Holy Cow

Wie eine Kuh in einem abgelegenen Dorf in Aserbaidschan zu einer kleinen Revolution führt, davon erzählt Imam Hasanov in seinem zurückhaltenden, oft genau beobachteten Dokumentarfilm "Holy Cow." Mit seiner dezenten Herangehensweise gelingt es dem aserbaidschanischen Regisseur, interessante Einblicke in das traditionelle Leben zu geben.

Webseite: http://holycow-film.de

Aserbaidschan 2015 – Dokumentation
Regie, Buch: Imam Hasanov
Länge: 77 Minuten
Verleih: Rise and Shine Cinema
Kinostart: 18. Februar 2016
 

FILMKRITIK:

Seit dem Ende der Sowjetunion gehört die kleine Kaukasusrepublik Aserbaidschan zwar zu Europa, doch gerade in den abgelegenen Bergen spielt es kaum eine Rolle, wer in der mehr oder weniger weit entfernten Hauptstadt an der Macht ist. Hier läuft das Leben seinen gewohnten Gang, hat sich kaum etwas verändert, gibt es vor allem zwei unübersehbare Anzeichen der Moderne: Handys und Satellitenfernsehen. Letzteres wird mit riesigen Schüsseln auf geradezu vorsintflutliche Röhrenfernseher übertragen, der Empfang der Handys gestaltet sich dagegen deutlich schwieriger: auf einen Hügel unweit seines Hauses muss Tapdyg steigen, um sich nach dem Preis einer Kuh zu erkundigen.

Seit Jahren ist es der Traum des Vaters von drei kleinen Söhnen, sich und seiner Familie mit einer milchgebenden Kuh zu einem besseren Leben zu verhelfen. Ob seine Frau auch so begeistert von der Idee ist, für viel Geld ein Tier zu kaufen, mit dem sich die Rolle der Familie in der Dorfgemeinschaft ändern wird, ist etwas unklar. Begeistert scheint sie von dem Gedanken ebensowenig zu sein wie die Dorfältesten, die, wie das Dorfälteste eben so machen, in kleinen Grüppchen an der Hauptstraße oder im Café sitzen und das an ihnen vorbei ziehende Leben kommentieren. Und natürlich wird auch Tapdygs Gedanke, sich eine Kuh zu kaufen, ausgiebig diskutiert. Besonders die Idee, sich nicht etwa eine einheimische Kuh zu kaufen, sondern eine "europäische", sorgt bei den älteren Herren für Widerstand. Seit je gab es im Dorf eine ganz bestimmte Kuhart, warum sollte man daran etwas ändern? Doch Tapdyg hat seinen eigenen Kopf, schert sich nicht um Widerstand im Dorf und in seiner Familie und kauft sich schließlich eine prächtige schwarz-weiß gecheckte Kuh.

Wie sich sein Leben fortan entwickelt, sich durch Milch und Käseproduktion das Leben der Familie verändert, erzählt der aserbaidschanische Regisseur Imam Hasanov in seinem Debütfilm etwas abrupt. Manches Mal vermittelt "Holy Cow" den Anschein, dass nicht genügend Material zur Verfügung stand, um die Geschichte ganz rund zu erzählen. Kaum 75 Minuten ist die Dokumentation dadurch, die trotz ihrer kürze und ihres bewusst reduzierten Blicks, der sich ganz auf Tapdyg und seine Kuh konzentriert, viel vom Leben im Kaukasus erzählt.

Ohne die majestätischen Landschaften bewusst ins Bild zu rücken, ohne das karge, harsche Dorfleben in seiner traditionellen Einfachheit zu verklären, beobachtet Hasanov in bester dokumentarischer Manier einfach nur das Leben. Keine Musik, keine Interviews, keine über das was man sieht hinausgehenden Erklärungen brechen den Fluss der Beobachtung, an deren Ende zwar keine weltbewegenden Erkenntnisse stehen, aber dafür ein spannender Einblick in eine abgelegene Region Europas, die sich dem Kontinent noch nicht ganz zugehörig fühlt.
 
Michael Meyns