Im Oktober werden Wunder wahr

Mit „Eine Perle Ewigkeit“ hat sich 2009 ein peruanischer Film den Goldenen Bären in Berlin gesichert. Dieses Jahr überzeugte bei den Filmfestspielen in Cannes in der Reihe „Un certain regard" ein ebenfalls voller religiöser Symbole und Andeutungen auf die sozio-ökonomische Situation im Andenstaat steckender Beitrag. In ihrem insgesamt wortkargen Melodram „Im Oktober werden Wunder wahr“ erzählen die Brüder Vega von einem einsamen Pfandleiher, der durch ein Findelkind aus dem Tritt gerät und gezwungen ist, Veränderungen in seinem Leben zuzulassen.

Webseite: www.neuevisionen.de

OT: Octubre
Peru 2010
Regie: Daniel und Diego Vega
Darsteller: Bruno Odar, Gabriela Velásquez, Carlos Gasols, Maria Carbajal, Sheryl Sánchez Mesco, Victor Prada, Sofía Palacios, Norma Francisca Villareal, Humberta Trujillo
93 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 30.9.2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Zum Frühstück in seiner heruntergekommenen und karg eingerichteten Behausung im heutigen Lima, in der die Farbe von den Wänden blättert, zerdrückt der Pfandleiher Clemente ein hart gekochtes Ei. Die ersten Kunden kommen und bitten ihn um einen Kredit. Rücksicht auf die besonderen Situationen der Schuldner nimmt der verschlossene Clemente nicht. In seinem Leben gelten klare Spielregeln, auch sein Tagesablauf folgt den immer gleichen Schemata, wozu auch regelmäßige Besuche im Bordell gehören – anscheinend die einzige Freude, die sich der vereinsamte Mann gönnt, auch hier jedoch in sich gekehrt bleibt.

Eines Tages kehrt Clemente zurück in sein Zuhause und findet einen Korb mit einem Baby darin vor. Es ist klar, dass er mit dem Kind überfordert ist. Die ihrerseits einsame Nachbarin Sofia unterstützt ihn als Babysitter, während er sich auf die Suche nach der Mutter macht. Sie hofft, auf diese Weise die Zuneigung des Pfandleihers zu gewinnen. Dass sie zur Erfüllung ihrer Aufgabe bei ihm einzieht, bringt sie ihrem Ziel zwar näher. Ihre Gefühle aber werden nicht erwidert.

Gleichwohl sorgen die durch das Findelkind ausgelösten Ereignisse dafür, dass Clemente seiner Arbeit nicht mehr ganz so konzentriert nachgehen kann. Besonders schlimm: ein Kunde jubelt ihm einen gefälschten Geldschein unter, was fortan der Reputation seiner Kreditgebertätigkeit schadet. Erschwerend kommt hinzu, dass der Obdachlose Don Fico, ein Bekannter Sofias, der für sie Kreuzworträtsel löst, seine im Krankenhaus liegende Lebensgefährtin gerne zu sich holen möchte. So kommt’s, dass auch das alte Paar bei Clemente unterschlupft.

Die Symbolkraft dieses mit einem leisen schwarzen Humor unterlegten, insgesamt aber schwermütigen Melodrams äußert sich in der zeitlichen Verortung der Handlung während der Oktoberprozessionen, die in Lima eine wichtige religiöse und historische Bedeutung haben. So hat der als größte Prozession Südamerikas geltende Festtag „Señor de los Milagros" (Der Herr der Wunder) seinen Ursprung in der Kolonialzeit. Der Überlieferung zufolge soll ein aus Angola stammender Sklave 1651 eine dunkle Christus-Figur auf die Hauswand eines armen Leibeigenen in der Nähe von Lima gezeichnet haben. Nachdem das Bild ein Erdbeben unbeschadet überstand, wurde es zur Wallfahrtstätte. Die Prozession über sechs Kilometer dauert dabei 24 Stunden. Weil zahlreiche Gläubige sich in violette Kleider hüllen, wird der Oktober in Peru auch der „purpurne Monat“ genannt.

Es passt dabei nur zu gut zur Geschichte des Films, dass Sofia mit etlichen anderen Gläubigen im Rückwärtsgang vor dem getragenen Heiligenbild läuft – so wie ihres und das Leben der anderen Filmfiguren (und letztlich auch der peruanischen Gesellschaft) nicht zukunftsgerichtet, sondern regressiv verläuft. Anders als Clemente wartet (und betet) sie aber noch für ein Wunder – ein Wunder, dass ihr über die Beschäftigung mit dem Religiösen auch wieder Erfüllung in sexueller Hinsicht bringen soll.

