Heute bin ich blond

Gerade Anfang Zwanzig und schon Krebskrank: So ging es der Holländerin Sophie van der Stap, deren autobiographisches Buch „Heute bin ich blond“ auch in Deutschland ein großer Erfolg war. In der Verfilmung beweist Marc Rothemund einmal mehr ein Händchen für Leben und Leid von jungen Menschen und inszeniert mit Lisa Tomaschewsky in der Hauptrolle eine berührende Geschichte über den Kampf gegen den Krebs und vor allem die Lust am Leben.

Webseite: www.heute-bin-ich-blond.de

Deutschland 2011
Regie: Marc Rothemund
Buch: Katharina Eyssen, nach dem Buch von Sophie van der Stap
Darsteller: Lisa Tomaschewsky, Karoline Teska, David Rott, Peter Prager, Jasmin Gerat, Alexander Held
Länge: 110 Minuten
Verleih: Universum Film
Kinostart: 28. März 2013

PRESSESTIMMEN:

"Erfreulich unrührselige Verfilmung des autobiografischen Bestsellers von Sophie van der Stap – eine Art lebensfrohe Variante von ‘Halt auf freier Strecke’."
(KulturSPIEGEL)

FILMKRITIK:

Sophie ist jung, hübsch, hat Spaß am Leben und am Sex – und hat Krebs. Gerade wollte sie in Hamburg mit dem Studium beginnen, bald wollte ihre beste Freundin Annabel zu ihr ziehen, da macht die Hiobsbotschaft alle Pläne zunichte. Und es kommt noch schlimmer: Sophies Krebs ist eine seltene Art und sitzt so unglücklich in der Lunge, dass sie nicht operiert werden kann. Statt Hörsaal heißt es also Chemotherapie, statt Party ein anonymes Krankenzimmer, das von den besorgten Eltern notdürftig aufgehübscht wird. Immerhin der Pfleger Bastian (Daniel Zillmann) ist sympathisch und dann ist da noch der beste Freund Rob (David Rott). Als Sophies Haare auszufallen beginnen, ist er es, der letzte Fotos von ihrer Löwenmähne macht: Dann rasiert sich Sophie in einem Akt der Entschlossenheit selbst den Kopf. Doch die Krankenhausperücken sind nichts für den Geschmack des jungen Mädchens und so wird sie zur Stammkundin in einem Perückengeschäft: Mal brünett, mal lockig und eben manchmal blond.

Mit den Perücken wechselt Sophie auch ihre Persönlichkeit, ist mal traurig, mal flippig, vor allem aber kämpferisch. So schmerzhaft realistisch wie etwa Andreas Dresen in „Halt auf freier Strecke“ eine Krebserkrankung geschildert hat, ist „Heute bin ich blond“ zwar in keinem Moment. Mehr als gelegentliches Unwohlsein, die Ungewissheit vor neuen Untersuchungen und eben der Verlust der Haare muss Sophie nicht erdulden. Dass sie trotz der Schwere ihrer Krankheit überlebt, steht natürlich ohnehin außer Frage (schließlich hat sie ein autobiographisches Buch über ihre Erfahrung geschrieben…) – und so verlegt der Film den Fokus der Erzählung auf die psychischen Folgen der Krebserkrankung.

Der Verzicht auf ihr normales Leben, auf Feiern, Tanzen, Alkohol und Sex ist es, der die freiheitsliebende Sophie besonders belastet. Eingesperrt in der Krebsstation, umgeben von meist älteren Menschen, die kaum Hoffnung haben zu überleben, fühlt sich Sophie wie ein Alien. Es ist vor allem die etwas ältere Chantal (Jasmin Gerat), die unheilbar krank ist, ihren baldigen Tod aber akzeptiert hat, die Sophie mit ihrer positiven Lebenseinstellung neuen Mut gibt. Bisweilen schlägt Sophie dabei über die Stränge, verbringt Nächte in Clubs statt sich zu schonen, trinkt bis zum Erbrechen, doch gerade diese Lust am Leben ist es, die sie als Figur so sympathisch macht.

Im letzten Drittel verliert sich Marc Rothemunds Film zwar etwas in den vielen Handlungssträngen, die allesamt sauber abgeschlossen werden wollen. Doch nicht zuletzt dank der sehr sympathischen Hauptdarstellerin Lisa Tomaschewsky, die hier ihre erste große Rolle spielt, bleibt „Heute bin ich blond“ stets berührend. Ähnlich wie das holländische Krebsdrama „Love Life-Liebe trifft Leben“ gelingt es auch hier, einer Krebserkrankung zwar nicht gerade etwas Positives abzugewinnen, aber doch einen Film zu drehen, der weniger von Krankheit und Tod erzählt als vom Leben.

Michael Meyns

Sophie, 21, ist eine lebensfrohe Studentin, macht an der Uni gut mit, versteht sich bestens mit ihren Kommilitonen und entstammt einer tadellosen Familie. Am meisten ist sie mit ihrer Freundin Annabel zusammen. Feiern, flirten, Sex und Disco sind oft mit dabei.

Sie verspürt schon seit einiger Zeit Schmerzen in der Brustgegend, muss sich untersuchen lassen. Der Befund ist katastrophal: Tumor. Immerhin kann sie sich an ihre Familie und an Rob klammern.

Doch jetzt geht es los: Untersuchungen, Computertomographie, Chemotherapie, warten, warten, warten – wochenlang. Der erste Befund ist nicht schlecht, die Vorbereitungen für die Bestrahlung sind getroffen. Wieder warten und dann jeden Tag während drei bis vier Minuten punktgenau den Krebs „verbrennen“.

Zwischendrin ist Sophie einmal nahe dabei, sowohl auszuflippen als auch aufzugeben. Nach etwa einem halben Jahr ist endlich alles überstanden.

Nur mit Rob klappt es nicht mehr. Sophie hatte während der Krankheitszeit geäußert, dass sie sich nicht endgültig binden sondern alles abwarten will. Rob solle sich ruhig einer anderen zuwenden. Das tat der denn auch. Und doch liebt Sophie ihn noch. Aber es ist zu spät. Man kann eben nicht alles haben.

Chronologisch angeordnet, ziemlich wirklichkeitsnah, minutiös nachempfunden und von Lisa Tomaschewsky (Sophie) sowie von ihren Eltern, ihrer Schwester, der Freundin Annabel und dem Liebhaber Rob ganz schön lebensecht gespielt läuft das alles ab.

Das Milieu ist gutbürgerlich, alles ist aber ein wenig zu sehr geschönt. Das Krankenhauszimmer scheint einer Villa entlehnt zu sein. Perücken gibt es nicht eine, sondern neun – wenn auch gesagt werden muss, dass sie das Mädchen je nach Stimmung sehr schön zieren.

Diese Künstlichkeit muss man schon berücksichtigen. Kino eben. Mit Sicherheit verlaufen die meisten Tumorkrankheiten und Krebsschicksale anders. (Hier liegt eine autobiographische Geschichte von Sophie van der Stap zugrunde.)

Trotzdem: Mitzuerleben, wie eine junge Frau hofft und noch mehr kämpft, als sie hofft; mitzuerleben, dass und wie man im Leben nie aufgeben darf, das hat (der für mehrere gute Filme bekannte) Marc Rothemund hier mit seinem Team ganz gut hingekriegt.

Thomas Engel