Hong Kong Trilogy: Preschooled Preoccupied Preposterous

Als langjähriger Stammkameramann von Wong Kar-wai prägte Christopher Doyle maßgeblich die stilprägende Ästhetik von Hongkong-Filmen wie „Chungking Express“ oder „In the Mood for Love“. Inzwischen betätigt sich der Australier auch als Regisseur. Auf Beiträge für die Kurzfilm-Kompilationen „Paris, je t'aime“ und „Beautiful 2014“ und den Thriller „Warsaw Dark“ lässt Doyle den 90-minütigen Dokumentarfilm „Hong Kong Trilogy: Preschooled Preoccupied Preposterous“ folgen. Thematisch verdichtet sich das essayistische Stadtporträt nach einem allgemeinen Auftakt zu einem Plädoyer für Freiheit und Demokratie, wobei Doyle als Regisseur und Kameramann in Personalunion naturgemäß einen starken Fokus auf das Visuelle legt.

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OT: Hoeng gong saam bou kuk
Hongkong 2015
Regie & Kamera: Christopher Doyle
Darsteller: Alex Bedwell, Jason Cheung, Selene Cheung, Thierry Chow, Pui Kit Chung, Chi-Kui Fong, Ping Yuk Fong
Länge: 90 Min.
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 15. Dezember 2016

FILMKRITIK:

Schon der umständliche Titel lässt erahnen, dass Doyle mit seinem Dokumentarfilm große Ambitionen verfolgt. In drei Kapiteln zu Schulkindern, jungen und älteren Erwachsenen porträtiert er Hongkong als flirrende Großstadt zwischen Asien und dem Westen. Sein Essay entfaltet sich anhand vieler Kurzporträts der Stadtbewohner, die Doyle mit Spitznamen versieht. Der pausbäckige „Vodka“ kommuniziert mit seinen beschäftigten Eltern fast nur via Skype, das Mädchen „Little Red Cap“ lebt mit ihrer religiösen Familie auf einem Hausboot, und der Rapper „Beat Box“ schreibt Texte mit politischen Botschaften.
 
Nach dem locker arrangierten Auftakt, der dem Verlauf eines Schultags folgt, gewinnt „Hong Kong Trilogy“ inhaltlich erst mit dem Kapitel über die „Umbrella Revolution“ an Konsistenz, wenn Doyle die Themen Freiheit und Demokratie ins Zentrum rückt. Während der „Umbrella Revolution“ im September 2014 demonstrierten vornehmlich junge Menschen für mehr politische Teilhabe und kampierten in hunderten Zelten auf der Straße, was ganze Stadtteile Hongkongs lahm legte. Doyle schwenkt über die Zelte und hört den Streikenden und Kunstaktivisten zu, wobei seine Sympathien auf Seiten der Demonstranten liegen. Text-Inserts erklären die Organisation des Protestcamps und nebenbei verweist Doyle auf die Rolle des Internets, wenn die Protagonisten Videos im Laptop schauen oder Botschaften ins Smartphone tippen. 
 
Als Kameramann legt Christopher Doyle natürlich viel Wert auf die formale Gestaltung. Vertikale und horizontale Linien strukturieren seine Bilder, wenn Wolkenkratzer dicht gedrängt in die Höhe schießen, Gitter aller Art das Bild rahmen oder die Kamera über Stadtpläne schwenkt. Ästhetisch ist das allemal interessant, auch wenn der Inhalt sicher in einem kürzeren Format hätte transportiert werden können. Weite Passagen von „Hong Kong Trilogy“ zeigen Stadtansichten zu Ambient-Musik, die selbst dann betulich bleibt, als Doyle damit die behördliche Räumung des „Umbrella“-Camps unterlegt.
 
Die Erzählformen weichen bald vom anfangs dokumentarischen Charakter ab. Von den Impressionen des Streiks aus entspinnt sich beispielsweise eine skurrile Spielszene, in der Streifenpolizisten einen Jungen drangsalieren, weil er den Boden vor einer Parkbank mit Krümeln übersät. An anderer Stelle stellt Doyle das berühmte Gemälde „Der Tod des Marat“ nach, das Paul Marat als Toten in der Badewanne zum Märtyrer der Französischen Revolution stilisiert. Und ganz plakativ zitiert Doyle auch die Friedensbotschaft aus Lennons „Imagine“ herbei, die sein Plädoyer für mehr Freiheit und Demokratie in nuce enthält: „Imagine all the people, living life in peace.“
 
Christian Horn

So winzig der Stadtstaat Hong Kong auch ist, viele kulturelle, politische und soziale Besonderheiten machen die flirrende Metropole zu einem faszinierenden Ort. Das sieht auch der australische Kameramann Christopher Doyle so, seit Jahren lebt und arbeitet er in Hong Kong und hat nun mit „Hong Kong Trilogy“ eine eigenwillige Hommage an seine Wahlheimat gedreht.
 
