Idioten der Familie

Die Pluralform des Titels „Idioten der Familie“ deutet schon an, dass im neuen Film von Michael Klier nicht unbedingt die vordergründig einzige Behinderte der fünf Geschwister umfassenden Familie gemeint ist. Wie ein Kammerspiel wirkt das Familiendrama, das erzählerisch nicht unbedingt neue Wege betritt und vor allem durch seine Darsteller überzeugt.

Webseite: www.IdiotenDerFamilie.de

Deutschland 2019
Regie: Michael Klier
Buch: Michael Klier & Karin Aström
Darsteller: Lilith Stangenberg, Jördis Triebel, Hanno Koffler, Florian Stetter, Kai Scheve
Länge: 102 Minuten
Verleih: farbfilm Verleih
Kinostart: 12. September 2019

FILMKRITIK:

Jahrelang hat sich Heli (Jördis Triebel) um ihre kleine, geistig behinderte Schwester Ginnie (Lilith Stangenberg) gekümmert und darüber ihr eigenes Leben, vor allem ihre künstlerischen Ambitionen hinten angestellt. Doch nun, mit 40 Jahren, hat sie genug, will endlich unabhängig leben und hat für die Schwester einen Platz in einem Pflegeheim gefunden.
 
An einem milden Sommerwochenende trifft sich die Familie noch einmal in voller Anzahl im Elternhaus im Grünen, am Rande von Berlin. Neben den beiden Schwestern sind das die drei Brüder Bruno (Florian Stetter), Tommy (Hanno Koffler) und Frederik (Kai Scheve), die sich bislang kaum um Ginnie gekümmert und stattdessen Heli mit der Verantwortung allein gelassen haben.
 
An diesem Wochenende erleben sie Ginnie nun zum ersten Mal in der ganzen Bandbreite ihrer Emotionen: Teils zurückgezogen wie ein kleines Kind, teils aufbrausend und unberechenbar, teils sexuell aktiv und mit willkürlichen Männer schlafend. Die plötzliche räumliche Nähe der Geschwister führt zwangsläufig zum Aufbrechen alter Wunden und Vorwürfe, aber auch zum plötzlichen Verantwortungsgefühl der Brüder für eine Schwester, die sie lange kaum beachtet haben.
 
Mit großer Einheit von Zeit und Ort erzählt Michael Klier in „Idioten der Familie“, was dem Geschehen erst recht das Gefühl verleiht, einem Theaterstück, einem intensiven Kammerspiel zuzuschauen. Dazu passend Kliers filmischer Ansatz, der sich darauf beschränkt, sein Darsteller-Quintett beim Austarieren der jeweiligen Befindlichkeiten zu beobachten, größtenteils in zurückhaltenden Halbtotalen gefilmt.
 
Da passt es, dass auch inhaltlich ähnlich zurückhaltend agiert wird, von vordergründig ganz banalem wie verpassten Chancen, vergangenen Träumen, kleinen Streitigkeiten unter Geschwistern erzählt wird, die weniger großes Drama, als genau und gut beobachteter Alltag sind. Dementsprechend naturalistisch agieren auch die Darsteller, bis auf Lilith Stangenberg, die mit ihrem allzu exaltiertem Spiel immer wieder die ganze Aufmerksamkeit auf sich zieht und dadurch den Fluss der Ereignisse für Momente durchbricht.
 
Ganz anders dagegen Jördis Triebel, die die komplexeste Figur des Films, mit kleinen Gesten spielt, andeutet, wie ihre Heli sich jahrelang den Bedürfnissen Anderer untergeordnet hat und nun nach Eigenem strebt. Nicht mit Trotz, sondern voller Bedauern über die Notwendigkeit einer notwendig egoistischen Entscheidung, die einmal nicht das Beste für ihre Schwester oder gar ihre Brüder ist, sondern für sie selbst.
 
