Himmel über dem Camino

Sechs Menschen gehen den Jakobsweg. Ihnen gemeinsam ist, dass sie schon eine weite Reise hinter sich haben: Sie kommen aus Neuseeland und Australien und werden von dem Wunsch geleitet, sich selbst neu kennenzulernen und/oder eine schlimme Erfahrung zu verarbeiten. Die beiden Filmemacher konzentrieren sich voll auf ihre sechs Protagonisten. Der Jakobsweg an sich, die Landschaft und die Begegnungen auf der 800 Kilometer langen Reise spielen weniger eine Rolle als die persönlichen Schicksale der Pilger. Auf diese Weise ist ein ermutigender Dokumentarfilm entstanden, der vor allem die therapeutische Wirkung des Camino zeigt.

Webseite: www.camino-himmel.de

Dokumentarfilm
Neuseeland/Australien 2019
Drehbuch und Regie: Noel Smyth, Fergus Grady
Kamera: Noel Smyth
Musik: Tom McLeod
Länge: 80 Minuten
Verleih: Ascot Elite
Kinostart neu: 11.3.2021

FILMKRITIK:

Sie sind zwischen Anfang fünfzig und Mitte siebzig – die sechs Pilger, die gemeinsam die lange Reise von Frankreich ins 800 Kilometer entfernte Santiago de Compostela antreten. Ihre Intentionen dafür sind so unterschiedlich wie ihre Persönlichkeiten und ihre Lebensumstände. Für alle bedeutet der „Camino“ – so die spanische Bezeichnung des Jakobsweges, auf Deutsch: Straße oder Weg – etwas anderes. Julie hat ihren Mann und kurz darauf ihren Sohn verloren, sie möchte ihre Trauer verarbeiten, ähnlich ist es bei Mark, dessen Tochter gestorben ist. Er ist mit Terry verwandt, der den Weg zum zweiten Mal geht, so wie Claude, die am liebsten alleine geht. Cheryl liebt das Wandern und das Bergsteigen. Sie betrachtet den Jakobsweg vor allem als sportliche Herausforderung. Und da ist Sue, die sich vorgenommen hat, trotz ihres Rückenleidens und der Last ihrer 70 Jahre den gesamten Weg zu gehen.

Bei Sonne, Wind und Regen – erstaunlich viel Regen für diese Region! – sind die Sechs wochenlang unterwegs. Ihr Weg führt sie durch Schlamm und Sand, durch Wiesen und Wüsten, über Berggipfel und durch liebliche Täler, jeden Tag ca. 25 Kilometer, von einer Station zur nächsten. Malerische Dörfer und hübsche Städtchen säumen den Weg, doch für die beiden Filmemacher geht es nur am Rande um die Schönheiten der Landschaft, auch für die Geschichte des Jakobsweges und den religiösen Hintergrund bleibt wenig Raum. Für sie stehen ihre Protagonisten im Vordergrund, ihre persönlichen Geschichten und wie sie auf der gemeinsamen Wanderung zusammenwachsen, sich gegenseitig unterstützen und an ihrer Aufgabe wachsen. Dazu läuft flotte, aufmunternde Musik, die oft an Pferdegetrappel erinnert, immer nach dem Motto „Gehen ist des Menschen beste Medizin“, ein Hippokrates-Zitat, das dem Film vorangestellt ist.

Gleich zu Beginn wird Sue vorgestellt, Rückblenden zeigen den Start, und die einzelnen Pilger werden kurz vorgestellt, wozu auch ihr Zusammengehörigkeitsgefühl als „Kiwis“ gehört. Tagsüber wird jeder Schritt zum Mantra, und das bewusste Gehen wird zur Meditation, die den Kopf klärt und die Seele reinigt. Abends trifft man sich beim Rotwein und zum Essen, bevor es – je nach Vorlieben – in den Gemeinschaftsschlafsaal oder ins Hotel geht. Den Schlafsaal teilen sie nicht nur mit anderen Pilgern, sondern auch mit zahllosen Wanzen. „Schlimmer als Mückenstiche“, meint dazu eine der Beteiligten, aber ansonsten gibt es keine kritischen Anmerkungen. Bald haben die Pilger zu einer gewissen Routine gefunden. Je länger sie laufen, desto schwerer fällt Sue das Gehen, sie weint oft heimlich und spricht sich Mut zu, die anderen spornen sie an. Bei der gemeinsamen Ankunft in Santiago de Compostela ist dann alles vergessen: Die Freude über den Erfolg ist unbeschreiblich, inmitten der Menschenmassen vor der Kathedrale fallen sich vollkommen Fremde um den Hals, und die sechs wackeren Pilger sind mit dabei.

Am Ende ist es Julie, die ganz allein noch einmal 120 Kilometer von Santiago de Compostela nach Muxia bis zum Meer läuft und dort – am äußersten Rand Europas – ihren ganz persönlichen Jakobsweg vollendet. Diese letzten Bilder sind sowohl filmisch als auch inhaltlich sehr beeindruckend, und sie machen Lust, es vielleicht selbst zu versuchen, den Jakobsweg zu gehen: mit einer Muschel am hoffentlich nicht allzu schweren Rucksack und mit sehr, sehr gutem Schuhwerk.

Gaby Sikorski