Hockney

So lichtdurchflutet und farbenfroh wie seine Werke ist auch der Film über den britischen Künstler David Hockney: Das Biopic von Randall Wright entstand in enger Zusammenarbeit mit Hockney, der offenbar seit seiner Jugend ständig eine Kamera dabeihat. So gibt es eine überwältigende Fülle authentischen Materials inklusive vieler Bilder aus seinem Privatleben. Zusätzlich gewürzt durch Interviews und Gespräche mit Freunden und Weggefährten ist ein spannendes Zeitdokument entstanden: ein heiterer, beinahe fröhlicher Film, der vom Leben und Werk eines überaus sympathischen Künstlers erzählt.

Webseite: www.arsenalfilm.de

GB/USA 2014
Dokumentarfilm
Sprache: OmU
Regie: Randall Wright
Länge: 112 Minuten
Verleih: Arsenal
Kinostart: 15. Oktober 2015
 

FILMKRITIK:

Er war schon als Junge etwas Besonderes: Der kleine David war besessen vom Zeichnen und vom Malen, wobei ihn seine Eltern nach Kräften unterstützten. Er wuchs in bescheidenen Verhältnissen in Bradford auf, einer Industriestadt in Yorkshire/England. 1959 – mit 22 Jahren – ging er nach London. Als Kunststudent des Royal College of Art fand er schnell Eingang in die Londoner Bohème mit ihren Werbe- und Modedesignern, Film- und Theaterleuten, Literaten, Fotografen und Musikern. Er zeichnete und malte wie besessen. Seine Bilder hatten schon damals einen eigenwilligen Stil – er kümmerte sich wenig um modische Tendenzen, blieb gegenständlich, wenn Abstraktes angesagt war, mixte Stilrichtungen, wie es ihm beliebte, und ließ sich weder künstlerisch noch privat in irgendeine Schublade stecken. Durch den Verkauf seiner Bilder für 15, 20 oder 25 £ (immerhin!) und durch einen Kunstpreis kam er an das Reisegeld, um nach New York umzuziehen, seinerzeit berühmt für Pop Art und eine sehr aktive Homosexuellenszene. Von dort ging es nach Kalifornien, wo viele seiner bekanntesten Werke entstanden, wie die berühmten Swimmingpool-Bilder. Auf vielen ist sein damaliger Lebensgefährte Peter Schlesinger zu sehen. Das Bild „A Bigger Splash“ wurde zu einem Markenzeichen von Hockney, ebenso wie sein blonder Haarschopf, und zum Titel eines Dokumentarfilms über sein Leben in Kalifornien. Aus Lebenskrisen, wie der Trennung von Schlesinger, ergaben sich häufig künstlerische Neuanfänge, die man Schaffensperioden nennen könnte – ähnlich wie bei Picasso, Hockneys großem Vorbild. Später wurde Hockney auch zum gefragten Bühnenbildner, er arbeitete mit Fotocollagen und experimentierte mit ungewöhnlichen Techniken, wie mit Telefax, um seine Kunst an den Ausstellungsort zu übermitteln.
 
Aus seiner Homosexualität hat David Hockney nie ein Geheimnis gemacht, und nach eigenem Bekunden hatte er deshalb auch nie irgendwelche Probleme: „I lived in Bohemia, and Bohemia is a tolerant place“, sagt er im Film. Und sicherlich war es so: Er hat immer als Künstler mit Künstlern gelebt und die Annehmlichkeiten dieser toleranten Gesellschaft ebenso genossen wie seine allgegenwärtige Zigarette. Der schüchtern wirkende Engländer mit den gefärbten blonden Haaren und den pfiffigen, humorvollen Augen hinter der Eulenbrille ist nur äußerlich gealtert – die Leidenschaft ist geblieben, ebenso wie die Intelligenz, die mit jungenhafter Weisheit aus seinen Worten und Werken spricht.
 
Es ist prinzipiell ein großer Glücksfall, wenn der Porträtierte in einer Biographie selbst dabei sein kann. Auch wenn hier Randall Wright Regie führt, ist doch David Hockneys Einfluss unverkennbar und dominant, ohne störend zu wirken. Der alte Knabe ist eben ein Vollblutkünstler, er weiß, was er will, kennt sich aus, hat Geschmack und Stil, und deshalb war es eine kluge Entscheidung, ihn so intensiv einzubeziehen. Hockney fungiert als Sprecher, manchmal ironisch und damit very british, er sorgt für Stimmung und führt gelegentlich selbst die Kamera. Dass er in der Rückschau manche alte Wunde selbst wieder aufreißt, macht ihn noch sympathischer. Randall Wright zollt auch formal dem Künstler die höchste Ehre, denn je nach den Lebensphasen ist der Film mal verspielt und bunt, gern auch angelehnt an Hockneys Bilder in Überblendungen und Split Screens, mal ein wenig melancholisch oder mit grimmigem Humor. Die Interviews mit Familie und Freunden sind angenehm dosiert und zeigen ohne jede Anbiederung, dass Hockney von vielen geliebt und von allen geachtet wird.
 
Kurz und knapp: Das ist ein schöner Film. Auch wenn „Hockney“ wohl nicht das ganz große Publikum finden wird, ist er doch als Zeitdokument und Biopic ein Muss für Kunst- und Kulturfans und natürlich für alle, die sich für „Swinging London“ und die wilden Siebziger interessieren.
 
Gaby Sikorski