Die Gebrüder Daniel und Diego Vega, beide Mitte der 1970er Jahre geboren, verzichten fast vollständig auf eine musikalische Umrahmung, vertrauen ganz auf die Kraft der zumeist in einem chromatischen Farbton gehaltenen, in sich symmetrisch aufgebauten Bilder, die die Trostlosigkeit des Alltags und die Tristesse der Figuren unterstreichen. Die Art, wie sie in ihre sparsame Erzählung hinein Humor platzieren, erinnert durchaus an Vorbilder wie Kaurismäki und Jarmusch. Erkennbar sind aber auch Bezüge zum jungen argentinischen und uruguayischen Kino. Ähnlich wie der peruanische Film „Eine Perle Ewigkeit“, der 2009 den Goldenen Bären bei den Berliner Filmfestspielen gewann, steht auch hinter „Im Oktober werden Wunder wahr“ die Aussage, durch die Bereitschaft zur Veränderung dem Leben die Stirn bieten zu können – und dem eigenen Glück und Wohlbefinden damit auf die Sprünge zu helfen. Clementes Stammprostituierte sagt es treffend: „Man muss Veränderungen zulassen.“ Allerdings wird das Glück in diesem Film nur vage angedeutet.

Thomas Volkmann

Lima, Peru. Nicht gerade ein Stadtviertel der Reichen. Clemente ist Geldverleiher. Seine Kunden sind meist arme Teufel, die ihre Armbänder und Uhren versetzen. Freigiebig ist Clemente ganz und gar nicht. Sexuelle Befriedigung sucht er bei einer Hure. Schnell erledigt, bezahlt, verschwunden, von Gefühlen keine Spur.

Eines Tages wird in seiner Wohnung ein Säugling abgestellt. Der schreit und hat Hunger. Woher und was tun? Eine seiner Sexdamen bekam ein Kind. Von ihm? Beweisen kann das niemand. Die Lady ist verschunden.

Clemente geht mit dem Kind auf den Armen seinen Geschäften nach. Doch die Konzentration ist futsch. Er wird betrogen. Die falschen Zweihunderter wird er nirgends mehr los.

Er sucht in den Rotlichtvierteln der Stadt die Mutter des Kindes. Ohne Erfolg.

Sofia, die Nachbarin, muss und wird helfen, sogar bei Clemente einziehen. Sie ist wie die vielen anderen arm und hofft seit Jahren auf ein Wunder. Dafür betet sie zum „Gott der Wunder“. Don Fico, ein alter Freund, soll sie dabei unterstützen. Er knobelt für Sofia Kreuzworträtsellösungen heraus.

Don Fico hat eine kranke Frau. Mit gespartem Geld kann er sie durch Bestechung aus dem Krankenhaus loseisen. Aber er besitzt keine Wohnung. Wohin? Zu Clemente und Sofia.

Sofia möchte im Bett Clemente für sich gewinnen. Sie blitzt ab.

Was wird nun aus den Fünfen: Clemente, dem Baby, Sofia, Don Fico und seiner Frau? Sie wissen es alle nicht.

Ein Solitär von einem Film. Lakonisch, nüchtern, grotesk, teilrealistisch. Die Bilder sind ausgesucht, symmetrisch, karg, stiltypisch und stilsicher. Thema: Alleinsein, Verzweiflung und Hoffen, Unfähigkeit, auf normale Art und Weise zu den Mitmenschen ein gutes Verhältnis zu gewinnen.

Filme aus Peru sind bei uns nicht gerade häufig. Insofern ist „Im Oktober werden Wunder wahr“ – in Peru hat der Oktober eine besondere religiöse Bedeutung – mit dieser sehr skurrilen, beinahe verblüffenden Geschichte ganz gutes, vor allem stilistisches Anschauungsmaterial, wenn auch nicht viel mehr.

Akteure wurden wieder einmal gute gefunden. Bruno Odar als Clemente und Gabriela Velasquez als Sofia spielen so natürlich, dass man das Gefühl hat, sie würden jeden Moment bei der eigenen Türe hereinkommen.

Thomas Engel