Honig im Kopf

Welch kühner Coup: Der erfolgreichste Komödien-Regisseur des Landes dreht mit dem ungekrönten Comedy-Altstar einen Film – über Demenz. Ein denkbar heikles Thema, zudem hochgradig kitschgefährdet. Doch Til Schweiger (zugleich Ko-Autor) gelingt der Balanceakt einer bewegenden Tragikomödie, die dieser grässlichen Fratze Alzheimer mit dem richtigen Humor grandios Paroli bietet. Dieter Hallervorden als zunehmend umnachteter Großvater läuft zu Höchstleistung auf – grade so, als hätte er sich bei „Sein letztes Rennen“ erst warmgelaufen. Schweiger-Tochter Emma sorgt als resolute Enkelin charmant unverkrampft für den kindlich unbefangenen Blick auf jene Krankheit, für die der Titel eine wahrlich poetische Metapher gefunden hat. Mögen die üblichen Schweiger-Basher weiter in selbstgefälligem Sarkasmus schmoren, das Publikum wird begeistert das Kafka-Zitat realisieren: Im Kino gewesen. Geweint.

Webseite: www.honigimkopf.de

D 2014
Regie: Til Schweiger
Darsteller: Emma Schweiger, Dieter Hallervorden, Til Schweiger, Jeanette Hain, Jan Josef Liefers, Katharina Thalbach, Tilo Prückner, Fahri Yardim
Filmlänge: 136 Minuten
Verleih: Warner Bros
Kinostart: 25.12.2014
 

FILMKRITIK:

„Ich finde ja nicht mal mehr den Weg nach Dingsbums. Ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen!“, nach dem Tod seiner Frau geht es mit Tierarzt Amandus Rosenbach (Dieter Hallervorden) geistig rapide bergab, eine bittere Wahrheit, die ihm zunehmend bewusst wird. Als er mit seinem Alltag immer schlechter zurecht kommt, holt ihn sein erfolgreicher Sohn Niko (Til Schweiger) in sein luxuriöses Familienheim auf dem Land. Die Schwiegertochter reagiert zunehmend gereizt auf das Chaos, das Amandus alsbald in ihrem trauten Anwesen anrichtet, umso mehr freut sich Enkelin Tilda (Schweiger-Tochter Emma) über den Besucher. Sie zeigt instinktiv Empathie und findet den richtigen Umgang mit ihrem vergesslichen Opa. Entsetzt reagiert sie auf die Pläne, dass der Senior ins Pflegeheim abgeschoben werden soll. Als der Kinderarzt ihr erklärt, wie gut alte Erinnerungen auf demente Patienten wirken, reist die Elfjährige mit dem Großvater spontan nach Venedig, wo er einst seine Flitterwochen verbrachte. Die Odyssee des ungleichen Paares gerät zum Road Movie über die Alpen, per Zug, im Tiertransporter und schließlich zu Fuß wird schließlich das Ziel erreicht. Mittlerweile sind auch die besorgten Eltern in Venedig angekommen, wo es nach etlichen turbulenten Zwischenfällen zum bewegenden Finale kommt.
 
Wie schon beim Publikumsliebling „Knockin’ on Heaven’s Door“ macht Schweiger das bittere Thema einer tödlichen Krankheit zum Gegenstand einer Tragikomödie, die souverän die Balance zwischen Trauer und Komik hält. Dass Schweiger und seine Ko-Autorin Hilly Martinek (von der die wunderbare Metapher des Titels stammt) die Folgen von Demenz in ihrem unmittelbaren Familienkreis selbst miterlebt haben, ist der Wahrhaftigkeit dieser Geschichte spürbar anzumerken. Da verwundert es kaum, dass dem Film die realistische Darstellung des Krankheitsverlaufs von der Deutschen Alzheimer Gesellschaft attestiert wird. Eigentlich ist längst Ende mit lustig, wenn der verwirrte Amandus in den Kühlschrank pinkelt, eine Hecke verschandelt oder fast die Küche abfackelt – doch gerade dieser Slapstick, der an Schmerzgrenzen geht, erzeugt jenen emotionalen Effekt, dem man sich kaum entziehen kann. Er zeigt, welche Belastung für Angehörige entsteht. Zugleich, mit welcher intuitiven Leichtigkeit Kinder auf solche Situationen reagieren und sichtlich ungezwungen mit dieser Krankheit umzugehen verstehen. „Diese Patienten benötigen eine Aufgabe und das Gefühl, gebraucht zu werden“, erklärt der Arzt der kleinen Tilda, und die setzt diesen Rat rigoros um.
 
Eine Geschichte wie diese kann nur funktionieren mit einem glaubwürdigen Charakter-Darsteller. Mangels heimischer Kandidaten wollte Schweiger ursprünglich in England drehen, hatte Michael Caine und John Hurt auf dem Wunschzettel seiner Besetzung. Dann kam, „Palim, Palim“, der Hallervorden und zeigte in „Sein letztes Rennen“, das weit mehr als „Nonstop Nonsens“-Können in ihm steckt. Als hätte er sich dort erst warmgelaufen, präsentiert sich der 79-Jährige hier in Höchstform mit Gänsehaut-Faktor. „Meinen Sie mich?“ fragt er entgeistert mit leerem Blick in Venedig seine Enkelin und liefert eine der bewegendsten Szenen des Kinojahres. Schweigers jüngste Tochter Emma, die seit „Barfuß“ zum festen Ensemble des Papas gehört, bietet gleichfalls eine überzeugende Leistung. Wie bei jedem Schweiger fehlt es nicht an prominenten Gastauftritten. Neben dem „Tatort“-Quoten-Rivalen Jan Josef Liefers treten Katharina Thalbach, Tilo Prückner und Mehmet Kurtuluş auf. Natürlich darf Schweigers „Tatort“-Sidekick Fahri Yardim nicht fehlen, der mit üblicher Lässigkeit, so mal zwischendurch, für den nötigen Comic-Relief in Sachen Migranten-Status sorgt: „Wenn meine Eltern aus dem Sudentenland wären, wäre ich längst Deutscher!"
 
In Zeiten, in denen der deutsche Film für seine Verzagtheit, die künstlerische und kommerzielle Erfolglosigkeit so gescholten wird wie lange nicht mehr und das eingefahrene Fördersystem auf dem Prüfstand steht, beweisen Schweiger und Hallervorden: Wir können auch anders – Kino mit Relevanz und Haltung!

Dieter Oßwald