Ich fühl mich Disco

„Sehr gute Filme“. So nennt der Berliner Regisseur Axel Ranisch seine Produktionsfirma. Im englischen Sprachraum nennt man diese Art der Ironie tongue-in-cheek. In Deutschlands manchmal etwas verbiestert wirkender Filmlandschaft ist Ranisch damit ein Exot. So wie mit seiner Produktionsmethode: Wichtiger als Fördergelder, Budget und Prestige sind ihm Stimmigkeit von Sujet und Figuren und seine inszenatorische Freiheit. Ranisch dreht ohne Drehbuch und improvisiert intensiv. Nach seinem Publikumsliebling „Dicke Mädchen“ folgt jetzt mit „Ich fühl‘ mich Disco“ wieder aufregend anderes queeres Kino aus Deutschland.

Webseite: www.disco-film.de

Deutschland 2013
Regie und Buch: Axel Ranisch
Darsteller: Frithjof Gawenda, Heiko Pinkowski, Christina Große, Robert Alexander Baer, Talisa Lilli Lemke
Länge: 95 Minuten
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 31. Oktober 2013

PRESSESTIMMEN:

"Axel Ranisch setzt in "Ich fühl mich Disco" seiner Jugend ein trashiges Denkmal. Mit viel Witz erzählt er von der ersten Liebe eines schwulen Jungen."
Die Zeit

"Eine spektakulär geglückte Vater-Sohn-Geschichte… …man weiß oft nicht, ob man vor Rührung feuchte Augen bekommt oder weil ‘Ich fühl mich Disco’ so witzig ist. Im Zweifelsfall beides."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

„Du musst Gas geben, Flori“! War ja klar, dass Hannos Versuch, seinem Sohn Florian (Frithjof Gawenda) sein altes Moped Marke Simson schmackhaft zu machen, in die Hose gehen würde. Florian hätte viel lieber ein Klavier, um damit die Schlager seines Lieblingssängers Christian Steiffen nachzuspielen. Ansonsten tanzt er gern mit Mama (Christina Große) durch die Wohnung und entdeckt gerade, dass er schwul ist. Hanno (Heiko Pinkowski), Turmspringtrainer und Hetero durch und durch, wird aus seinem Sohn einfach nicht schlau. Nach einem schrecklichen Schicksalsschlag müssen die beiden sich allerdings zusammenraufen: Mama fällt eines Morgens einfach um – schwerer Schlaganfall. Während sie im Koma liegt, geht zuhause alles schief. Hanno betrinkt sich jeden Abend und nötigt Flori, vom 15-Meter-Brett zu springen. Und der verliebt sich in Hannos Meisterschüler Radu (Robert Alexander Baer).

„Mach‘ einen Film darüber, womit Du Dich auskennst“, hat Axel Ranischs Professor Rosa von Praunheim seinen Studenten gesagt. Ranisch hat sich daran gehalten und einen Film über seine eigene Jugend als Kind zweier Leistungssportler gedreht. „Für Papa“, heißt es durchaus liebevoll im Abspann. Damit sind die zwei wichtigsten Konstanten in Ranischs bisherigem Werk umrissen: Seine Filme sind zutiefst persönlich und gerade deshalb trotz aller kurioser Kapriolen peinlich genau; und sie transportieren einen warmherzigen Humor, der der bedingungslosen Liebe zu den Figuren entspringt. Beides ist im deutschen Film nicht selbstverständlich.

In „Dicke Mädchen“ besetzte er seine eigene Großmutter. Jetzt dient ihm wiederum die eigene Familie als Inspirationsquelle. Und wieder findet Ranisch ganz sicher von der Nabelschau zum Filmstoff, der ein Eigenleben entwickelt. Diesmal ist der Stoff noch etwas feiner ausdifferenziert und schickt den Zuschauer durch ein Wechselbad der Gefühle. „Ich fühl‘ mich Disco“ ist Familien-Drama, queere Tragikomödie, Coming-of-Age-Geschichte, Impro-Comedy. Und so schließt sich an eine gefühlvoll ausgespielte Szene im Krankenhaus ein hochnotpeinliches Tischgespräch zwischen dem wohlmeinenden Vater und seinem sich windenden Sohn über dessen sexuelle Ausrichtung.

Dazu kommen Musikeinlagen mit dem „Indie-Schlagersänger“ Christian Steiffen, dem der Film seinen Titel verdankt und der weitere denkwürdige Songs wie „Sexualverkehr“ oder „Eine Flasche Bier“ beisteuert. Manchmal droht der Film unter dem wilden Stilmix seinen Fokus zu verlieren, zumal immer wieder auch die Fantasie dem Realismus ein Schnippchen schlägt. Aber dem steht eben seine Genauigkeit entgegen: Wie Ranisch die rüde Sprache der Sportler trifft; wie er die Sehnsüchte und Tagträume seines pubertierenden Helden ins Bild setzt; wie er die Nähe einer engen Beziehung beschreibt und den Schmerz, den der Verlust der geliebten Person auslöst. Da steht neben dem Witz gleichrangig das große Gefühl. Und aus „Ich fühl‘ mich Disco“ wird eine große Komödie – auch das eine Seltenheit im Filmland Deutschland.

Oliver Kaever