Ich und Kaminski

Zwei Filme reichten Wolfgang Becker, um sich nachhaltig in der neueren deutschen Filmgeschichte zu verewigen: "Das Leben ist eine Baustelle" und besonders "Good Bye, Lenin". Nun legt er nach vielen Jahren ein neues Werk vor, die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Daniel Kehlmann, die Geschichte eines selbstverliebten Kunstkritikers (Daniel Brühl), der versucht, sein eigenes großes Ego mit dem eines berühmten Künstlers im Ruhestand noch größer zu machen. Die Reise durch ganz schön absurde und eitle Kunstwelten ist filmisch außergewöhnlich trickreich und mit verblüffenden Bild-in-Bild-Effekten in Szene gesetzt. So entstand eine liebevolle Hommage an die Kunst – und eine ironische Satire auf ihre Vermarktung. Ein filmisches Kunststück, ein intellektueller, anspielungsreicher Spaß.

Webseite: www.ichundkaminski.x-verleih.de

Deutschland/Belgien 2015.
Regie: Wolfgang Becker.
Mit Daniel Brühl, Jesper Christensen, Amira Casar, Jördis Triebel, Geraldine Chaplin.  
Länge: 120 Min.
Verleih: X Verleih, Vertrieb: Warner
Kinostart: 17.9.2015

Pressestimmen:

"Wolfgang Becker drehte den Kultfilm 'Good bye, Lenin!' – dann brauchte er zwölf Jahre für sein nächstes Werk. Doch das Warten hat sich gelohnt: 'Ich und Kaminski' ist ein herrliches Schelmenstück geworden."
Süddeutsche Zeitung

"Eine herrliche Komödie… Großes Kino über große Kunst! – Prädikat besonders wertvoll."
FBW

"Wolfgang Becker ist zurück – und wie! Seine Adaption des vielschichtigen Romans von Daniel Kehlmann lässt uns spüren, wie sehr Becker gefehlt hat. Als Filmemacher, Drehbuchschreib er und als Menschenversteher. Seine Dramödie, die albern beginnt und dann ernster und reifer wird, glänzt mit schwungvollen Dialogen, bitterem Humor und sorgfältig ausgestatteten Bildern."
Stern

"Grandios und sehr komisch…  Daniel Brühl ist so gut wie selten zuvor. Sehr empfehelnswert."
ZDF aspekte

"Unterhaltsame und vielschichtige Satire über Kunst und Geschäft, Heuchelei und Wahrheit."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Daniel Brühl ist Sebastian Zöllner, ein Kunstkritiker in der Krise. Seine Freundin hat ihn raus geschmissen, und beruflich ist ihm auch noch nicht der große Coup gelungen. Das soll sich alles ändern, denn er hat vor, berühmt zu werden, indem er die große Biografie über den berühmten Maler Kaminski schreibt. Der war einst Schüler von Matisse, Picasso kaufte seine Bilder, bei Warhol und seiner Pop-Art-Ausstellung war er anwesend, und überhaupt war er anscheinend immer dabei, wenn Großes in der Kunstgeschichte passierte. Legendär schließlich wurde er als Maler durch seine Bildunterschrift „Painted by a blind man“. Zöllner spekuliert darauf, dass der alte Mann bald sterben wird – was seiner Biografie über ihn einen veritablen Erfolg bescheren müsste. Er recherchiert in der Kunstszene, befragt alte Weggefährten, sucht Frauen auf, die für ihn Model gestanden sind, und macht sich schließlich auf in die Berge, wo der alte Maler zurückgezogen lebt. Frech und unbescheiden drängt er sich hinein in dessen abgeschirmtes Leben und entführt ihn sogar auf eine tagelange Reise mit dem Auto, eine alte Muse zu finden. Doch schon bald wird klar: so klapprig ist der alte Künstler nun doch nicht, und ein Schlitzohr wie der Kritiker ist er schon lange. Die Reise verläuft ganz anders, als es sich der Möchtegern-Biograph gedacht hat…

Wolfgang Becker hat diese Geschichte eines vermeintlichen Künstlers und eines vorgeblichen Kunstjournalisten als große Schelmen-Ballade angelegt. Daniel Brühl gibt mit viel Lust zum schmierigen Charme den eitlen, selbstverliebten jungen Schreiberling, der mit seinen Tagträumereien vom großen Ruhm der Wirklichkeit immer ein paar Schritte zu weit voraus ist und sich dann wundert, wenn es anders kommt, als von ihm gedacht. Mit ihm reisen wir im Lauf der Geschichte und der Zeiten durch manchmal wirklich absurde Kunstwelten, durch die Eitelkeiten ihrer Bewohner, und durch die Mechanismen ihrer Vermarktung.

