Holidays by the Sea

Wenn es nichts zu sagen gibt, muss man auch nicht reden. Daran hält sich Pascal Rabaté und hat in der großen Tradition von Jaques Tati einen Film gedreht, der ohne Dialoge auskommt und dennoch keine Pantomime ist. Seine kleinen Geschichten über Urlauber am Meer zeigen originelle Typen in Situationen, die sich zur Groteske steigern. Das hat viel Witz, die Komik bleibt dennoch eher verhalten und leise.
Vielleicht kann der augenblickliche Boom französischer Komödien auch diesem Film helfen, sein Publikum zu finden. Wer die Werke von Jaques Tati oder Jean-Pierre Jeunot („Micmacs“) schätzt und sich auf eine kunstvolle, leicht manierierte Form des Geschichtenerzählens einlassen möchte, wird sich jedenfalls amüsieren, wenn es heißt: Auf zum Urlaub am Meer!

Webseite: www.movienetfilm.de

Frankreich 2011
Regie und Drehbuch: Pascal Rabaté
Darsteller: Jaques Gamblin, Maria de Medeiros, François Damiens, François Morel, Dominique Pinon, Arsène Mosca
77 Minuten
Verleih: Movienet Film
Kinostart: 5. Juli 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Hierzulande nicht sehr bekannt sind die französischen Badeorte am Atlantik rund um die Loiremündung mit ihrem leicht abgeblätterten Charme, der wenig zu tun hat mit dem Glamour der Côte d’Azur. Die langen, weißen Strände, der weite Ozean, die guten Restaurants – da kann der Großstädter richtig abschalten. Sogar in der Nachsaison, wenn der kühle Wind über den leeren Strand fegt und schon fast alles für den Winterschlaf eingepackt ist, lockt das Meer. An einem spätsommerlichen Wochenende treffen sich noch einmal Camper, Nudisten, Rentner, Teenies und Gauner zur Entspannung am Strand, zu Golfspiel und Drachensteigen, zur Scrabblepartie und vielleicht sogar für einen kleinen Seitensprung? Das Städtchen ist beinahe entvölkert – die meisten Einwohner sind offenbar auf einer Beerdigung. In der Nacht wird ein Sturm den Campingplatz verwüsten, aber er wird auch für klares Wetter und klare Verhältnisse sorgen.

Pascal Rabaté macht mehrere Paare zu Helden, mit denen er seine Geschichten erzählt, die sich im Verlauf geschickt miteinander verflechten. Wenn es vorrangig um Ferien am Meer geht, so handelt doch der Film eigentlich von der Liebe in all ihren Facetten zwischen Sex und Begierde, Verständnis und Innigkeit, Treue und Betrug, aber er erzählt auch von Wehmut und Verlust. Doch da es sich um eine Komödie handelt, noch dazu um eine französische, lassen sich sogar der Trauer witzige und charmante Aspekte abgewinnen.

Das alles ist hübsch anzusehen und gut verteilt auf die zahlreichen Protagonisten, allesamt typgerecht besetzt mit markanten Gesichtern aus der französischen Theater- und Filmkunstszene. Es gibt ein Wiedersehen mit Dominique Pinon („Delicatessen“, „Micmacs“) und mit François Damiens („Nichts zu verzollen“), mit der wunderbaren Maria de Medeiros („Huhn mit Pflaumen“, „Mein Leben ohne mich“) und Jaques Gamblin („C’est la vie – so ist das Leben“). Die vier spielen zwei Ehepaare mit zwei identischen Autos. Man liebt sich eigentlich über Kreuz, aber während sich das eine Pärchen ein heimliches Schäferstündchen gönnt, sind die anderen beiden am Strand geblieben und finden erst nach vielen Verwicklungen zueinander. Aber da sind auch die beiden Gauner, die Rentner, die Eltern im Wohnwagen, die beiden halbwüchsigen Töchter und ihre Lover, das Punkerpärchen, die Witwe und ihre Tochter, der SM-Fan und seine Domina, die ihn ans Bett fesselt und umgehend mit seinem schicken Sportflitzer abhaut. Hier geht’s also nicht nur typisch zu, sondern auch ein bisschen oh lala.
Rabaté arbeitet mit Klischees und ist bemüht, seinen Helden vielfältiges Leben einzuhauchen. Das muss er auch, denn es gibt ja keine Dialoge, und so sind die Klischees notwendig für das Verständnis des Films und für den Fortgang der Handlung. Das klappt oft überzeugend unprätentiös: Das Rentnerpaar in seiner kleinen Hütte ist so liebevoll und witzig gezeichnet, dass man hier gut auf jede Form von Dialog verzichten kann. Gleiches gilt für Mutter und Tochter, die sich in ihrer stummen Trauer über den verloren Ehemann und Vater einig sind. Auch die Domina und ihr Sklave mit dem Rosenstrauß im Hintern müssen nicht sprechen, damit man die Ausgangslage versteht. Hier funktioniert die Komödie bestens: starke Figuren, eine eindeutige Grundkonstellation, aus der sich eine Krise und daraus wiederum Situationskomik entwickelt. Warum Rabaté bei einigen Pärchen auf Konflikte verzichtet hat, wird wohl auf ewig sein Geheimnis bleiben. In einer Komödie ohne Dialoge wird es sofort langweilig, wenn die Probleme fehlen. Die golfspielenden Gauner, die beiden Punker – man sieht ihnen gern zu, aber es passiert wenig bis gar nichts zwischen ihnen. Hier bleiben die Personen unscharf, die Komik beschränkt sich auf gelegentliche, beziehungsfreie Gags. Besonders in diesen Szenen vermisst man die Sprache, das Spiel ohne Dialog wirkt aufgesetzt und holprig. Schade eigentlich, auch wenn der Verzicht auf klassische Erzählstrukturen als künstlerische Mutprobe ansonsten durchaus gelungen ist.

