I am Greta

Binnen kürzester Zeit wurde die damals 15jährige Schwedin Greta Thunberg 2018 weltberühmt und das durch nicht mehr als einen Schulstreik. Viel wurde seitdem über die junge Aktivistin geschrieben und auch gelästert, dem Dokumentarfilmer Nathan Grossmann gelingt mit seinem unbedingt sehenswerten Film „I am Greta“ ein spannender Blick auf seine Protagonistin, der erstaunlicherweise nur gelegentlich zur verklärten Hagiographie wird.

Website: http://filmweltverleih.de/cinema/movie/i-am-greta

Schweden/ Deutschland 2020 – Dokumentation
Regie: Nathan Grossmann
Länge: 98 Minuten
Verleih: Filmwelt Verleihagentur
Kinostart: 16. Oktober 2020

FILMKRITIK:

„Es wirkt wie ein Film“ sagt Greta einmal zu ihrem Vater, irgendwo in Europa, bei irgendeiner der vielen Konferenzen oder Versammlungen, auf denen sie seit dem Sommer 2018 teilgenommen hat. Wie ein unglaublicher, surrealer Film, ergänzt Greta sehr treffend, denn was sie in dem gut einen Jahr, das Nathan Grossmann in seiner Dokumentation „I am Greta“ beschreibt, erlebte, ist wirklich kaum zu glauben. Vor allem erzählt es von der Besessenheit der Gegenwart mit Prominenz, mit Leitfiguren, mit Ikonen, weitaus weniger mit einem Bewusstsein für die Gefahren des Klimawandels, denn vermutlich würde auch Greta zustimmen, dass sich in den zwei Jahren, seitdem sie mit ihren Schulstreiks begonnen hat, kaum etwas verändert hat.

Von Anfang an war Nathan Grossmann in Stockholm dabei, über Bekannte hatte er von Gretas Plan gehört, vor dem schwedischen Parlament zu protestieren. Ganz allein sitzt das kleine, gerade einmal 150cm große Mädchen da, unterhält sich mit Passanten, manche irritiert, manche beeindruckt – und wird bald eine gigantische Welle auslösen. Wie ein Rausch ziehen die Ereignisse vorbei, erste Einladungen zu Konferenzen, Treffen mit Politikern, Präsidenten, dem Papst und schließlich, je nach Sichtweise als Höhe-, Tief- oder Endpunkt, ihre aufgebrachte Rede bei der UN.

Eine erstaunliche Geschichte ist das ganz ohne Frage, die Grossmann über weite Strecke bemerkenswert trocken präsentiert. Keine Talking Heads gibt es, keine begeisterten Kommentatoren, die betonen, wie großartig Greta ist, keine Interviews, sondern eine Dokumentation, die meist im Stil des Cinema Verite funktioniert. Einige Momente, in denen die Musikuntermalung zu pathetisch ist, wären verzichtbar gewesen, doch meist gelingt es Grossmann, zurückhaltend zu sein, einfach nur zu beobachten.

Und eine Greta zu zeigen, die sehr früh begreift, wie die Welt der Politik funktioniert, die schnell versteht, dass Politiker sie zwar gerne einladen, ihr für ein paar Minuten zuhören, dann aber nichts anderes tun, als schöne Worte von sich zu geben. Man merkt bald, dass eine gewisse Desillusion einsetzt, dass Greta sich zwar über die vielen jungen Menschen freut, die sie begeistern kann, dass ihr der Rummel um ihre Person aber auch unangenehm ist, dass sie versteht, dass dieser Rummel ihr eigentliches Anliegen überstrahlt.

Dass der Klimawandel Realität ist, kann nicht bestritten werden, doch was getan werden muss und kann, um ihn aufzuhalten, das ist eine ganz andere Frage. Dass Greta mit ihrem Engagement, mit ihrem Wesen, das gleichzeitig kindlich und weise anmutet, eine Lawine ausgelöst hat, ist überdeutlich. An guten Freitagen demonstrierten weltweit Millionen Menschen, aber diese Freitage sind nicht erst seit Corona längst vorbei. Was von dem Hype um Greta nach der Pandemie geblieben sein wird, muss sich erst noch zeigen. Ob der Hype um Greta mehr war als ein Rausch, die Begeisterung vieler Menschen, gemeinsam für eine gute Sache auf die Straße zu gehen, anhält, bleibt offen. Als Dokument einer Bewegung ist „I am Greta“ unbedingt sehenswert, er ist natürlich kein objektiver Film, ist stets auf der Seite seines Subjekts, aber was Nathan Grossmann dennoch zeigt ist, dass Greta Thunberg klüger ist als der Hype, der um sie entstanden ist – und das ist vielleicht ihre größte Tragik.

Michael Meyns