Hilde

Noch vor Kriegsende wird die damals 17-jährige Hilde als Schauspielerin entdeckt. Ihre nachfolgende Karriere ist durch Höhen und Tiefen geprägt, bis sie schließlich ihrer Berufung zur Chansonsängerin folgt. Die autobiografische Verfilmung überzeugt durch ihren Erzählfluss und die energiegeladene Interpretation der Hauptdarstellerin. Darüber hinaus ist der Fokus allzu sehr auf die Auswüchse einer einzigartigen Karriere als auf die Karriere selbst gerichtet.

Webseite: wwws.warnerbros.de/hilde

Deutschland 2009
Regie: Kai Wessel
Darsteller: Heike Makatsch, Dan Stevens, Monica Bleibtreu, Michael Gwisdek, Hanns Zischler, Anian Zollner, Trystan Pütter, Johanna Gastdorf, Sylvester Groth, Roger Cicero
Laufzeit: 136 Minuten
Verleih: Warner Bros.
Kinostart: 12.03.2009

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Berlin, 1943. In den Wirren des totalen Krieges, wird die damals 17-jährige Hildegard Frieda Albertine Knef für Theater und Film entdeckt. Gegen den Willen der Mutter, die sie wohl enterbt hätte wenn Geld vorhanden gewesen wäre, folgt Hilde dem Ruf auf die Bretter der Welt. Und während die Familie die Reichshauptstadt zum Kriegsende hin verlässt, werden die UFA-Studios der Knefs neues Zuhause. Gefördert durch die Schauspiellehrerin Else Bongers und die Affäre mit dem Produktionschef Ewald von Demandowsky, beginnt ihre Karriere zunächst recht steil. Eine Fahrt ins Glück, die sie bald zum großen deutschen Nachkriegsstar machen sollte. Beflügelt durch ihren Triumph, die Hochzeit mit dem jüdischen US-Kontrolloffizier Kurt Hirsch und den Ruf Hollywoods, geht sie in die USA und wird zu Hildegarde Neff. Doch von nun an ging’s bergab.

Gnadenlos unterbeschäftigt, fristet die Knef ihr künstlerisch zweitklassiges Dasein in der schönen Scheinwelt der Filmmetropole. Zurück in Deutschland, wird der Versuch an alte Erfolge anzuknüpfen daraufhin zum Desaster. Eine für damalige Verhältnisse skandalöse Nacktszene vor laufender Kamera und die tabulose Thematisierung von Prostitution und dem Freitod, lässt sie beim prüden und toleranzarmen Kinopublikum der frühen 50iger Jahre in Ungnade fallen. Fortan ist sie die Sünderin der Nation und flieht gedemütigt zurück in die Staaten. Es folgte eine Reihe von Filmarbeiten im Ausland, ihr Debüt am Broadway und die erneute Rückkehr in die Heimat.

Bei Dreharbeiten in England lernt sie David Cameron kennen, der sie als zweiter Ehemann durchs Leben und in das nächste Kapitel ihrer unverwechselbaren Karriere begleitet. Als Chansonsängerin erobert sie fortan die Herzen der Nation. Dabei wird ihre gefühl- und kraftvolle Interpretation hintersinniger Texte, aber auch ein durch zügellosen Tabakkonsum geprägtes Organ, das Markenzeichen der besten Sängerin ohne Stimme. Eine Karriere, die in einem unvergesslichen Hit mündet: Für mich soll’s rote Rosen regnen.

Basierend auf Hildegard Knefs autobiographischem Werk „Der geschenkte Gaul“ zeigt Regisseur und Grimme-Preisträger Kai Wessel ("Die Flucht“) das bewegte Leben eines Weltstars. Er spannt dabei den erzählerischen Bogen von der Entdeckung der Knef während des Krieges, über die Höhen und Tiefen ihrer Schauspielkarriere im In- und Ausland, bis hin zum Zenit ihrer zweiten Karriere als gefeierter Chansonstar Mitte der 60iger Jahre. Ausgangspunkt ist ihr Konzertauftritt in der Berliner Philharmonie 1966. In Rückblicken werden ihr bisheriges Leben und ihre teilweise recht holprige Karriere nachgezeichnet. Weniger holprig jedoch gelingt dabei die Inszenierung selbst. So wurden manche Passagen aus Hildes Leben und Wirken zwar leider nur kurz aufgeblendet, schaffen dafür aber Raum für die offenbar dramaturgisch wichtigeren Eckpunkte der Geschichte. Dadurch ist ein Erzählfluss entstanden, der nicht wie bei manch anderem Biopic von einem Kapitel in das nächste stolpert, sondern im ständigen Fluss bleibt und zwei Stunden lang zu unterhalten vermag. Die Hauptfigur selbst bleibt im ständigen Fokus, doch funktioniert der Film gerade zu Beginn und vor dem Hintergrund des Krieges auch losgelöst von der Knef als späterer Star. Hier erlebt man vielmehr ein dramatisches Kapitel deutscher Geschichte, durch das eine beliebige Protagonistin den Zuschauer geleitet. Der weitere Verlauf legt den Schwerpunkt auf die Familie, die Liebe und vor allem auch die Auswüchse einer wechselhaften Karriere. Dabei werden manche Aspekte allzu ausgiebig beleuchtet und die künstlerische Arbeit der Knef gerät zunehmend in den Hintergrund. Erst als es zum Schluss hin um ihre Gesangskarriere geht, erleben wir Hilde pur.

