Human Flow

Der chinesische Konzeptkünstler Ai Weiwei tritt seit jeher für Menschenrechte ein. Daher erscheint es nur folgerichtig, dass er mit dem in Venedig uraufgeführten „Human Flow“ eine dokumentarische Reflexion weltweiter Migrationsbewegungen vorlegt. Anders als Gianfranco Rosi in seiner preisgekrönten Dokumentation „Seefeuer“ nimmt Ai Weiwei keine rein europäische Perspektive ein, sondern bebildert so ziemlich alle gegenwärtigen Flüchtlingsströme rund um den Globus. Auf Erklärtexte aus dem Off verzichtet er ebenso wie auf eine gesellschaftspolitische Einordnung und einen klaren roten Faden. Mit einer stolzen Laufzeit von zweieinhalb Stunden kommt der inhaltlich überladene Dokumentarfilm daher nicht ohne Längen aus.

Webseite: www.humanflow-derfilm.de

Deutschland 2017
Regie: Ai Weiwei
Mitwirkende: Israa Abboud, Hiba Abed, Rami Abu Sondos, Asmaa Al-Bahiyya, Eman Al-Masina, Maya Ameratunga, Hanan Ashrawi
Laufzeit: 140 Min.
Verleih: NFP/Filmwelt
Kinostart: 16. November 2017

FILMKRITIK:

Eine Möwe fliegt über das Mittelmeer. Umschnitt auf ein voll besetztes Flüchtlingsboot. Im nächsten Bild thront ein Leuchtturm, anschließend patrouilliert ein Hubschrauber den Strand entlang. Dazwischen räumt das Zitat eines Bürgerrechtlers allen Menschen das Recht ein, frei zu leben.
 
Die Bildfolge vom Anfang enthält die konzeptionelle Ausrichtung des Dokumentarfilms. Dem Aktionskünstler Ai Weiwei geht es um eine visuelle Vermittlung weltweiter Migrationsbewegungen, nicht um Ursachenforschung oder gar Problemlösungsansätze. Die Bilder bleiben weitgehend unkommentiert. Nur in kleinen Dosen kommen Betroffene, Flüchtlingshelfer und Offizielle zu Wort. Ai Weiweis Panorama weltweiter Migrationsbewegungen geht mehr in die Breite als in die Tiefe und setzt entsprechendes Hintergrundwissen voraus. Allein ein Telegramm-Lauftext am unteren Bildrand triggert Schlagzeilen zur so genannten Flüchtlingskrise, darunter der berühmte Merkel-Ausspruch, der hier auf Englisch am Betrachter vorbeizieht: „We can do it.“
 
„Human Flow“ vermittelt die Flüchtlingsthematik fast ausschließlich über Bilder. Insgesamt 25 Kamerateams dokumentieren Menschenströme und Refugee-Camps auf aller Welt. Die Filmemacher besuchen die Grenzen zwischen Griechenland und Mazedonien, Serbien und Ungarn, machen Station auf Lesbos, in Idomeni und Calais, begleiten Flüchtlinge auf der Balkanroute, filmen überfüllte Flüchtlingslager im Irak, in Pakistan und Kenia. Die kurdische Minderheit in der Türkei kommt ebenso vor wie die abgeschottete Grenze zwischen den USA und Mexiko.
 
Die Bildästhetik steht bisweilen im Widerspruch zum dargestellten Elend, wenn mit Drohnen erstellte Luftaufnahmen humanitäre Katastrophen stilisieren. Die vom IS entflammten Ölfelder bei Mossul wirken beispielsweise wie ein Naturschauspiel, wobei die faszinierenden Bilder die blutig ausgefochtenen Konflikte dahinter übertünchen. Gut in Ai Weiweis Konzept passen hingegen die stummen Porträts von Migranten, die an ähnliche Momente aus den Filmen von Ulrich Seidl gemahnen. Auch der Blick für Randbegebenheiten, die in Fernsehnachrichten kaum vorkommen, zeichnet die Doku aus: Einmal präsentiert eine Syrerin Fotos ihrer Katze, ein andermal versammeln sich Flüchtlinge um eine provisorische Ladestation für ihre Smartphones.
 
Diskutabel ist Ai Weiweis Hang zur Selbstinszenierung. Auch wenn er die meiste Zeit wortlos zwischen den Flüchtlingen und der Kamera steht, bleiben Situationen haften, die den Künstler im Jogginganzug als guten Humanisten in den Vordergrund rücken. In einer Szene tauscht er seinen Pass mit dem eines Flüchtlings und reißt damit die nationalstaatlichen Grenzen ein, die die Armut weiter Teile der Weltbevölkerung zementieren. An anderer Stelle hält er einen Zettel in die Kamera: „Ai Weiwei stands with Refugees.“ Man mag das als zweischneidiges Schwert empfinden. Andererseits generiert Ai Weiweis internationale Bekanntheit aber die nötigte Aufmerksamkeit für ein zentrales Gegenwartsthema, von dem manch einer nichts mehr hören und sehen will.
 
Christian Horn