Ich bin tot, macht was draus!

Ein schrilles, schräges Roadmovie mit viel rustikalem Humor um Freundschaft und Musik: Die Altrocker der Band „Grand Ours“ verlieren auf tragische Weise ihren Leadsänger Jipé. Trotzdem ist er dabei, als die Jungs wie geplant auf Tournee gehen, denn seine Kumpel klauen kurzerhand die Urne und schmuggeln Jipés Asche im Gepäck mit …
Völlig losgelöst von dramaturgischen Konventionen erzählen die Brüder Malandrin ihre wüste Story – mit anarchischem Witz und vollgestopft mit Ideen. Das ist manchmal erfrischend, aber manchmal auch anstrengend, was vielleicht am belgischen Hau-Ruck-Humor liegen könnte. Der Film wendet sich jedenfalls eindeutig eher an Fans von Dosenbier, Fritten und hämmernden Bässen als an zartbesaitete Cineastenseelen.

Webseite: www.camino-film.com

Originaltitel: Je suis mort mais j’ai des amis
Belgien/Frankreich 2014/2015
Regie und Drehbuch: Guillaume & Stéphane Malandrin
Darsteller: Bouli Lanners, Wim Willaert, Lyès Salem, Serge Riaboukine
Länge: 96 Minuten
Verleih: Camino
Kinostart: 28.04.2016
 

FILMKRITIK:

Die erste USA-Tournee der nur mäßig erfolgreichen Rockband „Grand Ours“ (Großer Bär) steht vor der Tür, da verliert Leadsänger Jipé zuerst seine Stimme und dann sein Leben. Zum Trauern bleibt seinen Kumpels keine Zeit – schließlich heißt es: „The show must go on!“, und die Flüge in die Staaten sind schon gebucht. Als erstes jagen sie Jipés Bruder, einem erfolgreichen Schnulzensänger, die Urne mit der Asche ihres Freundes ab, dann entdecken sie überrascht, dass Jipé schwul war, weil sie in seiner Wohnung seinen Lebensgefährten Danny treffen. Danny kommt natürlich mit nach Amerika. Eine unplanmäßige Landung bringt die Truppe schließlich statt nach L.A. in den Norden Kanadas und macht aus der geplanten Tournee vollends eine Reise ins Ungewisse.
 
Angesichts der zahllosen Schlenker und Verwicklungen, die jeden deutschen Fernsehdramaturgen entweder zu Tobsuchtsanfällen oder zu katatonischer Starre führen würden, ist es eine freudige Überraschung, dass die Story immerhin einen Anfang, eine Mitte und einen Schluss hat. Ansonsten ist man nicht zimperlich, was den Umgang mit dramaturgischen Konventionen betrifft – zwischendurch werden ein paar Figuren, die anfangs zu schönsten Erwartungen Anlass bieten, einfach auf der Strecke gelassen – was soll’s: shit happens! Der schwungvolle Beginn zeigt das letzte gemeinsame Konzert der zotteligen Altrocker mit ihrem Leadsänger Jipé, der trotz eines defekten Mikros weitersingt und sich damit die Stimme ruiniert. Dann folgen einige Szenen, die in ihrer konsequenten Logik beinahe berauschend komisch sind und deshalb hier keineswegs auch nur angedeutet werden sollen. Der beinahe anarchistische Aberwitz bleibt noch eine ganze Weile erhalten, bis er schließlich, nach der Landung in den USA, einer deutlich gelasseneren, beinahe braven Erzählstruktur weicht. Die Jungs, inzwischen in Amerika gelandet, wollen nach Los Angeles, merken allerdings erst spät, dass sie immer weiter nach Norden fahren, und beharken sich nun untereinander, wie es weitergehen soll.

Sobald die Gagdichte sinkt, wird aus dem Wahnsinn eine ziemlich konventionelle Story, ein Buddy-Roadmovie über Männerfreundschaft, in dem sich die Reisegefährten immer besser kennenlernen und schließlich in der Lage sind, ein paar ehrliche Worte miteinander zu sprechen. Abgesehen davon wird gerockt, gesoffen, gezofft und gekotzt, dass die Heide wackelt. Die Bandmitglieder erinnern mit ihren Rauschebärten und strähnigen Haaren an ZZTop, und wäre da nicht Danny, Jipés durchaus ansehnlicher Lebensgefährte, könnte man meinen, dies wäre eigentlich nur ein alberner, anspruchsloser Jungsfilm mit schlecht gestylten Helden, gegen die sich jeder heruntergekommene Endvierziger wie Brad Pitt fühlen kann. Doch dem ist nicht so: Das Niveau bleibt zwar zu 90 % auf Pennälerwitzhöhe, aber es sind immerhin sehr gut ausgedachte Pennälerwitze. Und letztlich geht es sogar um ein ernsthaftes Thema: um Freundschaft und Beziehungen zwischen Männern, wo vieles oft unausgesprochen bleibt.
 
Die trauen sich was, die Belgier! Mit dieser bierseligen Roadmovie-Komödie werden sie wohl kaum Filmgeschichte schreiben, aber vielleicht lässt sich hier vor allem die männliche Jugend zu einem Kinobesuch verleiten, der ihnen zumindest einen unterhaltsamen Abend mit den Kumpels verspricht.
 
Gaby Sikorski