High-Rise

Die Romane des englischen Science-Fiction-Autors J.G. Ballard gelten gemeinhin als unverfilmbar, ein Urteil, dass Ben Wheatley mit seiner ambitionierten, hoch interessanten Ballard-Verfilmung "High-Rise" nur bedingt widerlegen kann. So mitreißend die dystopische Welt, die er in einem Hochhaus inszeniert, auch ist, ganz kann sie ihre literarischen Wurzeln nicht kaschieren.

Webseite: http://dcmworld.com/portfolio/high-rise

Großbritannien 2015
Regie: Ben Wheatley
Buch: Amy Jump, nach dem Roman von J.G. Ballard
Darsteller: Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienny Miller, Luke Evans, Elisabeth Moss, James Purefoy, Keeley Hawes
Länge: 118 Minuten
Verleih: DCM
Kinostart: 30. Juni 2016
 

FILMKRITIK:

So berühmt er als Autor dystopischer Science-Fiction-Romane auch ist, als Vorlage zu bemerkenswerten Filmen haben die Romane von J.G. Ballard nur zweimal geführt: David Cronenbergs "Crash" und Steven Spielbergs "Im Reich der Sonne", bezeichnenderweise zwei Romane, die eher untypisch für Ballards Ansatz sind, der oft als "innere Science Fiction" bezeichnet wird. Im Gegensatz zur "äußeren" Science Fiction, die futuristische Welten, Sternenkriege und Aliens erzählen Ballards Romane vor all von der Psyche seiner Protagonisten, handeln vom moralischen Verfall, von Obsessionen, vom Zusammenbruch der zivilisatorischen Ordnung. Dass diese Literatur, die sich in erster Linie in inneren Monologen, ausführlichen Beschreibungen der Gemütszustände der Figuren abspielt, aber nicht unbedingt in äußeren Ereignissen, nur schwer verfilmen lässt, liegt auf der Hand.

Ben Wheatley, in Deutschland bislang kaum bekannt, in England und auf Festivals durch seine Genre-Experimente "A Field in England", "Kill List" oder "Sightseers" auf dem Weg zum Kultstatus, und seine Drehbuchautoren Amy Jump versuchen es dennoch. Ihre Adaption des Romans hält sich einerseits penibel an die Vorlage, nimmt sich aber auch mehr Freiheiten, als es zeitgenössische Adaption oft tun. Das Ergebnis ist ein Film, der ziemlich exakt die Atmosphäre des Romans einfängt, eine Atmosphäre des moralischen Verfalls.

Schauplatz ist ein 40stöckiger Wolkenkratzer, ein Experiment des modernen Wohnungsbaus, der Mitte der 70er Jahre (als Ballard seinen Roman schrieb), einen Ausweg aus städtebaulichen Problemen weisen sollte. Das Hochhaus bildet eine abgeschlossene Welt, es gibt Schulen, Supermärkte, Restaurants, einen Swimmingpool, allein zur Arbeit verlassen die Bewohner das Gebäude noch, zumindest anfangs. Hauptfigur ist Robert Laing (Tom Hiddleston), der als Pathologe im Krankenhaus arbeitet, frisch eingezogen ist und mit seiner Wohnung auf der 25ten Etage in etwa im sozialen Mittelfeld des Gebäudes steht. Fast ganz unten lebt der Fernsehjournalist Richard Wilder (Luke Evans), ganz oben, im Penthouse, mit angeschlossenem Dachgarten, in dem Pferde und andere Tiere grasen, lebt Anthony Royal (Jeremy Irons), Architekt und Besitzer des Hochhauses. Der das Gebäude als soziales Experiment intendiert hat, in dem alle sozialen Klassen Großbritanniens friedlich – wenngleich räumlich getrennt! – miteinander leben können.

Doch nach und nach scheitert dieses Experiment, zerfällt die soziale Ordnung, beginnt im Hochhaus die Anarchie zu herrschen, beginnen Klassenkämpfe zu wüten, die die ohnehin von  Alkohol, Drogen und Sex geprägte Atmosphäre (es sind immerhin die 70er…) erst recht ausarten lassen. Diesen Verfall schildert Wheatley nun in losen Szenen, impressionistischen Vignetten, die oft nur lose verbunden sind. Dass die Ausstattung so perfekt die 70er Jahre einfängt, die Schauspieler so sehr in ihren Rollen aufgehen, die Atmosphäre des Verfalls, der Dekadenz so gut eingefangen ist, kaschiert dabei, dass die Metaphorik des Hochhauses, in dem gesellschaftliche Entwicklungen komprimiert betrachtet werden, überdeutlich ist. Was auf dem Papier als subtile Analyse der zerstörerischen Elemente des menschlichen Wesens funktioniert, ist auf der Leinwand fast zu offensichtlich. Besser als Wheatleys "High-Rise" kann eine Verfilmung von J.G. Ballards eigentlich unverfilmbaren Büchern dennoch kaum sein, auch wenn der Film weniger als Erzählung funktioniert, sondern mehr als impressionistische Collage.
 
Michael Meyns