Hubert von Goisern – Brenna tuat’s schon lang

Mit seiner systemkritischen Protesthymne „Brenna tuat`s guat“ traf Alpinrocker Hubert von Goisern in Zeiten von Gier und Finanzkrise den Nerv und landete seinen Nummer-Eins-Hit. Jetzt setzt  der Kultregisseur des modernen bayerischen Heimatfilms Marcus H. Rosenmüller dem Globetrotter aus dem Salzkammergut und seinem Alpenrock zwischen Poesie und Provokation ein filmisches Denkmal. Nicht umsonst trägt seine mitreißende Hommage den Titel „Brenna tuat`s scho lang“. Denn schließlich beweist Hubert von Goisern nicht erst seit gestern, dass der wahre Sound des Alpenraums fernab von Musikantenstadl und Volkstümelei liegt.

Webseite: www.movienetfilm.de

Österreich/Deutschland 2015
Regie: Marcus H. Rosenmüller
Kamera: Johannes Kaltenhauser
Schnitt: Petra Hinterberger
Darsteller: Hubert von Goisern, Hage Hein, Konstantin Wecker, Walter Niedecken, Xaver Naidoo.
Länge: 95 Minuten
Verleih: movienet
Kinostart: 23. April 2015
 

FILMKRITIK:

„A Hiatamadl mog i net“, singt Hubert von Goisern mit seinen Alpinkatzen und zerreißt dabei fast seine Ziehharmonika. Schweiß tropft ihmvon der Stirn. Seine Fans toben. Der umtriebige Musiker aus dem Salzkammergut hat seinen ersten Gipfel erreicht. Das „Hiatamadl“ kennt bald jeder. Sein rockiger Aufguss des traditionellen Tanzlieds stürmt jodelnd die Hitparaden. Damit gelingt dem inzwischen 61jährigen Anfang der 1990ziger Jahre der Durchbruch. Doch als Einstieg und Leitmotiv zu seinem stimmigen Dokumentarfilm, der dem Menschen Hubert Achleitner ungewöhnlich nahe kommt, wählt der bayerische Kultregisseur Marcus H. Rosenmüller freilich ein ganz anderes Bild.
 
Langsam lenkt Hubert von Goisern seinen Kahn in der graublauen Morgendämmerung aus dem dunklen Bootshaus hinaus auf den spiegelglatten Hallstätter See. Der Künstler als Fischer, der mit Geduld und Ausdauer die Stromschnellen seiner Karriere umschifft, seine Angelschnur auswirft mit dem Gedanken und Vertrauen auf sein Glück. Assoziationen wie diese führen authentisch aus der provinziellen Enge. „Der Künstlername Hubert von Goisern is praktisch a Racheakt“, verrät der weltoffene Gebirgsmensch mit Blick vom See in die Kamera, „weil i hab mi nie richtig akzeptiert gfühlt“.
 
Dass die eingefleischten Traditionalisten sich in seinem oberösterreichischen Heimatort Goisern mit ihm nicht leicht getan haben, zeigt eindrücklich eine der ersten Rückblenden. Etwas unsicher betritt der junge Hubert einen vollbesetzten Wirtshaussaal. „I woß net, bist du wirklich selber der Meinung, dass das was du jetzt machst die zukünftige Volksmusik is“, will einer der Trachtler kopfschüttelnd von ihm wissen. „und dass du hupfa musst bei deana schena Musik is mir a unerklärlich“, setzt er nach. „I huapf hoid gern“, antwortet der achselzuckend.
 
Zu dieser Zeit ist der Hubert, nicht zuletzt wegen seiner langen Haare, längst aus der örtlichen Blaskapelle geflogen und hatte in Wien sein Glück versucht. Als Hubert Sullivan bemüht er sich in verschiedenen Szenekneipen einen Gig zu bekommen. Die Anekdote, wie er seinen ersten Auftritt vermasselt, ist einfach wunderbar witzig und anrührend. Darum soll sie hier auch nicht verraten werden. Offenherzig erzählt der preisgekrönte Musiker am Tatort des Geschehens, den er danach nie wieder betreten hat, von seinem Missgeschick. 
 
Dass er heute herzlich darüber lachen kann, verdankt er eigentlich seinem Großvater. Denn der vererbte ihm eine Ziehharmonika. „Ich hab sie erst mal ins Eck geschmissen und jahrelang nicht angeschaut“, sagt Hubert von Goisern in seinem Kahn auf dem See. Inzwischen steht die Sonne schon am Himmel und der passionierte Angler hat tatsächlich einen Fisch gefangen. Doch eines Abends hat es ihm die Steierische doch angetan. Wütend und betrunken will er sie eigentlich nur stur auseinanderreißen bis sie kaputt ist. Aber dann faszinieren ihn die wuchtigen Klänge. Und sie verpassen seiner Karriere den ersten Schub.
 
Natürlich hilft ihm dabei auch der Zeitgeist. Denn auf der anderen Seite der Alpen hinter der Grenze brodelt längst anarchisches aus Bayerns Ursuppe. Die ersten Bands brechen Schneisen ins tümelnde Volksmusikgeschehen „Wir werden die Volksmusik nicht den seppelbehosten Gaudiburschen und Jodeldeppen überlassen, die sich allenthalben auf die verkäuflichen Reste einer vom Kommerz fast umgebrachten Volkskultur stürzen“, verkündet Carl Ludwig Reichert von „Sparifankal“. Und so macht es Sinn, wenn Hubert von Goisern in München auf seinen langjährigen Manager, Freund und Wegbegleiter Hage Hein trifft. 
 
Der kämpft sich mit ihm durch alle Höhen und Tiefen, verkraftet den Schock als Hubert von Goisern tatsächlich das Ende seiner erfolgreichen Alpinkatzen verkündet, ist an seiner Seite als der musikalische Globetrotter drei Jahre lang als Botschafter für die Kulturhauptstadt Linz mit seinem Musikschiff Europas Flüsse durchfährt, um dem Zank der Mächtigen die Magie der Klänge und deren Vielfalt entgegenzusetzen. Sein bisher sicherlich spektakulärstes Projekt bringt Hubert von Goisern aber auch den Rand der Erschöpfung. Eine Lungenentzündung zwingt ihn einen seiner Auftritte abzusagen.
 
Eindrücklich zeigt das bayerische Kinowunder Marcus H. Rosenmüller („Wer früher stirbt ist länger tot“) wie sein Protagonist in seiner 25jährigen Karriere immer wieder zu neuen Ufern aufbricht, mit seiner packenden Spielfreude Brücken schlägt, Mauern einreißt und trotz ständiger Bewegung geerdet bleibt. Dem 41jährigen Regisseur aus Oberbayern gelingt ein Musikfilm, der einer intensiven Zeitreise gleicht, die nicht nur für Goiserns Fangemeinde sehenswert ist. Dramaturgisch eingängig aufeinander aufgebaut, fasziniert die exzellente Montage des Archiv- und Tonmaterials. Genial verschränken Schnittfolgen die spannende Collage aus Konzertausschnitten und Momentaufnahmen mit Wegbegleitern wie Goiserns alten Musiklehrer. Einziger Wermutstropfen: Wegbegleiterinnen kommen nicht zu Wort. Und das, wo doch dem Hubert schon in der Blaskapelle die Frauen gefehlt haben.

Luitgard Koch