Im Netz der Versuchung

Manchmal überrascht das Kino so richtig. Wenn man dem Publikum eine Art von Film verheißt, ihm aber einen gänzlich anderen vorsetzt. Das passiert auch bei „Im Netz der Versuchung“, der davon erzählt, wie ein Fischer von seiner Ex-Frau angeheuert wird, damit er ihren Mann, der sie misshandelt, auf offener See umbringt. Das ist im Grunde ein genretypischer Plot, aber er deckt im Endeffekt nur das erste Drittel des Films ab. Was dann folgt, muss man mit eigenen Augen gesehen haben, auch wenn Steven Knights Film über seine eigenen Ambitionen stolpert. Aber kühn sind sie auf alle Fälle.

Webseite: www.im-netz-der-versuchung-film.de

Serenity
USA 2018
Regie & Regie: Steven Knight
Darsteller: Matthew McConaughey, Jason Clarke, Anne Hathaway, Diane Lane, Djimon Hounsou
Länge: 106 Minuten
Verleih: Universum Film
Kinostart: 2. Mai 2019

FILMKRITIK:

Baker Dill (Matthew McConaughey) lebt auf der karibischen Insel Plymouth und verdient sein Geld damit, dass er Touristen aufs Meer hinausfährt, wo sie angeln können. Aber eigentlich sucht er nach seinem eigenen Weißen Wal, einem riesigen Thunfisch, den er unbedingt zur Strecke bringen will. Im Grunde denkt er an nichts anderes mehr. Bis seine frühere Freundin Karen (Anne Hathaway) in sein Leben tritt und ihm einer Femme Fatale gleich eine Versuchung ins Ohr flüstert. Er soll mit ihrem Ehemann, der sie misshandelt, hinaus aufs Meer fahren, aber ohne ihn zurückkommen. Damit würde er nicht nur zehn Millionen Dollar verdienen, sondern auch seinem Sohn helfen, der bei seiner Mutter lebt und sich vor der allumfassenden Gewalt im Haus in die Welt der Computer geflüchtet hat.
 
Das ist eine alles andere als originelle Geschichte. Derartiges hat man schon zur Genüge gesehen. Anfangs ist das einzige Alleinstellungsmerkmal des Films, dass er seine Film-Noir-Handlung vor sonniger und exotischer Kulisse erzählt. Dann jedoch passieren merkwürdige Dinge. Baker hört die Gedanken seines Sohnes, und sein Sohn hört seine Gedanken. Das ist der Moment, an dem man den Film fast schon abschreiben will. Einerseits, weil alles, was zuvorgekommen ist, unglaublich klischeehaft ist, andererseits, weil dieser Twist reichlich abstrus anmutet. Unwillkürlich fragt man sich, was Steven Knight damit bezweckt. Und während man darüber noch nachdenkt, geht der Autor und Regisseur noch weiter.
 
Denn er vollzieht recht jäh einen vollkommenen Genrewechsel. Die Grundgeschichte ist zwar gleich – die Frau soll vor dem gewalttätigen Ehemann gerettet werden –, aber alles darum herum verändert sich. Mit einem Mal ergeben Szenen und Details, die man zuvor als heillos absurd abtat, einen Sinn. Andere wiederum werden sogar ausgesprochen relevant, so wie der kleine Anzugträger, der ständig Baker Dill nachstellt. Eigentlich hält man ihn für jemanden, der wegen Bakers Schulden hinter ihm her ist. Die Wahrheit ist jedoch eine andere. Sie erklärt auch, wieso dieser kleine Mann auf der karibischen Insel solch ein Fremdkörper ist. Die Idee dahinter ist kühn, das kann man nicht anders sagen.
 
Aber das verhindert auch nicht, dass der Film einigermaßen holprig erzählt ist. Gratulieren muss man jedoch, dass hier mal etwas anderes versucht wird, da hier gleich mehrere Erzählebenen eröffnet werden, die mit Phantasie und Realität, mit Schöpfung und Schöpfer spielen. So wird „Im Netz der Versuchung“ auch zu einer verqueren Suche nach Gott, ohne dass der Film aber wirklich religiöse Tendenzen annehmen würde.
 
Stattdessen geriert er sich als ein Werk, das dem Zuschauer nicht nur vorgaukelt, eine altbekannte Geschichte zu erzählen, sondern auch wie ein höchst generisches Hollywood-Produkt wirkt. Bis alles anders ist und man sich urplötzlich in „The Thirteenth Floor“ wähnt, weil der Film mehr ist, als er auf den ersten – und auch zweiten – Blick zu sein scheint. Das macht „Im Netz der Versuchung“ zwar auch nicht zu einem großartigen Werk, sowohl unterhaltsam als auch interessant ist Steven Knights ambitioniertes Scheitern aber schon.
 
Peter Osteried