Filmisch in Szene gesetzt ist diese Reise außergewöhnlich trickreich und mit verblüffenden Kunst-in-Kunst-Effekten. Gemalte Bilder werden lebendig und springen aus dem Rahmen, werden zu Filmbildern und verwandeln sich durch die Zeiten und werden wiederum zu Bildern im Rahmen. Und immer wieder sind seine Sets anspielungsreiche Zitate von berühmten Vor-Bildern anderer Kunstwerke, die man bei einem einmaligen Sehen wahrscheinlich gar nicht alle zu erfassen vermag.

Grandios ist schon die Einführung: wie einst Woody Allen in „Zelig“ läßt er den angeblich legendären Kaminski durch die Zeitgeschichte stolpern, als hätte es ihn omnipräsent wirklich gegeben. Er montiert ihn in das Atelier von Matisse, stellt ihn neben Picasso, an die Seite von Andy Warhol in New York, und setzt ihn wie mit Diane Keaton an der Seite auf die Bank und läßt ihn auf die Skyline von „Manhattan“ schauen. Selbst der Abspann ist eine einzige künstlerische Spielerei mit der Kunst der Bilderwelten.  

So ist „Ich & Kaminski“ im wahrsten Sinne des Wortes von Anfang bis Ende eine einzige liebevolle Hommage an die Kunst – und eine ironische Satire auf ihre Eitelkeiten wie auf ihre Vermarktung. So gesehen ist der Film selbst ein Kunststück, das vor allem als eines fasziniert: als ein intellektueller Spaß!

Will Bölscher

Nach „Die Vermessung der Welt“ von Detlev Buck machte sich nun Wolfgang Becker an eine Verfilmung von Erfolgsautor Daniel Kehlmann. Erzählt wird die ironische Geschichte eines ziemlich ehrgeizigen Journalisten, der die Biografie eines überaus berühmten, angeblich blinden Malers schreiben möchte. Der kauzige Künstler und der mediokre Medienmann können sich auf Anhieb nicht leiden. Jeder versucht nach Kräften, den anderen zu manipulieren und trickreich über den Tisch zu ziehen. Bei einer gemeinsamen Autofahrt kommt sich das ungleiche Duo jedoch überraschend näher. Die vergnügliche Kultur-Satire präsentiert sich mit unangestrengter Situationskomik und wortwitzigen Dialogen. Vor allem aber bringt Becker seinen „Good Bye, Lenin!“-Star Daniel Brühl zur Bestform.  

Wolfgang Becker zählt nicht gerade zu den Vielfilmern, doch mit „Kinderspiele“, „Das Leben ist eine Baustelle“ und natürlich „Good Bye, Lenin!“ hat er sich einen exzellenten Ruf geschaffen. Zwölf Jahre sind seit „Lenin“ vergangen, für den Regisseur freilich kein Grund zur Hektik. Vor über zwei Jahren schon hatte er seine Kehlmann-Verfilmung abgedreht. Das Werk wurde für die Berlinale oder gar Cannes erwartet – die „ist noch im Schnitt!“-Mitteilung geriet regelrecht zum running gag. Als Miteigentümer der renommierten Produktions- und Verleihfirma X-Filme kann man sich solch kreativen Luxus vermutlich leisten. Was lange währt, wird endlich gut? Oder war, wie bisweilen kolportiert, der Wurm drin in dem so verdächtig lange unvollendeten Projekt?

