Horse Money

Mit „Horse Money“ kommt zum ersten Mal ein Film des Portugiesen Pedro Costa in die deutschen Kinos, der sich in den letzten Jahren zu einem der bedeutendsten Regisseure der Gegenwart entwickelt hat. Dass seine Filme fast nur auf Festivals zu sehen sind macht sie ebenso enigmatisch wie ihre assoziative Erzählart, die jegliche Konventionen des konventionellen Kinos sprengt.

Webseite: http://grandfilm.de/horse-money

Portugal 2014
Regie, Buch: Pedro Costa
Darsteller: Ventura, Vitalina Varela, Tito Furtado, António Santos, Benvido Tavares
Länge: 104 Minuten
Verleih: Grandfilm
Kinostart: 8. Oktober 2015
 

FILMKRITIK:

Als Pedro Costa Ende der 80er Jahre begann Filme zu drehen, arbeitete er noch in den gewöhnlichen Strukturen des Kinos. Schnell hatte er jedoch genug von all den Zwängen, die eine Filmproduktion begleiten, wollte ohne großes Team arbeiten, vor allem aber außerhalb der narrativen Korsette, die auch das unabhängige Kino in aller Regel bestimmen. Für den 1994 entstandenen „Casa de Lava“ drehte Costa auf den Kapverdischen Inseln, einer vor der afrikanischen Küste gelegenen Inselgruppe und ehemalige Kolonie Portugals. Bewohner der Inseln gaben ihm Geschenke für ihre Verwandten mit, die nun in Portugal lebten und so kam Costa zum ersten Mal nach Fontainhas, einem am Rand von Lissabon gelegenen Viertel, oft als Slum bezeichnet, in dem vor allem Einwanderer der diversen portugiesischen Ex-Kolonien lebten.

Wenn man es pathetisch formulieren will, fand Costa hier seine Bestimmung, fand die Menschen, über die er bis heute Filme dreht bzw. um es genau zu sagen: mit denen er Filme dreht. Denn die eine lose Tetralogie formenden Filme „Ossos“, „In Vanda’s Room“, „Colossal Youth“ und nun eben „Horse Money“ bewegen sich im unbestimmten Raum zwischen Fiktion und Dokumentation. Die Rollen werden von Bewohnern aus Fontainhas übernommen, die in „Ossos“ noch Figurennamen trugen, danach unter ihrem eigenen Namen agierten, als Variation ihrer eigenen Persönlichkeiten.

Wie schon in „Colossal Youth“ ist das auch in „Horse Money“ Ventura, ein Mann von Mitte 60, der seit Jahrzehnten in Portugal lebt. Mitte der 70er Jahre arbeitete er auf Baustellen in Lissabon und kehrte Abends in sein ärmliches Quartier in Fontainhas zurück, ein Viertel, das inzwischen längst zerstört ist. Einem Autobahnkreuz ist es gewichen, die Bewohner in Sozialwohnungen fernab der Hauptstadt umgesiedelt. Aus den Augen, aber nicht aus dem Sinn, ebenso wie die Nelkenrevolution, die 1975 die Militärdiktatur beendete und auch den Beginn vom Ende der portugiesischen Kolonialzeit bedeutete. Doch die Folgen, die Konsequenzen dieser Ereignisse bestimmen auch die Gegenwart, die Geister der Vergangenheit lassen die Menschen nicht los.

In dieser Zwischenwelt spielt „Horse Money“, angesiedelt in einem verfallenden Krankenhaus, das auch ein Gefängnis sein könnte. Schlafwandlerisch bewegt sich Ventura durch die langen Gänge, liegt auf Pritschen, sieht Figuren, die wohl nur in seinem Geist existieren und ihn an seine Vergangenheit erinnern, nicht zuletzt einen Totschlag, für den er einst im Gefängnis war. Gefilmt hat Costa dies in ganz einfacher Digitaltechnik, die seit Jahren sein bevorzugtes Medium ist. Doch kaum jemand versteht es, die Beschränkungen dieser Technik so für seine Zwecke zu nutzen wie Costa. Die verschwindend geringen Kosten ermöglichen es ihm, jahrelang zu drehen, so lange nach den richtigen Bildern zu suchen, bis sich aus den einzelnen Bildern und Momentaufnahmen ein Film formt.

Das Ergebnis ist assoziativ, voller Verweise und Motive, taucht tief in die portugiesische Geschichte ein, nimmt den Fado, die sprichwörtliche portugiesische Melancholie als Ausgangspunkt einer Suche nach der Vergangenheit und ihrer Bedeutung für die Gegenwart. Einfach so weggucken kann man „Horse Money“ nicht, man muss sich auf ihn einlassen, Geduld mitbringen und Neugier. Tut man dies, wird man jedoch mit einem außergewöhnlichen filmischen Erlebnis belohnt.
 
Michael Meyns