Hirschen – Da machst was mit!

Dass österreichische Filme nicht selten mit schrägem Humor aufwarten, beweist diesmal Regisseur George Inci. Der lässt in seiner skurrilen Heimatkomödie in einem idyllischen Bergdorf in Osttirol lustvoll Anarchie einziehen. Sein leicht überkandidelter Austria-Trash hat trotz aller Überzeichnung subtil sozialkritische Töne, wenn dörfliche Verschwörer listig versuchen ihre marode Gemeinde, und damit sich selbst, zu retten. Das pfiffige No-Budget-Projekt überzeugt mit einer Riege origineller Laienschauspieler gepaart mit schrulliger Situationskomik. Ein lokaler Indiefilm vor uriger Landschaft abseits jeglichen Mainstreams.  

Webseite: www.Hirschen-Film.com

Österreich, Deutschland 2014
Regie und Buch und Kamera: George Inci
Darsteller: Sepp Lusser, Beatrice v. Moreau, Thomas Widemair, Ruth Ebner, Joseph Holzknecht, Bernhard Wolf
Länge: 126 Minuten
Verleih: Hirschen Filmverleih
Kinostart:  4.Juni 2015

FILMKRITIK:

Scharenweise verlassen die Bewohner des idyllischen Bergdorf Hirschen ihr abgelegenes Tal. Grund: Die einzige Fabrik der kleinen Gemeinde meldete Konkurs an und schloss ihre Pforten. Als ob das nicht schon Unglück genug wäre, stirbt auch noch der Pfarrer (Alois Bergmann), als die geschrumpfte Einwohnerschaft in der Kirche um Hilfe fleht. Aufgeben will trotzdem keiner. Vor allem die illustre Stammtischrunde mit Bürgermeister Albrecht Sonnweber  (Thomas Widemair), Metzgermeister Wille (Josef Lusser), Landarzt Obermoser (Joseph Holzknecht) und Mechaniker Schuhmacher (Bernhard Wolf) wehrt sich vehement.
 
Jedoch erst als Paul Gandhi (George Inci) in das Tal kommt, wendet sich das Blatt. Der Geologe verunglückt bei einem Wildunfall. Der Arzt versorgt ihn, der Mechaniker repariert sein Auto, und auch die Frauen der Gemeinde kümmern sich rührend um den neuen, mehr oder weniger unfreiwilligen Gast. Und so hat die Stammtischrunde plötzlich eine geniale „Geschäftsidee”. Mit kreativen, aber nicht ganz legalen Mitteln locken sie immer mehr Besucher in den abgelegenen Ort. Das beschauliche Dorf blüht wieder auf. 
 
Alle freuen sich, bis Gandhi die sonderbaren Vorgänge zu hinterfragen beginnt. Zudem kommt selbst der Rück-Rück-Versicherung die Sache mit den vielen Schadensfällen allmählich merkwürdig vor. Aber auch der schneidige Landespolitiker Dr. Hans Kröck (Gebhard Widemair) stellt sich quer. Er überlegt, Hirschen den Strom abzuschalten und das Dorf auszusiedeln. Alles scheint nun endgültig aus dem Ruder zu geraten.
 
Der krude Heimatschwank lebt vom Charme des Umständlichen und Unbeholfenen. Jede einzelne Szene ist gelungen, allerdings auf ihre ganz eigene Weise. Qualität erhält hier eine neue Definition. Das meiste ist so offensichtlich dilettantisch, dass es, trotz Längen, eben schon wieder besonders ist. Der musikalisch untermalte Austro-Trash erinnert in seiner Machart an die abgefahrene Krimiparodie „Müllers Büro“ Ende der 1980er Jahre. Zwar reicht er nicht unbedingt an den Dauerbrenner „Kottan ermittelt“ heran. Aber, wenn Lokalpolitiker Kröck Arien schmettert, befeuert das unwillkürlich den Wahnwitz um die Figur des  grandios abgedrehten Polizeipräsidenten aus der legendären Kultserie.
 
Schon die Entstehung der No-Budget-Produktion ist eine sagenhafte Underdog-Geschichte. Denn der schräge Indiefilm war für Regisseur George Inci eine 16-jährige Odyssee. Allein über acht Jahre schrieb der deutsch-türkische Schauspieler, den die ewigen Rollen von Kleinkriminellen bis zum Autodieb, die er als Türke angeboten bekam, nervten, am Drehbuch. Von diversen Geldgebern immer wieder im Stich gelassen, gab der Wahlberliner beinahe auf. Schließlich überredete ihn die gebürtige Münchnerin Beatrice von Moreau dazu, sein Drehglück in Österreich zu probieren. „Das Glück ist mit den Mutigen“, sagt der frischgebackene Produzent heute zu Recht.
 
In Osttirol fanden die beiden dann auch ihr Filmdorf. „Wir sind rein gefahren und haben uns gedacht, das gibt’s ja nicht – genau so ist es im Drehbuch beschrieben“, erzählt Beatrice von Moreau. Nach einer Gemeindeversammlung war ganz Außervillgraten auf den Beinen, um das ambitionierte Projekt zu unterstützen. Der 800-Seelen-Ort erlebte seine große Stunde. Die Mitglieder der ansässigen Theatergruppe übernahmen spontan die Hauptrollen. Am Ende halfen, angefangen von der freiwilligen Feuerwehr bis zur Musikkapelle, alle mit, das schwarzhumorige Heimatmärchen zu realisieren.
 
Luitgard Koch