Ich darf nicht schlafen

Ein hochkarätiges Darstellertrio bemüht sich in Rowan Joffes Bestseller-Adaption „Ich darf nicht schlafen“, aus einer kolportagehaften Thriller-Geschichte ein Psychodrama zu machen. Mit gemischtem Erfolg, denn die Qualität der nuancierten Darstellungen lassen die Absurdität der Story um eine an Amnesie leidende Frau noch deutlicher zu Tage treten.

Webseite: www.ichdarfnichtschlafen.de

OT: Before I Go To Sleep
GB 2014
Regie: Rowan Joffe
Buch: Rowan Joffe, nach dem Roman von S.J. Watson
Darsteller: Nicole Kidman, Colin Firth, Mark Strong, Ben Crompton, Anne-Marie Duff, Adam Levy
Länge: 92 Minuten, ab 12 J.
Verleih: Sony
Kinostart: 13. November 2014
 

FILMKRITIK:

Jeden Morgen wacht Christine (Nicole Kidman) auf und weiß nicht mehr, wer sie ist. Weder an den Mann, der neben ihr im Bett liegt, kann sie sich erinnern, noch an ihren Namen, noch an den Unfall, der sie vor 13 Jahren in den Zustand ständiger Amnesie versetzt hat. Jeden Morgen erklärt ihr der Mann, der sich als Ben (Colin Firth) ausgibt, dass sie seit Jahren verheiratet sind und Christine jede Nacht ihr Gedächtnis verliert. Fotos an der Wand informieren sie über die wichtigsten Ereignisse ihres Lebens, Ben gibt ihr noch einige Hinweise, geht zur Arbeit, doch das Misstrauen bleibt.

Zumal jeden Morgen, kurz nach Bens Verschwinden, ein Mann anruft, der sich als Dr. Nash (Mark Strong) ausgibt und Christine an eine Kamera erinnert, die sie im Schrank verborgen hat. Mit Hilfe dieser Kamera versucht Dr. Nash, Christines Gedächtnis zu stärken, es ihr zu ermöglichen, Dinge auch länger als einen Tag zu erinnern. Und tatsächlich zeigen sich bald erste Erfolge. Christine erinnert sich an ihre alte Freundin Claire (Anne-Marie Duff), erinnert sich daran, einen Sohn gehabt zu haben und setzt zunehmend die Lücken ihres Gedächtnisses zusammen.

Doch mit der Erinnerung steigt auch ihr Misstrauen: Warum hat Ben ihr die Existenz des Sohnes verschwiegen, warum lange nichts von Claire erzählt? Verbirgt sich hinter der so geduldig und liebevoll wirkenden Fassade von Ben etwa ein dunkles Geheimnis? Oder ist es doch der ebenfalls betont freundlich und mitfühlend wirkende Dr. Nash, der finstere Pläne schmiedet?

Unweigerlich erinnert Rowan Joffes Thriller „Ich darf nicht schlafen“ an Christopher Nolans „Memento“, was zunächst einmal nicht das schlechteste Vorbild für einen Film über Amnesie ist. Der ständige Gedächtnisverlust, das Misstrauen gegenüber allem und jedem, die Ungewissheit, wer die Wahrheit sagt und wer ein falsches Spiel spielt war bei Nolan idealer Stoff für einen überraschenden Thriller.

Joffe dagegen verzichtet in seiner Variation einer Amnesie-Geschichte lange auf Thriller-Elemente und entwickelt die Dreieckskonstellation zu einem Psychodrama um eine Frau, die nach Halt sucht. Themen wie häusliche Gewalt, Vertrauen und Geheimnisse in einer Ehe werden angerissen und in einigen starken Szenen ausgespielt. Doch gerade die Qualität des Haupdarsteller-Trios Kidman/ Firth/ Strong, lässt die Absurdität der Geschichte umso eklatanter zu Tage treten. Zunehmend verlässt Rowan Joffe die Pfade eines Psychodramas und begibt sich in die Untiefen einer Kolportage-Geschichte, die im letzten Drittel mit einigen höchst bizarren Wendungen aufwartet. Woran prinzipiell nichts auszusetzen wäre, hätte sich „Ich darf nicht schlafen“ nicht über weite Strecken recht erfolgreich darum bemüht, ein ernsthafter Film zu sein. Am Ende bleibt schließlich eine etwas unbefriedigende Melange, die weder Fisch noch Fleisch ist.
 
Michael Meyns