Ich bin Anastasia

Bundeswehr und Transsexualität. Spontan würde man wohl nicht denken, dass das so entspannt zusammengeht wie im Fall der als Mann geborenen Anastasia Biefang, die die erste Transgender-Person in einer Führungsperson der Bundeswehr ist. In seiner Dokumentation „Ich bin Anastasia“ beschreibt Thomas Ladenburger Biefangs Prozess der Transition und die Reaktionen ihres Umfelds auf die neue Situation.

Webseite: www.missingfilms.de

Dokumentation
Deutschland 2018
Regie: Thomas Ladenburger
Länge: 95 Minuten
Verleih: missingFILMs
Kinostart: 21. November 2019

FILMKRITIK:

40 Jahre lebte Anastasia Biefang als Mann, war nach dem Grundwehrdienst bei der Bundeswehr geblieben und verheiratet. Dass sie anders tickte, hatte sie zwar schon früh gemerkt, aber erst spät wurde es ihr möglich, als Frau zu leben und den langwierigen Prozess der Transition, der Geschlechtsangleichung anzugehen.
 
Dass dieser Prozess ausgerechnet im konservativen Umfeld der Bundeswehr vonstatten ging, macht die Geschichte von Anastasia Biefing so besonders, vor allem aber, wie unkompliziert die Akzeptanz in ihrem Umfeld war. Nicht nur ihre Eltern waren zwar im ersten Moment überrascht, unterstützten ihr Kind dann aber vorbehaltlos, auch der erste Vorgesetzte bei der Bundeswehr, dem sich Biefang offenbarte, reagierte mit Empathie und unterstützte Biefang in jeder Hinsicht.
 
Dass nicht jeder Soldat, jede zivile Angestellte der Bundeswehr ähnlich tolerant reagierte, kann man in Thomas Ladenburgers Dokumentation „Ich bin Anastasia“ nur ahnen: Wirkliche Aversionen werden zwar nicht geäußert, doch die Formulierungen mancher Interviewpartner deuten an, dass die Nachricht, zukünftig nicht nur mit einer Transgender-Person zu dienen, sondern zu unterstehen, durchaus skeptisch aufgenommen wurde.
 
Denn Biesing wurde kurz nach ihrem Outing die Leitung des Informationstechnikbataillon im brandenburgischen Storkow übertragen, eine Führungsposition, die nicht viele Frauen und vor ihr keine Transgender-Person innehatte. Auch das macht Biesing fraglos zu einer für die Außendarstellung der Bundeswehr interessanten Person: Auch um sich selbst als offen und tolerant zu zeigen, dürfte die Bundeswehr Ladenburger gestattet haben, so ausführlich auf Truppenplätzen und in Kasernen zu filmen, schließlich konterkariert die offene Akzeptanz einer Transgender-Person Berichte von rechten Tendenzen in der Truppe.
 
Dass Teile der Gesellschaft deutlich weniger tolerant reagieren, zeigen (in erster Linie anonyme) Nachrichten in sozialen Medien, die auf erste Berichte über Anastasia Biefang gepostet wurden. Doch solche Momente sind die einzigen negativen Töne, die Ladenburger in der manchmal etwa sehr heilen Welt zeigt, von der er erzählt. Vielleicht hat Biefang aber tatsächlich auch das besondere und große Glück, in einem Umfeld zu leben, das von Toleranz, Verständnis und Respekt geprägt ist.
 
Bei ihrer Partnerin Samanta Sokolowski ist das sicherlich zu erwarten, ein etwaiger Freundeskreis bleibt weitestgehend außen vor, doch auch innerhalb der Strukturen der Bundeswehr begegnet man Biefang mit Respekt: Ihre Rolle als Vorgesetzte führt sie offenbar so überzeugend aus, dass etwaige Vorurteile und Skepsis schnell verschwinden. Man mag hoffen, dass dieses Bild nicht nur vor der Kamera existiert und abfällige oder gar diskriminierende Meinung nur aus taktischen Gründen nicht geäußert wurden. So wie die in Thomas Ladenburgers Film „Ich bin Anastasia“ gezeigten Personen mit einer Trans-Person umgehen sollte schließlich nichts Besonderes sein, sondern die Normalität.
 
Michael Meyns