Hinter der Tür

In seinem anspruchsvollen psychologischen Kammerspiel „Hinter der Tür“ erzählt Regiealtmeister István Szabó die Geschichte zweier ungleicher Frauen auf der Suche nach gegenseitiger Zuneigung und Vertrauen. Die bewegende Leinwandadaption des gleichnamigen Romans der Grand Dame der ungarischen Literatur Magda Szabo lebt vor allem von der Ausdruckskraft der beiden brillanten Hauptdarstellerinnen: Dem preisgekrönten Frauen-Duo Helen Mirren und Martina Gedeck. Ihr exzellentes Zusammenspiel macht dieses Doppelporträt der Haushälterin Emerence und ihrer „Herrin“, einer Schriftstellerin, sehenswert.

Webseite: www.pifflmedien.de

Ungarn, 2011
Regie: István Szabó
Drehbuch: István Szabó, Andrea Vészits
Darsteller: Martina Gedeck, Helen Mirren, Károly Eperjes, Gábor Koncz, Enikö Börcsök, Mari Nagy, Ági Szirtes
 Länge: 101 Minuten
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 5. April 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Film bedeutet für mich Großaufnahmen“, sagt Oscarpreisträger István Szabó. „Wir können erleben, wie ein Gedanke Film wird und wie aus Liebe in zwei Sekunden Eifersucht entsteht.“ Auch in seiner brillanten Leinwandadaption arbeitet der ungarische Regisseur mit diesen Mitteln. Immer wieder zeigt der Großmeister Europäischer Produktionen, der mit der Verfilmung des Klaus Mann-Klassikers „Mephisto“ schrieb, Naheinstellungen seiner beiden ausdrucksstarken Protagonistinnen. Das Ergebnis: Ein bewegendes und anspruchsvolles Kammerspiel und ein Stück Zeitgeschichte vom Feinsten.

Budapest in den 1960er Jahren. Die eigenwillige Emerence (Helen Mirren) versorgt mit eiserner Hand den Haushalt des Budapester Schriftstellerpaars. Ihre „Herrschaft“ hat die resolute Putzfrau dabei fest im Griff. Denn es gefällt ihr, wenn sie gebraucht wird. Wem sie dient, dem erweist die stolze, alte Frau gleichzeitig jedoch unzählige Liebesdienste. So auch der aufgeschlossenen Schriftstellerin Magda (Martina Gedeck). Allmählich entwickelt sie zu der Intellektuellen eine fast innige Mutter-Tochter-Beziehung.

Trotzdem bleibt Emerence selbst letztlich unnahbar. Nur äußerst zögernd gibt sie bruchstückhaft ihre Vergangenheit preis. Immer wieder verhält sie sich Magda gegenüber schroff und abweisend, wechselt zwischen Fürsorge und Ablehnung. Ihre Wohnung darf niemand betreten. Als Emerence erkrankt steht Magda vor einem emotionalen Dilemma. Soll sie zulassen, dass die Tür aufgebrochen und die ganze Nachbarschaft Zeugin des hilflosen Zustands von Emerence wird? Soll sie ihr Geheimnis hinter der Tür verraten? Denn Magda spürt instinktiv die Enthüllung bedeutet das Ende dieser ungewöhnlichen Freundschaft zwischen zwei aufeinander prallenden Welten.

Sensibel und sinnlich, scheu und lasziv, stolz und bodenständig – Martina Gedeck ist wunderbar wandelbar in ihren Rollen, Wie kaum eine andere gestaltet sie ihre Schauspielkunst als ständigen Wechsel zwischen genauer Figurenanalyse und künstlerischer Fantasie. Zu Recht gilt die gebürtige Bayerin als aufregendste Schauspielerin Deutschlands. Die 50jährige Wahlberlinerin erhielt höchste Branchenpreise. Jede ihrer Rollen drückt sie ihren eigenen Stempel auf, sucht nach dem Wesen, den Sollbruchstellen, der Eigenart. Manche erkennen darin eine gewisse Melancholie und Unergründlichkeit. Von der ersten Szene an verbreitet sie eine Intensität, die den Film auf eine bewegende Ebene hebt.