Humor im Film – das ist fürs Publikum eine ziemlich persönliche Angelegenheit, gelegentlich auch abhängig von der Tagesform. Die einen mögen es eher krawallig, einige bevorzugen Dialogkomödien, andere schätzen eher die luftig leichte oder die poetische Komik. Rabaté greift überwiegend zu Letzterem, allerdings ohne übertriebene Feinfühligkeit, als wolle er dem Publikum sagen: „Passt auf, liebe Leute, ich bin zwar sensibel und romantisch, aber ich kann auch anders.“ Das zeigt sich dann an Kleinigkeiten. Da pinkelt der gefesselte SM-Sklave ins Bett, was eigentlich nicht besonders ulkig ist, oder die Leiche muss ein bisschen in Form gebracht werden, damit sie in den Sarg passt. Hier blendet Rabaté gnädig ab, bevor die Knochen krachen.

Am Ende schließt sich der Kreis, der Sturm ist abgezogen, das verrückte Wochenende ist vorüber, die Sommerfrischler fahren nach Hause, der Badeort wird eingemottet und draußen, vor dem Kino, wartet der schnöde Alltag. Auch auf

Gaby Sikorski

Die Straßen sind leer, die Menschen – und zwar jede erdenkliche Sorte – halten sich am französischen
(Atlantik-)Strand auf; es sind Sommerferien.

Da ist der Mann, der Drachen steigen lässt, mit seiner Frau. Als der Drachen außer Kontrolle gerät, setzen die Tücken des Schicksals ein. Da ist die Familie mit zwei pubertierenden Töchtern, die nachts ausbüchsen.

Da sind die beiden dicken Golfer, die mit ihren Bällen Hasen und Menschen treffen, aber nicht einlochen. Da ist der Sado-Maso-Kunde, der von seiner Domina traktiert und dann gefesselt im Stich gelassen wird. Da ist die Familie mit dem Zelt, das der Sturm erledigt.

Da ist in einem winzigen Häuschen das beleibte Ehepaar; sie hätte Sexgelüste, was ihrer Lektüre untrüglich anzumerken ist, er ist zu stur. Da sind die beiden Paare, die zum Sex offenbar die Partner tauschen.

Und da ist das Traurigste von allem: ein Toter, das ausführliche zeremonielle Begräbnis, die regungslosen Trauergäste, die Witwe, die Waise.

Das Nudistencamp nicht zu vergessen.

Ein spezieller Film. Warum? Er lebt von seinen lustigen, bizarren Einfällen, von denen einer den anderen ablöst. Köstliche Ideen.

Todernst spielen alle das Komische. Während der gesamten Spieldauer fällt kein einziges Wort. Nur die ausgesuchte musikalische Untermalung begleitet diesen absurd-wirklichkeitsnahen Sommeraufenthalt. Dieses Campingareal: eine groteske Welt für sich.

Bekannte Schauspieler wie Jacques Gamblin, Maria de Medeiros oder Dominique Pinon sind dabei. Regisseur Pascal Rabaté bewegt sich seinerseits wahrlich nicht auf ausgefahrenen Gleisen, sondern auf seinen eigenen. „Weit hinter dem Ural“ ist die Bezeichnung der Produktionsfirma. Das will doch auch schon etwas heißen.

Ein köstlicher Film. Ein Film mit Esprit.

Thomas Engel