Im Labyrinth des Schweigens

Endlich bekommt ein stiller Held von Nachkriegsdeutschland ein filmisches Denkmal, das er längst verdient hat. Fritz Bauer heißt der Mann, der als Generalstaatsanwalt in Hessen dafür sorgte, dass es in der Bundesrepublik anno 1963 zu den Auschwitz-Prozessen kam und keiner mehr sagen konnte, "das hab ich nicht gewusst". Angestoßen wurde die Sache von einem umtriebigen Journalisten, mit den Ermittlungen betraute Bauer einen jungen Staatsanwalt – im Film eine fiktive Figur, die auf drei realen Ermittlern beruht. Was zum trägen Geschichtsunterricht hätte geraten können, entpuppt sich als ebenso spannendes wie anrührendes Drama über Vergangenheitsbewältigung und den aufrechten Gang. Ex-„Goethe!“ Alexander Fehling bietet eine großartige Leistung als idealistischer Ankläger. Der im Sommer verstorbene Gert Voss stellt als Fritz Bauer einmal mehr unter Beweis, warum er von der „Times“ einst zum „besten Schauspieler Europas“ gekürt wurde. Mit dem letzten Kinoauftritt setzt die Theater-Ikone diesem stillen Helden ein wahrhaft großes Denkmal. Ein ganz außergewöhnlicher, sehr spannender, sehr berührender, sehr wichtiger Film!

Webseite: www.imlabyrinth-film.de

Unterrichtsmaterial der STIFTUNG LESEN hier:
www.stiftunglesen.de/imlabyrinthdesschweigens

Deutschland 2014
Regie: Giulio Ricciarelli
Darsteller: Alexander Fehling, André Szymanski, Gert Voss, Friederike Becht, Johann von Bülow, Hansi Jochmann, Johannes Krisch.
Filmlänge: 100 Minuten
Verleih: Universal Pictures Germany
Kinostart: 6. November 2014

Pressestimmen:

"Keine weitere trockene Geschichtsdoku, sondern ein mitreißender Spielfilm."
Die Zeit

"Ein komplexer und spannender Justizthriller."
KulturSPIEGEL

"Ein Stück Geschichte, spannend wie ein Krimi."
Brigitte

"Ein bewegender, wichtiger deutscher Spielfilm."
Der Spiegel

FILMKRITIK:

„Auschwitz? Das waren doch Schutzlager!“ Mit ihren Geschichtskenntnissen ist die Staatsanwaltschaft in Frankfurt nicht gerade vorbildlich – aber das scheint allemal typisch für die Bundesrepublik der Nachkriegszeit. Man schreibt das Jahr 1958. „Der Adenauer macht das schon!“, reden die Leute, „Frauen dürfen nun auch ohne Zustimmung des Ehemanns arbeiten“, meldet das Radio. Wirtschaftswunder, Konsum sowie heimelige Schlager bestimmen den Zeitgeist. In dieser biederen Gemütlichkeit der Vergessens und Verdrängens wirkt Thomas Gnielka, Journalist der Frankfurter Rundschau, wie ein lästiger Störenfried. Als er einen Lehrer anzeigen will, den er als ehemaligen KZ-Wärter enttarnt hat, erntet er nur Spott bei den Behörden. Lediglich der junge Staatsanwalt Johann Radmann (Alexander Fehling) nimmt sich der Sache heimlich an. Eigentlich ist er für Verkehrsdelikte zuständig, doch nun ist seine juristische Neugier geweckt. Je mehr er ermittelt, desto größer ist sein Erschrecken über die NS-Verbrechen. Er freundet sich mit dem Journalisten an und lernt durch ihn einen jüdischen Überlebenden von Auschwitz kennen. „Dieses Land will die Wahrheit nicht wissen!“, sagt der Mann, der über den Mord an seinen Zwillingen im Vernichtungslager nie hinweggekommen ist. Doch Radmann will diese Wahrheit wissen, erst recht, als er Unterlagen entdeckt, die auf die Spur der Täter führen.

Die Kollegen reagieren mit Häme auf den Eifer des jungen Juristen, doch vom sozialdemokratischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer (Gert Voss) erhält er die nötige Rückendeckung. Akribisch wühlt sich Radmann durch Aktenberge und vernimmt Zeugen. Auf Unterstützung kann er wenig rechnen. Immer wieder stößt er auf Ablehnung und Widerstände der Behörden – das titelgebende „Labyrinth des Schweigens“. Von seiner Sekretärin lässt sich der Ermittler sämtliche Telefonbücher der Republik beschaffen, um mögliche Täter zu finden. Auf eigene Faust reist er mit Gnielka nach Günzburg, um dort den KZ-Arzt Josef Mengele aufzustöbern. Doch der BND verweigert seine Hilfe.
 
Allen Widrigkeiten, Einschüchterungen und Korruptionsversuchen zum Trotz gelingt es dem eifrigen Staatsanwalt schließlich doch, ausreichend Belastungsmaterial gegen Täter zu sammeln. Am 20. Dezember 1963 wird der erste der Frankfurter Auschwitz-Prozesse eröffnet, bei dem die deutsche Öffentlichkeit von schrecklichen Wahrheiten ihrer jüngsten Vergangenheit erfährt und 22 Nazi-Schergen verurteilt werden. Privat fällt die Bilanz für Radmann weniger erfolgreich aus. Er überwirft sich mit seiner Freundin Marlene, den Mitarbeitern und selbst seinem Mentor Fritz Bauer. Als bei dem Journalisten Gnielka gleichfalls düstere Schatten der Vergangenheit auftauchen, wird auch diese Freundschaft auf eine harte Probe gestellt.
 
Während es sich bei dem FR-Journalisten Gnielka und Generalstaatsanwalt Bauer um reale Figuren handelt, ist Johann Radmann ein fiktiver Charakter, der auf drei der damals ermittelnden Staatsanwälten basiert. Der dramaturgische Schachzug ermöglicht künstlerische Freiheiten, die das Drama erzählerisch voranbringen, ohne Persönlichkeitsrechte zu verletzen. Der Held kann eine Reise durchleben und an seinen Aufgaben wachsen oder verzweifeln. Eine Lovestory hier, das Vater-Trauma dort und dazu noch etwas Alkohol im Frust – dem erfundenen Ermittler lassen sich solche Dinge problemlos andichten. Sie sind die unterhaltsame Hefe, die den Aufklärungs-Teig zum emotionalen Kinokuchen werden lässt. Die Wahrhaftigkeit der Fakten ändert sich dadurch nicht: „Meines Erachtens nach ist das Drehbuch sehr authentisch – es übertreibt nichts, es verzerrt nichts, es stellt das Ermittlungsverfahren korrekt dar“ bescheinigt der Historiker Werner Renz vom Fritz Bauer Institut.
 
Als ganz großer Pluspunkt erweist sich die Besetzung. Ex-„Goethe!“ Alexander Fehling gibt den jungen Wilden auch als Aktenfresser in der muffigen Amtsstube mit Gummibaum-Deko mit angenehmer Lässigkeit und balanciert souverän zwischen stur und verletzlich. Theater-Ikone Gert Voss als sein Mentor und Vorgesetzter ist der grandios leinwandpräsente Fels in der Brandung. Mit dieser letzten Vorstellung vor seinem Tod setzt er Fritz Bauer ein wuchtiges, würdiges Denkmal.
 
Dieter Oßwald