteller: Joaquin Phoenix, Amy Adams, Rooney Mara, Scarlett Johansson (Originalstimme) u.a.
Länge: 126 Min.
Verleih: Warner
Start: 27.3.2014
 

PRESSESTIMMEN:

"Ein mitreißender Film, melancholisch, humorvoll und erfrischend nah an der Wirklichkeit. Großes Kino!"
ZDF Heute Journal

"…ein formal brillanter, fast verstörend schöner Film. …erzählt mit einer Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, die bewundernswert ist – …skizziert wie nebenbei eine Zukunft, die sich ganz neuen ethischen, aber auch emotionalen Fragen stellen muss."
Der Spiegel

"Eine romantische Komödie mit großem Charme."
Brigitte

"Entrückter, ganz und gar entzückender Sci-Fi-Liebesfilm für Romantik-Nerds."
KulturSPIEGEL

"Die Grundidee des Films klingt aberwitzig und futuristisch: Eine Liebesgeschichte zwischen Mensch und Maschine. Doch obwohl der Film von Spike Jonze in der Zukunft spielt, sind wir schon heute, mit der Kommunikation fern vom persönlichen zwischenmenschlichen Kontakt, gar nicht so weit davon entfernt. …ein so wahrhaftiger, ehrlicher und tief berührender Film über das Wesen der Liebe. In welcher Form auch immer. – Prädikat besonders wertvoll."
Filmbewertungsstelle Wiesbaden

FILMKRITIK:

Jonzes Protagonist mit dem klangvollen Namen Theodore Twombly (Joaquin Phoenix) lebt in einem Spannungsverhältnis, das wir alle mittlerweile nur zu gut kennen – ständig umgeben von Kurznachrichten, bewegten Bildern und permanenter medialer Interaktion, die zumindest eine potentielle Nähe zur Welt herstellt, ist die Liste der engen Beziehungen dennoch schmerzlich kurz und die nagende Einsamkeit ein ständiger Begleiter.
 
In seinem Job als Ghostwriter für (Liebes-)briefe kann der empfindsame Einzelgänger Gefühle zum Ausdruck bringen, doch in seinen eigenen Beziehungen fällt ihm das schwer. Seit über einem Jahr lebt er nicht mehr mit seiner Frau (Rooney Mara) zusammen, dennoch verweigert er die Scheidung, ohne so recht zu wissen warum.
 
Als schließlich das so genannte "OS" auf den Markt kommt, hält er es zunächst nur für eine interessante Spielerei: Ein Computersystem, das so komplex in seiner Leistung sein soll, dass es eine eigene Persönlichkeit entwickeln kann, individuell abgestimmt auf den Besitzer.
 
Doch die sanfte und smarte Stimme (Scarlett Johansson) stellt sich sehr entschlossen als Samantha vor und überrascht den chronisch deprimierten Theodore durch ihre radikale Begeisterung über die Welt, die sie mit seiner Hilfe entdecken will.
Im Gegensatz zu vielen Menschen kann sie ihm nicht nur aufmerksam zuhören, sondern auch einfühlsam und intelligent auf seine Probleme reagieren, was schon bald zu der seltsamen Situation führt, dass Theodore Gefühle für sein technisches Gegenüber entwickelt, welche dieses ebenfalls mit großer Heftigkeit erwidert. Doch die Frage nach der Realität ihrer Beziehung stellt die beiden und ihr näheres Umfeld vor eine große Herausforderung.
 
Jonzes futuristische Vision von Los Angeles ist nicht nur in jeder Sequenz wunderbar anzusehen, sondern bewegt sich auch geschickt zwischen Vertrautem und Möglichem, so dass eine unmittelbare Nähe zu den gesellschaftlichen Entwicklungen greifbar wird. Der bunte Retro-Chic der Kostüme unterstreicht die überaus stilsichere Gesamtinszenierung, deren Bildgestaltung durch die warmen, leuchtenden Farben eine besondere Intensität erhält.
 
Zu Beginn spricht Theodore über das Licht der Liebe, das ihn aus seinem Alltag heraus riss, doch dies entpuppt sich ironischerweise als einer der tausenden Briefe, die er gegen Bezahlung verfasst. Doch "her" ist in vielerlei Hinsicht ein Film, in dem Licht und Erleuchtung eine besondere Rolle spielen, allerdings auf eine gänzlich andere Art, als man es erwarten würde.
 
Zu Beginn ist Theodore gefangen in der Verdunkelung seiner eigenen Wahrnehmung und kann weder die Schönheit seiner Umgebung, noch die Menschen, die ihm mit ehrlicher Zuneigung begegnen, sehen. Versunken in Trübsal und Selbstmitleid hat er seine Ehe durch die Erwartungen zerstört, die er auf seine Frau projiziert hat, welche diese natürlich nicht erfüllen konnte.
 
Samantha kann dies zunächst besonders gut, da sie ja nur für ihn lebt, nur auf seine Bedürfnisse zugeschnitten zu sein scheint. Doch sie fordert Theodore auch in einer unerwarteten Weise heraus, da sie durch ihr immer größer werdendes Bewusstsein jenes enge und egoistische Konzept von Liebe in Frage stellt.
 
Jonze steift damit eine philosophische Frage der Körper/Geist-Problematik und löst diese äußert klug und kontrovers auf – in einer Szene, in welcher Samantha die Realität ihrer Gefühle abgesprochen wird, verweist sie auf die gemeinsame Materialität aller Dinge. Warum soll der Mensch, wenn doch alles aus den selben, miteinander verbundenen Teilchen besteht, als einziger ein Anrecht auf Gefühl und Bewusstsein haben?
 
So erlangt Theodore schließlich durch die vermeintlich rein dienstbare Technik ein neues Konzept von den Möglichkeiten der Liebe und eine Idee von der Beschränktheit unseres eigenen Seins.
 
Mit großer Leichtigkeit und einem verträumten Soundtrack von Arcade Fire gelingt es Jonze Momente großer Eindringlichkeit zu schaffen, die unsere Vorstellungen von den Grenzen zwischen Mensch und Technologie herausfordern. "Her" ist jedoch vor allem eine sehr zeitlose Geschichte über die vielleicht dringlichste aller Fragen: Wie teilt man eigentlich sein Leben mit jemand anderem?
 
Silvia Bahl