Herr von Bohlen

"Der letzte Krupp", "Kriegsverbrechersohn", "Reichster Rentner der Republik" – aAll das und mehr waren Spitznamen für Arndt von Bohlen und Halbach, eine der schillerndsten Gestalten im Nachkriegsdeutschland, der durch seinen ausschweifenden Lebensstil in den 60er und 70er Seiten beliebtes Sujet der Klatschpresse war und nun hier in André Schäfers Dokudrama "Herr von Bohlen" als tragische Gestalt geschildert wird.

Webseite: www.herrvonbohlen.de

Deutschland 2015
Regie, Buch: André Schäfer
Darsteller: Arnd Klawitter, Arne Gottschling
Länge: 90 Minuten
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 19. November 2015
 

FILMKRITIK:

Gleich mit der ersten Szene macht André Schäfer klar, dass er mit "Herr von Bohlen" keine klassische Dokumentation anstrebt, die sich mit Dokumentaraufnahmen und Interviews mit Zeitzeugen um größtmögliche Objektivität bemüht. Sein Film beginnt mit dem Casting der Hauptfigur Arndt von Bohlen, eine Rolle die schließlich an Arnd Klawitter fällt. Von Anfang an ist also klar, dass viele der scheinbar authentischen Aufnahmen aus den 60er oder 70er Jahren nachgestellt sind, dass das mondäne Leben des Erben als eine Art Dokufiktion nachgezeichnet wird. Erzählerisches Konstrukt ist dabei ein fiktives Interview, das 1978 auf den diversen Besitztümern Bohlens stattfindet: Dem Landsitz im Salzburger Land, einem Haus in Marrakesch und auf der Nordseeinsel Sylt.

Mit seiner Betonung auf dem mondänen, exaltierten Leben und nicht zuletzt der offensiv zur Schau gestellten Homosexualität, erinnern diese Szenen oft an Steven Soderberghs "Behind the Candelabra", der in ähnlich schwelgerischer Manier das Leben eines Mannes schilderte, der zu einer Zeit offen schwul lebte, als dies noch nicht so selbstverständlich war wie heute. Dieser Lebensstil, den der mondäne Bohlen mit ausschweifenden Partys zelebrierte, war jedoch nur ein Grund warum er in den 60er und 70er Jahren beliebtes Thema der Klatschpresse der Bundesrepublik war: Als einziger Sohn Alfried von Krupps, war Bohlen Erbe eines der größten Vermögen der Bundesrepublik, allerdings eines, dass durch die Verstrickungen Krupps in der Nazizeit mehr als umstritten war. Um den durch die Rezession in den frühen 60er Jahren in finanzielle Schwierigkeiten geratenen Konzern zu retten, überzeugte Alfried seinen Sohn 1966 davon, auf sein Erbe zu verzichten und stattdessen eine jährliche Apanage von gut zwei Millionen Mark zu erhalten. Für einen Durchschnittsmenschen absurd viel Geld, doch durchschnittlich, soviel wird schnell klar, war Arndt von Bohlen ganz und gar nicht.

Doch wie anders er war, wie ungewöhnlich Arndt von Bohlen gerade in der verstaubten, konservativen Bundesrepublik gewirkt haben muss, dass kann auch André Schäfer nur andeuten. Interviews mit Zeitzeugen, etwa Bohlens Nachlassverwalter Holger Lippert oder dem Klatschreporter Michael Graeter, lassen ein schillerndes Bild der Nachkriegsrepublik entstehen in der Bohlen wohl wie ein Paradiesvogel wirkte.

Der, so zumindest deutet es André Schäfers filmische Annäherung an, aber auch ein einsamer Mensch war, der Zeit seines Lebens nie gearbeitet sondern stets nur gelebt hat, von einer Party zur nächsten reiste, ein sprichwörtliches Jet-Set-Leben führte. Auf etwaige psychologische Interpretation verzichtet Schäfer dankenswerterweise und überlässt dem Zuschauer das Urteil über eine fraglos schillernde Figur der alten Bundesrepublik, die mit ihrer Lust nach Luxus und einem ausschließlich vorwärts gewandten Leben, dass die Vergangenheit so gut es geht ignorierte, auf ihre Weise vielleicht doch emblematisch für eine Republik war, die damals wie heute nach ihrer Identität sucht.
 
Michael Meyns