Ich wünsche dir ein schönes Leben

Wo kommen wir her, was prägt uns: Die Eltern, die Gene, oder doch eher die Welt, in der wir aufwachsen. Dies sind einige der Fragen, die Ounie Lecomte in ihrem teils sozialrealistischen, teils melodramatischen Film „Ich wünsche dir ein schönes Leben“ streift, der von einer Frau Anfang 30 erzählt, die nach Dünkirchen zurückkehrt, wo sie einst geboren und von ihrer Mutter verlassen wurde.

Webseite: www.filmkinotext.de

Je vous souhaite d'être follement aimée
Frankreich 2016
Regie: Ounie Lecomte
Buch: Agnès de Sacy, Ounie Lecomte
Darsteller: Céline Sallette, Anne Benoît, Francoise Lebrun, Elyes Aguis, Louis-Do de Lencquesaing, Catherine Mouchet
Länge: 100 Minuten
Verleih: FilmKinoText
Kinostart: 15. Juni 2017

FILMKRITIK:

Vielleicht war es die anstehende Scheidung, die Elisas (Céline Sallette) Wunsch angestoßen hat, endlich Klarheit über eine Frage zu bekommen, die sie schon seit langem beschäftigt: Wer ist ihre Mutter und warum hat sie sie direkt nach der Geburt zur Adoption freigegeben? Allein, dass sie aus der nordfranzösischen Hafenstadt Dünkirchen stammt, weiß Elisa, mehr kann ihr auch die Agentur nicht mitteilen, die sie mit Nachforschungen beauftragt hat. Denn nach französischem Recht darf eine Frau, die ihr Kind zur Adoption freigibt, anonym bleiben, auch wenn das Kind später nach Klarheit über seine Herkunft verlangt.
 
Als Physiotherapeutin arbeitet Elisa in der Kleinstadt, ihr Sohn Noé (Elyes Aguis) muss sich in der neuen Schule zurechtfinden und wird auf Grund seiner leicht dunklen Hautfarbe für einen Ausländer gehalten. Unterschwellige Vorurteile begleiten den Alltag in Schule und Stadt, Vorurteile die auch Annette (Anne Benoît) teilt, die in der Schule als Putzfrau arbeitet und von den Schülern gehänselt wird. Bald wird Annette Patientin bei Elisa, anfangs entwickelt sich eine gewisse Nähe zwischen den beiden ungleichen Frauen, die eine in Paris aufgewachsen und weltoffen, die andere vom kleingeistigen Wesen der Kleinstadt geprägt und noch im Haus der eigenen Mutter lebend.
 
Schnell wird deutlich, dass es sich bei Elisa und Annette um Mutter und Tochter handelt, auch wenn dieses Geheimnis dem Zuschauer viel früher deutlich wird, als den beiden Frauen selbst. Mit dieser etwas konstruierten Drehbuchwendung hat Ounie Lecomte – die selbst ein Adoptivkind ist – ihre beiden Protagonistinnen zusammengeführt, zudem in der Rolle von Physiotherapeutin und Patientin. Körperliche Nähe entsteht dadurch, eine Nähe, die sich Elisa auch emotional von der Mutter wünscht, nach der sie sucht. Doch als sie schließlich erfährt, dass es sich bei ihrer Mutter um Annette handelt, will sie zunächst nicht wahrhaben, das es sich bei dieser grobschlächtigen Frau, die von unterschwelligen Vorurteilen gegen Migranten aus dem Maghreb geprägt ist, tatsächlich um ihre Mutter handelt. Anderes hatte sie erwartet, Besseres, die Wahrheit ist ihr unangenehm, wohl auch, weil sie sich in Momenten dann doch in Annette wieder erkennt.
 
Sehr dicht ist das Drehbuch, in dem Lecomte zumindest im Ansatz ihr eigenes Schicksal aufarbeitet, manchmal auch etwas überkonstruiert und zu sehr von zufälligen Begegnungen abhängig. Dagegen wirkt die von Céline Sallette gespielte Elisa oft wie ein Rätsel, eine unnahbare Schöne, die ihre Emotionen hinter einer starren Maske zurückhält, die sich von einem Mann trennt, der in kurzen Szenen sympathisch wirkt, die ihren Sohn nicht gerade vernachlässigt, aber doch ein ungewöhnlich distanziertes Verhältnis zu ihm zu haben scheint. Die Lücken im Wissen um ihre Herkunft, so scheint Lecomte andeuten zu wollen, prägen Elisas Gegenwart in zunehmendem Maße. Nicht einfach nur die Frage, wer die Mutter ist, treibt Elisa um, sondern auch die Frage, warum sie wurde wie sie ist, ob sie bestimmte Verhaltensweisen möglicherweise geerbt hat. Am Ende sind es diese Fragen, die von einem Film zurückbleiben, der in seinen sozial realistischen Ansätzen wesentlich überzeugender wirkt, als in seinen melodramatischen Momenten.
 
Michael Meyns