All die Stationen ihres Lebens und all die Facetten ihrer Person verkörpert Heike Makatsch in der Rolle der Hildegard Knef glaubhaft, ohne dabei auf ihre ganz eigene Interpretation der Figur zu verzichten. Und selbst wenn die Stimmen im Gesang wenigstens eine Oktave auseinander liegen mögen und sicherlich nicht jede einzelne Gestik 1:1 kopiert wurde, so haben Hilde und Heike doch manches von Haus aus gemein, was den Film durchaus zu Gute kommt. Dazu zählt neben der Bühnen- und Leinwandpräsenz vor allem eine enorme Energie und positive Lebensausstrahlung, die beiden Menschen offenkundig innewohnt(e).

Gary Rohweder

Ist von deutschen Film-Weltstarts die Rede, fallen einem wohl zuerst Marlene Dietrich und Hildegard Knef ein. Von letzterer handelt dieser Film. Und Heike Makatsch ist es, die sich völlig in die Lebenslinien und das Wesen der Schauspielerin und Sängerin hineinversenkt hat.

Der hier gezeigte Lebensabschnitt umfasst die Jahre 1943 bis 1966: den Ehrgeiz der von ihrer Mutter kaum geliebten 18jährigen, Schauspielerin zu werden; die Liebe zu dem um einiges älteren Tobis-Produktionschef Demandowsky, Reichsfilmdramaturg und Erz-Nazi; Krieg und Kriegsende als Angehörige des „Volkssturms“; Heirat mit dem US-Soldaten Kurt Hirsch; drei Jahre nutzloser Aufenthalt in Hollywood unter David O. Selznick; Heimkehr nach Deutschland und Skandal um die Nacktszene in ihrem Film „Die Sünderin“; Rückkehr in die USA, Filmrollen und jahrelanger Erfolg in Cole Porters Musical „Silk Stockings“; Heirat mit dem englischen Schauspieler David Cameron sowie erste Erfolge als Autorin („Der geschenkte Gaul“) und Sängerin („Rote Rosen“). 

Nicht mehr berücksichtigt ist die spätere Zeit mit den ausbleibenden Rollen, mit der Krebsdiagnose, mit der dritten Heirat (Paul von Schell), mit der Geburt der Tochter, mit dem Alter, mit dem Tod am 1. Februar 2002.

Ausführlich sind die Stationen des gewählten Abschnitts dar- und nachgestellt. Dabei ist große Mühe um Epoche, Milieu – Berlin, Hollywood, England -, Ausstattung, Schauplätze oder Statisten zu erkennen. Und doch ging es den Machern erklärtermaßen in erster Linie darum, den Charakter der Knef, ihre Suche nach dem Selbst, die Wirkung der Erfolge und Misserfolge oder die zum Teil egoistische Verfolgung des gewünschten Weges nachzuvollziehen. Mit Erfolg.

Mit erstaunlicher Intensität hat Heike Makatsch sich in das filmische Vorbild hineinversetzt. Quasi äußerlich und innerlich eine Hilde Nr. 2. Was muss das für eine Vorbereitung gekostet haben! Zwei Jahre. Bravo.

Sehr gut dabei sind auch Monica Bleibtreu als Hildes erste Beschützerin Else Bongers, Trystan Pütter als der immer unglücklicher werdende Kurt Hirsch, Dan Stevens als smarter David Cameron, Hanns Zischler als Filmproduzent Erich Pommer, Anian Zollner als der nach Kriegsende zum Tode verurteilte Demandowsky oder Michael Gwisdek als Hildes geliebter Großvater.

Das beachtliche Lebensbild einer außergewöhnlichen Frau. Besonders für Bewunderer von Hildegard Knef eine gute Gelegenheit, ihre Gefühle aufzufrischen.

Thomas Engel