Kein Wunder hat sie doch bei diesem Stück großartig verfilmter Weltliteratur in Helen Mirren ein mehr als ebenbürtiges Gegenüber. „Es war für mich eine der größten und härtesten Rollen“, verrät die Oscar-Preisträgerin Helen Mirren, „die ich gespielt habe“. Die Britin mit den russischen Wurzeln ist freilich eine Meisterin der Nuancen, der winzigen Gesten, die ihre Figuren kristallklar herausarbeitet. In ihrer mehr als 40-jährigen Karriere beherrschte die „Queen“-Darstellerin den Spagat zwischen großen historischen Frauenfiguren und modernen Grenzgängerinnen auf Bühne, Fernsehbildschirm und Kinoleinwand perfekt. Die energiegeladene Mittsechzigerin brillierte in traumhaften und aufwändigen Kostümen in Shakespeare-Rollen und auch ohne feine Stoffe in Komödien wie „Kalender Girls“.

Tatsächlich schrieb die Grand Dame der ungarischen Literatur Magda Szabo, deren psychologisch-sensiblen Romane durch ihre analytische Schärfe bestechen, mit „Hinter der Tür“ weder eine reine Autobiografie, noch einen reinen Roman. Die Hauptperson, Emerence, hat wirklich existiert – als Angestellte bei der preisgekröntem Autorin und ihrem englischen Ehemann. Die Romanfigur Emerence ist daher authentisch. Freunde und Bekannten dagegen sind ausgedachte Figuren, wie Magda Szabó, deren bevorzugte Themen Liebe und Verrat im Spannungsfeld alter und neuer Werte waren, zu Lebzeiten einer französischen Literaturkritikerin selbst verriet.

Luitgard Koch

Die Verfilmung eines bekannten Romans. Magda ist Schriftstellerin. Sie ist dabei, einen Roman zu schreiben. Und das gelingt ziemlich gut. Denn sie erhält dafür den in Ungarn angesehenen Kossuth-Preis.

Sie lebt mit ihrem Mann Tibor. Sie will sich ihrem Schriftstellerdasein widmen; die Hausarbeit wird ihr zuviel. In der Nachbarschaft wohnt Emerenz, eine schon etwas ältere Frau, um die es anscheinend ein Geheimnis gibt. Denn sie lässt zum Beispiel niemals jemand in ihre Wohnung.

Magda spricht Emerenz an. Diese ist einverstanden, jedoch nur unter den von ihr gewählten Bedingungen. Emerenz ist vom alten Schlag. Respekt, Distanz, gesellschaftlicher Unterschied – sie redet beispielsweise Magdas Mann mit „Gebieter“ an -, äußerste Genauigkeit, Eigenständigkeit, das sind bei ihr Werte, die noch zählen.

Das Verhältnis zwischen den beiden Frauen entwickelt sich entsprechend. Mehr als einmal kracht es. Und dann kommt es doch zu so etwas wie Nähe. Immer mehr. Sogar ihr Geheimnis gibt Emerenz preis – ein banales Geheimnis. An dramatischen Vorfällen fehlt es nie. Und dann ist es irgendwann Zeit zu sterben.

Ungarn, 60er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Die Lebensgeschichte der Emerenz, die während der nazistischen

Verfolgungen ein jüdisches Kind als ihr eigenes ausgab, es dadurch rettete und sich deshalb mit ihrem Vater überwarf; die sehr ausgeprägte Psychologie der beiden Frauen; die entschiedenen Lebensweisheiten, die Emerenz parat hat und die vor allem auch den Tod mit berühren; die atmosphärische Schilderung der Epoche sowohl was das eigenwillige Leben der Emerenz als auch den Haushalt bzw. die Ehe Magdas sowie des unmittelbaren Umfeldes betrifft; die dramatisch-tragischen Geschehnisse im Leben der Beteiligten – das alles hat der bekannte ungarische Regisseur Istvan Szabo eng auf der Grundlage der literarischen Vorlage zusammengefasst und anschaulich geschildert.

Rentieren tut sich der Film aber insbesondere wegen der beiden Schauspielerinnen, die ihn tragen: Helen Mirren, eine Ikone des britischen Films und hier zur perfekten Personifizierung der Emerenz aufgeblüht, sowie Martina Gedeck als Magda: maßvoll, überzeugend und angenehm. Beide sind sehenswert.

Thomas Engel