I Killed My Mother

Bei den Filmfestspielen in Cannes gilt der erst 21-jährige Kanadier Xavier Dolon fast schon als alter Bekannter. 2010 zeigte er dort mit großem Erfolg seinen zweiten Film LES AMOURES IMAGINAIRES (Heartbeats) in der Reihe „Un Certain Regard“. Ein Jahr zuvor machte er mit seinem Debüt I KILLED MY MOTHER, den er mit 17 schrieb und mit 19 drehte, in der Reihe „Quinzaine“ Furore und erntete damit nicht nur minutenlange stehende Ovationen, sondern räumte auch gleich mehrere Preise ab. Zu Recht: die semi-autobiografische Auseinandersetzung mit seiner Mutter und den Schwierigkeiten, erwachsen zu werden, ist eine ebenso furiose wie bildstarke Tour de Force, die unprätentiös die Untiefen der Adoleszenz auslotet.

Webseite: www.koolfilm.de

Kanada 2009
Regie: Xavier Dolan
Drehbuch: Xavier Dolan
Darsteller: Xavier Dolan, Anne Dorval, Suzanne Clément, Francois Arnaud, Patricia Tulasne, Niels Schneider
Länge: 100 Min.
Verleih: Kool Film
Kinostart: 3. Februar 2011
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Der 16-jährige Hubert Minel verabscheut seine Mutter. Ihre altmodische und geschmacklose Kleidung, die biedere und kitschige Wohnungseinrichtung, ja sogar die Krümel an ihrem Mund beim Frühstückstisch – alles stört ihn – so sehr, dass er sie in der Schule sogar für tot erklärt. Doch sind es nicht nur die reinen Äußerlichkeiten, die ihn zur Weißglut treiben. Auch zwei besonders ausgeprägte Charaktereigenschaften treiben ihn auf die Palme: ihre Art, andere zu manipulieren und ihnen die Schuld zuzuweisen. Dass er der Pubertät noch nicht ganz entwachsen ist, macht es auch nicht gerade leichter. Eine der wenigen, die ihn versteht, ist seine Lehrerin, die ihm zuhört und fast zu so etwas wie einer Ersatzmutter wird.

Und doch – irgendwie liebt Hubert seine Mutter auch, die ihn, seit der Vater früh die Familie verlassen hat, alleine groß zieht und ihr Bestes gibt. Sein Traum ist es, mit seinem Freund Antonin in eine eigene Wohnung zu ziehen und sich zum Künstler weiterzuentwickeln. Doch seine Mutter hat andere Pläne – sie steckt ihn in ein Internat.

Xavier Dolans erstaunlich ausgereiftes Erstlingswerk ist nicht sein erster Kontakt zur Filmwelt. Der Sohn eines Schauspielers und einer Lehrerin nahm bereits als Kind diverse Rollen an. Das hiermit verdiente Geld investierte er in sein Debüt und konnte schnell weitere Geldgeber von dem Projekt überzeugen. Die Gründe liegen auf der Hand.

Die ambivalenten Emotionen zwischen Mutter und Sohn, die Suche nach sexueller Orientierung, die Entwicklung zum Künstler, gesellschaftliche Ausgrenzung – all das setzt Dolan wie beiläufig um in einer Formsprache, wie sie für einen solch jungen Regisseur erstaunlich ist. Da wechseln erhitzte Diskussionsschlachten voller Wortwitz mit Slow-Motion-Effekten à la Wong Kar Wei, Traumsequenzen mit Selbstreflektionen in Schwarz-Weißbildern. Souverän zitiert er aus Malerei, Musik, Literatur und Filmgeschichte und offenbart dabei nicht nur Kenntnisreichtum und Humor, sondern auch eine Leidenschaft, die uns hoffen lässt, von diesem Talent noch eine Menge zu hören. Die Chancen stehen nicht schlecht. Das Script zu seinem dritten Projekt – ein Film über einen Transsexuellen – ist bereits fertig.

