Hotel Jugoslavija

Jugoslawien existiert schon lange nicht mehr, aber das „Hotel Jugoslavija“ am Rande der serbischen Hauptstadt Belgrad steht noch und wird von Regisseur Nicolas Wagnière in seiner gleichnamigen Dokumentation als Symbol für die Ambitionen und das Scheitern eines Landes benutzt. Teils persönlicher Essay, teils klassische Dokumentation bietet der angenehm kurze, pointierte Film einen spannenden Einblick in die Psyche einer Nation.

Webseite: www.dejavu-film.de

Dokumentation
Schweiz 2017
Regie: Nicolas Wagnières
Länge: 78 Minuten
Verleih: déjà-vu Film
Kinostart: 21. Februar 2019

FILMKRITIK:

Es ist ein typisch sozialistisches Gebäude: Das Hotel Jugoslavija, das sich etwas außerhalb des Stadtkerns von Belgrad im Stadtteil Novi Beograd befindet, an einem Seitenarm der Donau gelegen und langsam verfällt. Als Prestigeobjekt des jungen Staates Jugoslawien geplant, ordnete erst Staatslenker Tito in den 60er Jahren die Fertigstellung des Hotels an, dass das größte und modernste im ganzen Staat war.
 
Ein Symbol für das Volk sollte es sein, doch für den durchschnittlichen Bürger waren die Preise des Hotels natürlich unerschwinglich, der konnte sich nur aus der Ferne am Glanz des Hauses erfreuen. Auch nach dem Zerfall Jugoslawiens war das Hotel noch in Betrieb, bis es während des Kosovo-Krieges 1999 von Raketen der Nato getroffen wurde, die möglicherweise dem Kriminellen und Kriegsverbrecher Arkan galten, der zu diesem Zeitpunkt im Hotel lebte.
 
In den folgenden Jahren versuchten immer neue Investoren das Gebäude zu renovieren und zu modernisieren, doch die Pläne scheiterten immer wieder, wie so viele große Ideen in Serbien. Actionfilm-Freunde werden sich vielleicht aus dem Kevin Costner-Film „Drei Tage, um zu töten“ an das Hotel erinnern, wo es als Kulisse für eine Schießerei diente und noch ein bisschen mehr zerstört wurde.
 
2005, so erzählt er es in einer seiner langen Voice Over-Kommentare, die den Film durchziehen, entdeckte Nicolas Wagnières das Hotel, das ihm als Ausgangspunkt für einen Film geht, der in einem Hotel die Psyche einer Nation zu ergründen sucht. Zum Glück ist er nicht zu pedantisch was diese Metapher angeht, sondern nimmt sie nur als losen Ausgangspunkt einer Spurensuche, die vor allem auch persönlich ist. Er selbst ist zwar in Lausanne in der Schweiz geboren und aufgewachsen, doch seine Mutter stammte aus Jugoslawien und so verbrachte Wagnières als Junge viele Sommer dort, vor allem an den Stränden der Adria und dem Heimatdorf der Mutter.
 
Das Hotel, die langen Gänge, die einfachen Zimmer, die ausladende Eingangshalle, geprägt von großen Gasfassaden und Holzverkleidungen, filmt er in meist statischen Einstellungen, die in ihrer Strenge und in ihrer genauen Beobachtung oft an die Architektur-Filme von Heinz Emigholz erinnern. Doch wo dieser die Gebäude, die er zeigt, ganz für sich sprechen lässt, interessiert sich Wagnières auch für die Menschen, die in diesen Räumen arbeiteten. Ihre Erinnerungen machen einen Teil des Rückblicks auf ein untergegangenes Land aus, der von vielen Dokumentaraufnahmen weitergeführt wird. In vielen sieht man zwar auch das Hotel Jugoslavija in seinen besten Zeiten, wo es als Schaustück der Möglichkeiten des Sozialismus diente, doch Wagnières Blick geht weiter. Immer wieder zeigt er auch die Machthaber Tito und später Milošević, die das Land prägten und ruinierten.
 
Der Verfall eines Hotels mag angesichts der Krisen, die Jugoslawien und Serbien erlebte vernachlässigenswert erscheinen, doch in Nicolas Wagnières behutsamen Ansatz wird das Scheitern des Hotel Jugoslavija zum prägnanten Symbol für viel mehr.
 
Michael Meyns