Im Alter von Ellen

Um den Sinn des Lebens zu finden, muss man/frau viele Umwege machen und schließlich aufhören, danach zu suchen. Filmemacherin Pia Marais („Die Unerzogenen“) schickt ihre Protagonistin auf eine Reise, bei der neue Erfahrungen mit anderen Menschen letzlich zur Selbstfindung führen. „Im Alter von Ellen“ glänzt durch wohl komponierte symbolträchtige Bilder und die brillante französische Schauspielerin Jeanne Balibar („Va savoir“) in der Hauptrolle.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland 2010
Regie: Pia Marais
Mit Jeanne Balibar, Stefan Stern, Georg Friedrich, Julia Hummer, Alexander Scheer, Eva Löbau u.a.
Laufzeit: 95 Min.
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 20.1.11
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Beruflich weiss Ellen immer, wohin die Reise geht, schließlich ist sie Flugbegleiterin. Privat sieht das aber ganz anders aus. Die Beziehung zu ihrem Lebensgefährten Florian ist zerbrochen und damit auch der letzte rote Faden in ihrem Leben, der ihr etwas Halt gibt. „Du sendest Signale in eine Richtung und dann sendest du plötzlich Signale in die andere“, wirft ihr der Ex vor und tatsächlich ist Ellen eine Suchende, die die Orientierung verloren hat. Als sie an Bord einer Maschine einen nervlichen Zusammbruch erleidet und die Maschine einfach verläßt, wird sie vom Dienst suspendiert. Danach treibt sie ziellos umher und landet bei einer Gruppe junger Tierschützer. Für Ellen ist das eine neue Welt. Zwar bleibt sie als Frau Ende 30 irgendwie Besucherin und Beobachterin, aber der Aktivismus der Gruppe fasziniert sie. Dort lernt sie Klaus kennen, der zwar ein ganz anderes Leben führt, aber ähnlich orientierungslos ist wie sie selbst. Um ihm zu helfen, die Bundeswehr zu umgehen, heiraten die beiden, aber Ellen scheint es auch zu gefallen, damit ihren ehemaligen Lebensgefährten zu provozieren. Und je mehr die Dinge um Ellen außer Kontrolle geraten, desto mehr fühlt sie sich in der Lage, einen Entschluss für ihr zukünftiges Leben zu fassen.

Wie schon in ihrem Debüt-Spielfilm „Die Unerzogenen“ inszeniert Pia Marais eine brüchige Welt mit gebrochenem Blick. Ungewöhnliche Kameraperspektiven und Kadrierungen vermitteln das Innenleben der Protagonisten mehr als das gesprochene Wort, das nur sehr zurückhaltend eingesetzt wird. Dies ist ein künstlerischer Ansatz, der hinsichtlich Form und Inhalt mehr der bildenden denn der darstellenden Kunst zuzuordnen ist und dem sich der Zuschauer öffnen muss. Leicht ist das nicht unbedingt, doch wer sich darauf einlässt, erfährt das existentielle Thema des Films weitaus intensiver, als es eine konventionelle Herangehensweise zugelassen hätte. Dabei hilft auch der hypnotische Soundtrack von Horst Markgraf, der auch das Drehbuch mitgeschrieben hat.

Ein ganz wunderbarer Symbolismus durchzieht den gesamten Film. Immer wieder tauchen Tiere in unterschiedlichen Formen auf und reflektieren die Befindlichkeit von Ellen in all ihrer Orientierungslosigkeit und Sinnsuche. Die lebenden Tiere scheinen dabei in ihrer Unbefangenheit und Unschuld den Menschen weitaus überlegener, da sie eben keinen gesellschaftlichen Ritualen unterworfen sind, sondern nur ihrer eigenen Existenz. All das macht „Im Alter von Ellen“ gleichsam zum Psychogramm, Märchen und einer modernen Reise ins Herz der Finsternis.

Eric Horst

llen ist Stewardess. Als eine andere Frau von ihrem Freund Florian ein Kind erwartet, bricht sie zusammen, verlässt auch ihren Posten im Flugzeug und wird deshalb suspendiert.

Florian sucht sie. Ellen aber hat sich, eher willkürlich und zufällig, einer äußerst radikalen Tierschützergruppe angeschlossen, der auch Karl angehört. Er ist untergetaucht, will dem Wehrdienst entfliehen.

Die beiden sind zwar sehr verschieden, haben jedoch dasselbe Ziel: Sie müssen ihr Leben neu orientieren, wollen den bisherigen Lebensumständen entkommen. Ellen und Karl heiraten sogar. Sie wird dadurch Florian endgültig los, ihm wird geholfen, sich aus einer schwierigen Lage zu befreien.

Die Tierschützergruppe ist zwar weit weg von Ellens früherer Geborgenheit, aber doch so etwas wie eine Familie. Denn Ellen braucht ja eine gewisse Stabilität, nachdem frühere gesicherte Strukturen wie etwa die Religion oder die Heimat in Auflösung begriffen sind – nicht nur bei ihr.

Charakteristisch, dass der Film von einer Frau gedreht wurde. Die Randexistenz, in die Ellen nach dem früheren Familienleben getrieben wird, die Verletzlichkeit, die die als empfindsame Frau nach dem folgenschweren Seitensprung Florians spürt, oder die Sinnlichkeit, die sich aus der Heirat mit Karl ergeben und die Ellen zufriedenstellen und betäuben soll, das alles ist hier zu zeigen intendiert.

Ellens und Karls Versuch, ihr Leben zu festigen und der Versuch des Films, das alles deutlich zu machen.

Thomas Engel