Der Auftakt fällt vielversprechend aus. Als hübsch verspielte Collage mit historischen Bildern rattert die (fiktive) Geschichte des berühmten Malers Manuel Kaminski daher. Wie er als Schüler von Matisse und Freund von Picasso einst das Handwerk lernte und durch einen Werbegag als „blinder Maler“ ganz groß Furore machte. Kaminski schaffte es auf den Titel der „Times“, Fotos zeigen den Star zusammen mit den Beatles, mit Muhammed Ali und Woody Allen muss ihn in der US-Version von „Wer bin ich?“ erraten  Die ruhmreichen Zeiten sind lange vergangen, inzwischen lebt die Legende abgeschieden in den Schweizer Bergen. Dort spürt ihn der ehrgeizige Journalist Zöllner (Daniel Brühl) auf, der mit einer Biografie dessen letzte Geheimnisse lüften will – und auf einen Bestseller nach dem Ableben des greisen Künstlers hofft. „Da rollt ein Kaminski-Tsunami auf uns zu“, verspricht er vollmundig seinem Verleger. Der mürrische Meister gewährt dem jungen Schreiber tatsächlich Audienz, die Tochter des Alten erweist sich allerdings als harte Nuss und bleibt auffallend abweisend. Mit einem Trick gelingt dem Biografen schließlich der Coup: Er überredet den Maler zu einer gemeinsamen Autoreise zu dessen tot geglaubter Jugendliebe. Der Publizist frohlockt und wittert intime Informationen, doch je länger der Trip des ungleichen Duos dauert, desto unklarer wird, wer hier wen tatsächlich manipuliert. Die Erzählungen von Kaminski entpuppen sich als banales Geplapper, zudem reist der reiche Künstler kostengünstig ohne eigenes Bargeld. Schlimmer noch: Die Freude über die heimlich stibitzen Gemälden hält für Zöllner nicht sehr lange an. Ganz zu schweigen davon, dass seine Freundin ihm telefonisch den Laufpass gibt. Doch irgendwie und irgendwann taut das Eis zwischen den exzentrischen Helden und der Roadtrip gerät zum Beginn einer fast wunderbaren Freundschaft.  

Becker entwickelt diesen satirischen Blick auf die Kunstwelt als lässige Komödie über eitle Wichtigtuer und angeberische Selbstdarsteller. Anders als in seiner angestrengten Episode „Krankes Haus“ im misslungenen Kompilationsfilm „Deutschland 09“ gelingt hier das Timing ebenso wie das Gespür für Situationskomik. Seien es die Verfremdungsmätzchen von der klappernden Reise-Schreibmaschine in Notebook-Zeiten bis zu rauchenden Passagieren im Zugabteil. Oder die Begegnung des verdrießlichen Helden mit einer harmlosen Kuh, die ziemlich üble Folgen hat.

Der ohnehin selten enttäuschende Daniel Brühl läuft an der Seite des dreifachen Bond-Bösewichts Jesper Christensen alias Kaminski zur Höchstform auf und bietet als schmieriges Hochstapler-Stehaufmännchen eine komische Glanzleistung, an der Peter Sellers seine Freude hätte. Als Sahnehäubchen gibt sich Josef Hader als miesepetriger Schaffner ein kleines Stelldichein, derweil Geraldine Chaplin als leicht umnachtete Jugendliebe des Künstlers auftritt. Der lakonisch geschliffene Wortwitz der Romanvorlage bleibt auf der Leinwand bestens erhalten. „Berühmt sein heißt, jemanden wie mich haben“ biedert sich da etwa der eitle Biograf protzend an. Weniger wichtigen Menschen wird derweil knapp beschieden: „Sie müssen mich mit jemandem verwechseln, den das interessiert.“ – Das Interesse des Kinopublikums dürfte nicht nur bei Kehlmann-Fans geweckt sein.

Dieter Oßwald
 

Zwölf Jahre hat sich Wolfgang Becker nach seinem Welterfolg „Good Bye Lenin!“ für seinen nächsten Spielfilm Zeit gelassen. Allerdings hat sich Becker mit der Verfilmung von Daniel Kehlmanns Roman „Ich und Kaminski“ auch eine schwere Aufgabe vorgenommen, die nur bedingt gelingt.

Zusammen mit „Lola rennt“ bildete „Good Bye Lenin!“ ein filmisches Doppelpack, dass den deutschen Film um die Jahrtausendwende internationale Aufmerksamkeit einbrachte wie lange nicht mehr. Doch während Tom Tykwer seinen Ruhm zum Sprung ins internationale Filmgeschäft nutzte und inzwischen Millionenteure Großproduktionen stemmt, machte Becker eine lange Pause, steuerte nur einen – ziemlich missglückten – Kurzfilm zur ohnehin ziemlich missglückten Kurzfilmsammlung „Deutschland 09“ bei und suchte nach einem neuen Stoff.

