I am love

Zehn Jahre Vorbereitungszeit verschlang die italienischen Familiensaga „I am Love“, in der sich die unglückliche Ehefrau eines reichen Patriarchen in eine folgenschwere Affäre flüchtet. Oscar-Preisträgerin Tilda Swinton glänzt in der Hauptrolle mit der ihr eigenen Mischung aus damenhafter Eleganz und sublimer Erotik. Filmemacher Luca Guadagnino baut um seine Muse jedoch eine recht schematische Geschichte, die zwischen Seifenoper und ambitionierten Drama schwankt.

Webseite: www.mfa-film.de

OT: Io sono l’amore
Italien 2009
Regie: Luca Guadagnino
Drehbuch: Luca Guadagnino, Barbara Alberti, Ivan Cotroneo, Walter Fasano
Darsteller: Tilda Swinton, Pippo Delbono, Edoardo Gabriellini, Flavio Parenti, Alba Rohrwacher, Marisa Berenson
Länge: 120 Minuten
Kinostart: 28.10.2010
Verleih: Mfa
 

PRESSESTIMMEN:

Die fulminante Bildsprache des sizilianischen Regisseurs Luca Guadagnino verwandelt ‘I am love’ in kürzester Zeit in ein betörendes Schau-Erlebnis, das einem Auge und Sinne übergehen läßt. Pures Kino und eine schwelgerische Arie auf ein Leben nur für die Liebe.
STERN

FILMKRITIK:

Gerade in Italien ist der Einfluss einiger weniger Unternehmerfamilien bis heute in Politik und Gesellschaft spürbar. Die an realen Vorbildern angelehnte Industriellen-Dynastie der Recchis, ein Clan einflussreicher Textilproduzenten, steht im Mittelpunkt von Luca Guadagninos Familiendrama „I am Love“. Aufgebaut ist sein Film um die elegante, schillernde Emma, die von Tilda Swinton verkörpert wird und die als Ehefrau des Firmenpatriarchen Tancredi Recchi (Pippo Delbono) in einem gefühlten Gefängnis lebt. Obwohl umgeben von Luxus und allerlei schönen Dingen ist ihre Beziehung zu dem machtbewussten Unternehmer schon länger merklich abgekühlt. Das Anwesen der Familie gleicht für die gebürtige Russin Emma immer mehr einem Grab aus kaltem Stein. Eine Flucht hieraus, so scheint es, wäre zwecklos.

Doch dann gibt es sie, die Chance, den goldenen Käfig hinter sich zu lassen und auszubrechen, auch wenn das nicht ohne schmerzhafte Folgen bleiben wird. Über ihren Sohn Edoardo (Flavio Parenti) lernt sie den ambitionierten Koch Antonio (Edoardo Gabriellini) kennen. Emma verliebt sich ihn und in sein Essen, das ihr lange Zeit unbekannte Gelüste verschafft. Ihre Reaktion auf ein von Antonio zubereitetes Gericht fällt unmissverständlich aus. Als sie davon kostet, versinkt die Welt um sie herum in der Bedeutungslosigkeit. All ihre Sinne sind in diesem Moment nur auf diesen einen Genuss fixiert, den Guadagnino wie einen Orgasmus filmt und zelebriert.

Die Dialektik von Aktion und Reaktion gilt in „I am Love“ bis zur letzten Einstellung. Jede Handlung verlangt nach einer Konsequenz. In dieser beinahe mechanischen Logik kann Guadagninos Familiensaga bisweilen recht ermüdend sein, wenngleich der Film seine eher überschaubare Struktur immer wieder geschickt zu tarnen und zu verschleiern weiß. Die Ablenkungsmanöver spielen sich dabei zumeist auf Ebene der formal strengen Bildkomposition ab. So will hier jede Einstellung zugleich auch etwas über die Figuren, ihre Beziehungen zueinander und ihre jeweiligen Gefühlslagen aussagen. Nicht zufällig ist mit Emmas Affäre ein Schauplatzwechsel verbunden. Von der mondänen, aber kalten Mailänder Stadtvilla zieht es sie zu ihrem Geliebten aufs Land. Dort, mitten in der Natur zwischen Blüten und Bienen, ist schließlich der Ort, an dem ihre Amour fou ausgelebt werden kann.

Die mächtige, dominante Musik mit ihren absichtlichen Überakzentuierungen gibt hierbei den Rhythmus vor. Sie treibt die zunächst statische Handlung voran, bis diese im letzten Drittel eine besondere, melodramatische Eigendynamik entfaltet. Folgerichtig endet „I am Love“ dann auch mit dem erwarteten großen Knall, bei dem Emma um ein anderes, selbstbestimmtes Leben kämpft. Für Tilda Swinton ist die Rolle ein weiteres Glanzstück in ihrer an großen Frauenfiguren ohnehin nicht armen Schauspielkarriere. Die Oscar-Preisträgerin kleidet Emma in eine zerbrechliche Hülle aus distinguierter Eleganz und unterdrückter Erotik, die nach und nach mehr zum Vorschein kommt. So sinnlich und differenziert wie sie ihre Umwelt wahrnimmt, ist Guadagninos Familienchronik jedoch nicht geraten.

Marcus Wessel

Die Recchis sind eine Mailänder Industriellenfamilie. Der Großvater und Chef, ein Patriarch, hat Geburtstag. Alle versammeln sich aus diesem Anlass. Die Umgebung ist feudal: Riesenvilla, Bedienstete, eine vornehm gedeckte Tafel.

Der Chef will übergeben: an seinen Sohn Tancredi und seinen Enkel Edoardo. Er wünscht sich, dass das Unternehmen noch generationenlang weitergeführt wird, wie er es aufgebaut hat.

Alles hatte bis jetzt seine festgefügte Ordnung. Und eine Zeitlang geht auch alles noch gut weiter. Dann die ersten Auflösungserscheinungen. Die frühere Epoche, das Industriezeitalter, ist Vergangenheit. Die „Moderne“ hält Einzug.

Die Recchi-Tochter Elisabeth vertraut ihrer Mutter an, dass sie lesbisch ist. Edoardo hat einen Freund, Antonio, ein Sternekoch. Er mag ihn sehr – aber es ist mehr als bloße Freundschaft – Edoardo ist homosexuell.

Doch damit sind die Komplikationen noch lange nicht zu Ende. Emma, Tancredis Frau und Edoardos Mutter, russischen Ursprungs, verliebt sich nämlich leidenschaftlich in Antonio. Ida, der gute Geist des Hauses, versucht manchmal noch, die Dinge zusammenzuhalten. Doch die Tragödie ist nicht mehr aufzuhalten.

Kein neues Thema – und manchmal klischeehaft. Doch die Form des Films ist super: die Schauplätze, der „alte“ Stil, die Vornehmheit, die zumindest äußerlich noch gewahrt wird, das Winterwetter, das wohl als Metapher für den gezeigten Niedergang zu werten ist, die diskreten Andeutungen der Kollision zwischen der Tradition und der neuen Zeit.

Die aparte Tilda Swinton spielt – souverän wie immer – die Emma, die Ikone Gabriele Ferzetti den Patriarchen, Flavio Parenti den Edoardo, Edoardo Gabriellini den Antonio – alle mit guten Leistungen.

Der höchst dramatische und zuweilen poetische 120-Minuten-Film war 2009 Wettbewerbsbeitrag in Venedig.

Thomas Engel