Berühmt wurde Christopher Doyle als Kameramann von Wong Kar-Wai, mit dem er Klassiker des Großstadtkinos wie „Chungking Express“, „Happy Together“ oder „In the Mood for Love“ drehte. Die flirrenden, farbgesättigten Bildern Doyles, die impressionistisch und beiläufig wirkten, trugen erheblich zur Faszination bei und festigten den Ruf Hong Kongs als vibrierende, mitreißende Metropole. Davon ist in „Hong Kong Trilogy“ kaum etwas zu spüren, denn in seinem durch Kickstarter finanzierten Film, vermeidet Doyle bewusst die meisten Klischees, die beim Gedanken an Hong Kong als erstes in den Sinn kommen.
 
Keine Leuchtreklamen sind zu sehen, keine hypermodernen Glasbauten, keine Menschenströme, die sich durch enge Straßen quetschen und vor allem für den Konsum leben. In drei lose strukturierten Episoden namens Preschooled, Preoccupied und Preposterous widmet sich Doyle grob gesagt einigen Schulkindern, Studenten und älteren Bürgern. Wollte man einen roten Faden finden, könnte man am ehesten sagen, dass sich die Geschichten und Personen um die Frage drehen, wie man in der Gegenwart in Hong Kong leben kann und will. Doch dieser rote Faden ist mehr als dünn, so dass „Hong Kong Trilogiy“ über weite Strecken aus Momentaufnahmen besteht, aus Beobachtungen des Alltags, aus zum Teil augenscheinlich inszenierten Szenen, die meist von leichter Komik geprägt sind.
 
Schön zu beobachten ist das immer, sein präzises Auge hat Doyle nicht verloren, auch wenn er sich hier nie zu solch elaborierten visuellen Einfällen erhebt, wie er es in seinen besten Arbeiten als Kameramann tat. Ein klassische Porträt der Stadt, ein Versuch, die Besonderheiten der ehemaligen britischen Kronkolonie einzufangen ist „Hong Kong Trilogy“ dadurch nie, und auch die aktuellen politischen Verwerfungen werden nur im mittleren, dem spannendsten Teil des Films thematisiert.
 
Ein wenig überrascht es, mit welcher Sympathie der meist bärbeißig und unpolitisch wirkende Doyle hier die jungen Studenten zeigt, die im Zuge der globalen Occupy-Bewegung einen lokalen Ableger initiierten und für mehrere Wochen weite Teile der Innenstadt lahm legten. Was in westlichen Metropolen wie New York oder London nicht weiter bemerkenswert gewesen wäre, in Hong Kong aber umso mehr. Schließlich ist die Regierung zwar offiziell unabhängig, wird jedoch zunehmend von China beeinflusst, was vor allem bedeutet, dass die demokratischen Errungenschaften Hong Kongs reduziert werden und sich das System langsam aber sicher dem speziellen chinesischem Weg des autoritären Kapitalismus annähert.
 
Berücksichtigt man zusätzlich die traditionelle chinesische Zurückhaltung muten die wochenlangen Proteste tausender junger Studenten umso bemerkenswerter an. Ganze Siedlungen von Zelten bildeten sich auf Hauptstraßen, auf öffentlichen Grünflächen wurde Gemüse angepflanzt und ganze Wände mit hoffnungsvollen Botschaften beklebt. Nach 79 Tagen war der sanfte Protest, der als Regenschirm Bewegung bezeichnet wurde, zwar Geschichte, doch zumindest das darf sich Christopher Doyle zu Gute halten: Die Proteste mit seinem ansonsten etwas allzu mäanderndem Film „Hong Kong Trilogy“ auf einfühlsame Weise für die Nachwelt erhalten zu haben.
 
Michael Meyns