Den fand er im Bestseller des Schriftstellers Daniel Kehlmann, schon 2009 wurde das Projekt angekündigt, doch die Dreharbeiten verzögerten sich immer wieder. Was zum einen an Terminproblemen mit Hauptdarsteller Daniel Brühl gelegen haben dürfte, der inzwischen ein weltweit gefragter Schauspieler ist, aber auch an der Schwierigkeit, den originären Romanstoff in ein filmisches Drehbuch zu adaptieren. Denn „Ich und Kaminski“ wählt eine Perspektive, die im Kino fast unmöglich umzusetzen ist: Dezidiert subjektiv ist Kehlmanns Roman erzählt und beschreibt zudem eine lange Zeit vollkommen unsympathische Figur.

Sebastian Zöllner heißt dieser Typ, von Daniel Brühl mit großer Emphase gespielt, ein selbstgefälliger Journalist, der sich für den Größten hält. Um endlich den Erfolg zu erlangen, den er – zumindest in seinen Augen – längst verdient, arbeitet Zöllner an einem Buch über den alternden Maler Manuel Kaminski (Jesper Christensen). Der wurde einst in einer Reihe mit den Größen der Pop-Art genannt und hatte ein besonders schlagkräftiges Verkaufsargument: Er ist blind – möglicherweise. Nun altert Kaminski in einem Haus in den Schweizer Bergen vor sich hin, halb betreut, halb bewacht von seiner Tochter Miriam (Amira Casar) und wartet auf den Tod. Bevor es soweit ist, will Zöllner unbedingt ein Interview mit Kaminski führen, um pünktlich zum baldigen Tod des Künstlers eine Biographie zu veröffentlichen.

Mit allen Mitteln versucht Zöllner nun hinter die Fassade des Malers zu blicken, agiert wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen und entführt Kaminski schließlich gar zu einer Reise ans Meer. Seine ehemalige große Liebe Therese (Geraldine Chaplin) will Kaminski noch einmal sehen, die eine Art Doppel zu Zöllners Ex-Freundin Elke (Jördis Triebel) darstellt, die der Journalist vergöttert, ohne wirklich zu wissen warum.

Ein Road-Movie, damit fast automatisch eine Sinnsuche ist der zweite Teil des Films, in dem Zöllner und Kaminski endgültig zu Doppelgängern werden. Was Zöllner auf den Seiten des Romans über sich selbst lernt, aber gar nicht wirklich realisiert, schildert Kehlmann auf subtile Weise. Im viel direkteren Medium Film ist dies kaum möglich, hier müssen Gedankengänge verbalisiert, Ereignisse visualisiert werden, was bei Becker lange Zeit zu einer unglücklichen Form der Klamotte führt.

Wie ein missglückter Helmut Dietl-Film wirkt „Ich und Kaminski“ zu Beginn, wenn er den selbstgefälligen Journalisten mit einer um sich selbst kreisenden Kunstszene konfrontiert, sich an Oberflächlichkeiten labt und in groben Strichen erzählt. Ganz und gar nicht Wolfgang Beckers Tonfall ist dies, der in „Das Leben ist eine Baustelle“ und „Good Bye Lenin!“ einen Hang zum Sentimentalen gezeigt hat, der zwar manchmal nah am Kitsch entlangstreifte, aber im Kern viel Wahrhaftiges über zwischenmenschliche Beziehungen erzählte. Lange Zeit bewegt sich Becker hier nun etwas unbestimmt durch einen ambitionierten, vielschichtigen Stoff und findet erst spät seine Linie. Erst wenn die Geschichte von den unbeholfen satirischen Momenten lässt, sich ganz auf das Verhältnis von Zöllner und Kaminski konzentriert, der Jüngere sich in den Erfahrungen des Älteren erkennt, entwickelt „Ich und Kaminski“ die Qualitäten, die man sich von einem Wolfgang Becker-Film wünschen würde.

Auch wenn „Ich und Kaminski“ nicht an den Erfolg von „Good Bye Lenin!“ mit seinen sechs Millionen Zuschauern heranreichen wird, bleibt zu hoffen, dass Becker nicht wieder zwölf Jahre für einen neuen Film braucht, sondern hoffentlich bald wieder einen dann ganz eigenen Stoff entwickelt, der ihm dann deutlich mehr liegen dürfte, als die Verfilmung eines sehr schwer zu verfilmenden Romans.

Michael Meyns