Anne Wotschke

Wenn ein 19jähriger gleich mit seinem ersten Film nach Cannes eingeladen wird, nicht nur Regie geführt hat, sondern auch das Drehbuch geschrieben und die Hauptrolle gespielt hat, dann wird schnell mit Superlativen um sich geworfen. Ganz so hoch sollte man Xavier Dolans Film nicht loben, allzu überkandidelt, bisweilen auch banal und selbstverliebt wirkt der semi-autobiographische „I Killed my Mother“, dem man allerdings ein gehöriges Maß an Talent nicht absprechen kann.

Gleich der Beginn von „I Killed my Mother“ lässt wenig Zweifel über den Tonfall, den Xavier Dolan in seinem Regiedebüt verfolgt: Da sitzt der 16jährige Hubert (Dolan selbst) mit seiner Mutter Chantal (Anne Dorval) im Auto, man unterhält sich zunächst ganz manierlich über Alltägliches, um dann zunehmend in immer lautere, aggressivere und hysterischere Schimpftiraden zu gleiten, die sich nur vorgeblich um Wichtiges drehen. Die ungezügelte Heftigkeit, mit der Hubert im Laufe des Films immer wieder auf seine Mutter einschreien wird, könnte etwas Bizarr-Komisches haben, doch Ironie ist für Xavier Dolan ein Fremdwort.

In seinem semi-autobiographischen Film inszeniert sich der junge Regisseur als unverstandenen Teenager, der im französischsprachigen Teil Kanadas sein Dasein fristet. Seine Schulnoten werden immer schlechter, er hat mit dem gleichaltrigen Antonin seine Homosexualität entdeckt, liest all das, was ein schwermütiger Teenager so liest (Rimbaud etc.) und versucht sich gegen seine Mutter zur Wehr zu setzen. Warum, bleibt offen, was die häufigen, stets hysterischen Schreianfalle noch unverständlicher erscheinen lässt. Irgendwann landet Hubert auf einem Internat, doch auch dort versteht ihn kaum jemand. Allein eine junge Lehrerin nimmt sich Huberts fragiler Seele an, eine Katharsis versagt der Film seiner Hauptfigur und dem Publikum allerdings.

Fraglos ist es bemerkenswert, das Xavier Dolan mit gerade mal 19 Jahren einen Film geschrieben und inszeniert und auch gleich noch die Hauptrolle gespielt hat. Angesichts all dieser Aufgaben kann man sich allerdings dem Verdacht kaum entziehen, dass sich Dolan ein wenig übernommen hat. Immer wieder gelingen ihm zwar pointierte Szenen, die das schwierige Verhältnis zwischen Mutter und Sohn auf den Punkt bringen, in denen deutlich wird, wie aus eigentlichen Banalitäten Streitigkeiten entstehen. Oft aber besteht „I Killed my Mother“ aus arg altklugen Bemerkungen über das Jungsein und die verletzliche, künstlerische Seele der schwermütigen Hauptfigur.

Die größte Stärke von „I Killed my Mother“ ist die visuelle Umsetzung seiner eher konventionellen Erzählung. Abgesehen von allzu offensichtlichen Ideen, wie der optischen Unterscheidung zwischen der dunklen, bedrückenden Wohnung, in der Hubert mit seiner Mutter wohnt, und der hellen, angenehmen, in der sein Freund Antonin mit dessen Mutter lebt, zeigt Dolan hier einigen Einfallsreichtum. Vor allem dies lässt ihn als potentiell vielversprechenden Regisseur erscheinen, auf dessen zukünftige Filme man gespannt sein darf. Vorausgesetzt, Dolan bekommt sein Ego in den Griff und lässt sich von einem erfahrenen Produzenten dazu bringen, seine Exzesse in verträglichere Bahnen zu lenken.

Michael Meyns

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