I Shot My Love

Eine homosexuelle deutsch-israelische Liebesgeschichte beschreibt der israelische Regisseur Tomer Heymann in seiner Dokumentation, die eher einem Video-Tagebuch ähnelt als einem wirklichen Film. Heymann filmt sich und seinen deutschen Freund Andreas sowie seine Mutter Noa im Alltag, der nur selten Anlass bietet, die potentiell interessanten Aspekte einer deutsch-israelischen Liebe zu thematisieren.

Webseite: www.wfilm.com

Israel 2009 – Dokumentation, 70 Minuten
Regie, Buch, Kamera: Tomer Heymann
Musik: Israel Bright, Aren Weitz
Länge: 70 Min.
Verleih: w-film
Kinostart: 17. März 2011
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Mit einem früheren Film war der israelische Regisseur Tomer Heymann 2006 im Panorama der Berlinale zu Gast. Auf einer Party nach der Premiere lernte er den deutschen Tänzer Andreas kennen. Was sich aus diesem One Night Stand entwickeln würde, wussten die beiden Männer nicht. Tomer jedoch, der nach eigener Aussage fast sein gesamtes Leben mit seiner Videokamera aufzeichnet, filmte schon diese Momente. Und auch als Andreas einige Zeit später nach Tel Aviv kommt, ohne feste Vorstellung darüber, was ihn erwartet, ist die Kamera steter Begleiter. Ohne Zurückhaltung filmt Tomer, was selbst Andreas bisweilen zu stören scheint. Nicht jedoch Noa, Tomers Mutter, die dritte Figur dieses Films. Sie hat sich augenscheinlich daran gewöhnt, dass ihr Sohn jeden Moment seines und ihres Lebens mit der Kamera begleitet, egal ob es sich ums gemeinsame Essen oder einen Krankenhausaufenthalt handelt.

70 Minuten lang (in der TV-Fassung sogar nur 55) zeigt Tomer sein Leben mit Andreas und seiner Mutter, kurze Begegnungen mit den jeweiligen Verwandten, den Alltag in Tel Aviv, und bemüht sich dabei regelmäßig, den banalen Handlungen eine gewisse Schärfe zu geben. Doch die will sich partout nicht einstellen. Egal ob er Andreas fragt, ob er es schwierig findet, als Deutscher mit einem Juden zusammen zu sein oder ob er seine Mutter fragt, ob sie es problematisch findet, dass er einen Deutschen liebt, die Antwort ist stets: Nein. Das spricht für das inzwischen normalisierte Verhältnis zwischen Deutschen und Israelis, ist für einen Film aber arg dünn. Wenn Probleme nur behauptet werden können, Konflikte noch nicht mal im Keim zu entdecken sind, bleibt wenig übrig, was einen unbeteiligten Zuschauer am ganz gewöhnlichen, also meist sehr banalen Leben dreier Menschen interessieren sollte.

Das deutsch-israelische Verhältnis bietet fraglos reichlich Stoff für Filme jeglicher Couleur, bisweilen fragt man sich während „I Shot My Love“ dann aber doch, ob dies der einzige Grund ist, aus dem dieser Film ins Kino kommt. Stilistisch jedenfalls ist das von Tomer Heymann selbst gedrehte Material meist ohne ästhetischen Mehrwert, die grobkörnigen Videobilder haben durch das Aufblasen auf Filmmaterial nicht an Qualität gewonnen. Als persönliche Erinnerung auf dem Laptop mag das interessant sein, auf der Kinoleinwand kommen die Defizite mehr als deutlich zu tragen. So bleibt „I Shot My Love“ Nischenprogramm, bei dem man sich doch fragt, ob es wirklich sinnvoll war, die kürzere Fassung, wie sie vor anderthalb Jahren im israelischen Fernsehen zu sehen war, mit Füllmaterial auf dennoch kaum abendfüllende 70 Minuten aufzublähen, damit der Film auf den ohnehin übervollen deutschen Kinomarkt geworfen werden konnte.

Michael Meyns

Eine einfache, aber echte homoerotische Liebes-, Israel-, Alltags- und Lebensabschnittsgeschichte.

Tomer, Israeli und Regisseur, Enkel in einer in den 30erJahren zwangsweise aus Berlin nach Palästina ausgewanderten deutsch-jüdischen Familie, stellt in der Hauptstadt einen seiner Filme vor. Auf der Party danach lernt er den etwa gleichaltrigen Deutschen Andreas kennen. Es funkt, die beide verlieben sich ineinander. So sehr, dass Andreas sein Leben fortan auf Tomer und Israel konzentriert.

Andreas sagt, er sei Tänzer. Das Verhältnis zu seiner im badischen Deutschland lebenden Familie, in der Frömmigkeit noch eine wesentliche Rolle zu spielen scheint, ist gestört – vielleicht wegen seiner Homosexualität. Sowieso hat er ein Trauma. Seinen Erzählungen – oder besser Geständnissen – zufolge wurde er früher wahrscheinlich von einem Priester missbraucht.

Seine Liebe zu Tomer ist heftig, doch die beiden suchen in Gesprächen noch nach einem Weg: Tomer und Andreas wollen und müssen wohl auch vor allem ihre Beziehung zueinander und die Frage ausloten, ob sie mit einer gemeinsame Zukunft rechnen können.

Tomers Mutter Noa, die fünf Kinder großzog, nach mehr als 20 Jahren geschieden wurde und zwei Operationen durchzustehen hat, spielt in diesem Dokumentarfilm eine nicht unwesentliche Rolle. Die enge Beziehung zwischen Homosexuellen und ihren Müttern ist ja nichts Neues. Sie gibt zu bedenken, ob die Freundschaft zwischen den beiden an die 30jährigen Männern die richtige sei, nimmt Andreas aber schon aus Liebe zu ihrem Sohn sehr gut auf. Der Familienanhang auf beiden Seiten tut das gleiche.

Tomer hält jeden Augenblick im Leben seines Freundes und Geliebten filmisch fest. Das Ende bleibt offen.

Wie gesagt: Eine formal einfache, aber echte und alltägliche homoerotische Liebes-, Israel-, Alltags- und Lebens(abschnitt?)geschichte. Auf eine Szene muss noch besonders hingewiesen werden: den berührenden Weihnachtsabend in der Familie von Andreas.

(Beim Lesen des Titels erschrickt man zuerst. Denn er könnte im Deutschen lauten: „Ich erschoss meine Liebe“. Aber Entwarnung. Er bedeutet hier: „Ich filmte meine Liebe“.)

Thomas Engel