Es sind solche unterschwelligen Momente, die die Qualität von „Idioten der Familie“ ausmachen. Nicht die große Geste ist es, auf die Michael Klier hier abzielt, nicht das große Drama, sondern kleine Beobachtungen über die Strukturen einer ziemlich normalen Familie, die meist wenig spektakulär sind, dafür aber umso wahrhaftiger.
 
Michael Meyns

Es ist ein Kammerspiel, das Michael Klier mit „Idioten der Familie“ präsentiert. Eines, in dem eine Frau ihre behinderte Schwester in ein Heim schicken möchte, um endlich selbst leben zu können, ihre drei Brüder ihr dabei aber keinerlei Hilfe sind. Das ist teils grotesk, teils unangenehm, teils auch reichlich dröge, weil Klier einen erzählerischen Ansatz wählt, der es schwer macht, für die Protagonisten Sympathie aufzubringen.
 
Heli (Jördis Triebel) kümmert sich seit vielen Jahren um ihre behinderte Schwester Ginnie (Lilith Stangenberg), hat nun aber entschieden, dass sie in ein Heim kommen wird, da ihr die Pflege immer mehr über den Kopf wächst – und weil sie auch endlich ihr eigenes Leben in Angriff nehmen will. So wie es auch ihre drei Brüder Tommie (Hanno Koffler), Bruno (Florian Stetter) und Frederik (Kai Scheve) getan haben, die sich am Wochenende vor Ginnies Umzug allesamt im Haus einfinden. Um sich zu verabschieden, aber auch, um sich einzureden, dass dieser Schritt der Richtige ist und nicht nur für sie alle, sondern auch für Ginnie von Vorteil ist.
 
Das ist das moralische Dilemma, das aber nie konsequent ausgespielt wird. Weil die männlichen Figuren völlig losgelöst von der Situation sind. Einerseits wurde die Entscheidung schon vor diesem Wochenende getroffen, andererseits sind sie die gelegentlichen Besucher, die mit dem alltäglichen Leben ihrer behinderten Schwester nichts zu tun haben. Entsprechend unangenehm ist Brunos Monolog über die Kälte der Gesellschaft, in der störende Elemente einfach abgeschoben werden, um das eigene Dasein glücklicher werden zu lassen, was mit dem Unglück der Missachteten bezahlt wird. Das ist durchaus richtig, aber hier sind es nur Worte. Denn Bruno lässt diesen keine Taten folgen. Er ist nicht bereit, sich für seine Schwester aufzuopfern. Das soll schön weiterhin Heli tun.
 
Der Film greift damit auch klassische Rollenmuster auf. Die Frauen sollen sich in pflegenden Berufen aufreiben, selbst wenn diese völlig unentgeltlich sind, während die Männer ihren Träumen folgen. Denn Bruno möchte nach Afrika, nach Mali, um dort bei einer Hilfsorganisation tätig zu werden. Zumindest wird er das kurzzeitig tun, denn sonst hat er auch kaum etwas in seinem Leben zum Ende gebracht, wie Geli anmerkt.
 
Seine Brüder sind nicht sehr viel besser: Tommie stellt sich alles einfach vor, Frederik entzieht sich Problemen am liebsten. Ihr Aufeinandertreffen im Haus ihrer Kindheit hat darum auch etwas Groteskes, das sich im Zusammenspiel der Figuren zeigt, das mal passiv-aggressiv, mal aggressiv, mal völlig unangemessen ist.
 
Es gibt unangenehme Momente in diesem Film. Wenn Ginnie Sex hat und im Raum steht, dass ihr Liebhaber die Behinderte einfach ausnutzt, aber auch, wenn ihre Geschwister über Ginnies „Recht“ auf diese Körperlichkeit diskutieren. Der Film ist voller guter Ansätze, er hat kluge Ideen, aber er leidet darunter, dass er ausgesprochen trocken und schwer daherkommt. „Idioten der Familie“ ist nicht erhellend, nicht positiv, und er ist alles andere als leicht goutierbare Kost. 
 
Peter Osteried