Im Schatten der Frauen

Seit 50 Jahren dreht Philippe Garrel Filme, zählt – zumindest in Frankreich – zu den wichtigsten Cineasten dieser Zeit, doch erst jetzt kommt mit "Im Schatten der Frauen" zum ersten Mal ein Film Garrels regulär in die deutschen Kinos. Der ist durch und durch französisch und erzählt von den Dingen des Lebens: der Liebe, den Frauen und dem Kino.

Webseite: www.schwarzweiss-filmverleih.de

OT: L'ombre des femmes
Frankreich 2015
Regie: Philippe Garrel
Buch: Philippe Garrel, Jean-Claude Carrière, Caroline Deruas, Arlette Langmann
Darsteller: Clotilde Courau, Stanislas Merhar, Lena Paugam, Vimala Pons, Antoinette Moya, Jean Pommier, Therese Quentin, Mounir Margoum
Länge: 73 Minuten
Verleih: Schwarzweiss Filmverleih
Kinostart: 28. Januar 2016
 

Pressestimmen:

"Ein Kino-Juwel in Schwarzweiß: „Im Schatten der Frauen“ von Philippe Garrel ist eindeutig von heute – und zugleich ganz Nouvelle Vague."
Der Tagesspiegel

FILMKRITIK:

Ein Mann zwischen zwei Frauen, und das auch noch in schwarz-weiß. französischer als diese Konstellation kann ein Film kaum sein – und das ist kein Zufall. Ganz bewusst spielt Philippe Garrel mit den Stereotypen des französischen Kinos, entwirft bewusst eine zeitlose Welt, die zwar – man erkennt es an einigen Zeichen der Gegenwart – im heutigen Paris spielt, sich aber kaum von den 50er oder 60er Jahren unterscheidet, der großen Phase der Nouvelle Vague also. Die Figurenkonstellation lässt an unzählige Liebesdramen jener Ära denken, von Truffaut-Filmen bis hin zu Jean Eustaches ultimativer Dreiecksgeschichte "Die Mutter und die Hure", und wird in den Händen Garrels doch zu mehr.
 
Hauptfigur ist der Dokumentarfilmer Pierre (Stanislas Merhar), der mit Manon (Clotilde Courau) in einer scheinbar idealen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft lebt. Viel Geld hat man zwar nicht, doch die Liebe ist groß und völlig erfüllend. Zumindest bis Pierre die junge Elisabeth (Lena Paugam) kennen lernt und eine Affäre mit ihr beginnt. "Ich bin verheiratet" sagt er ihr noch vor dem ersten Mal, worauf sie so gleichgültig "Das habe ich mir gedacht" antwortet und mit ihm schläft, wie das nur in einem französischen Film funktioniert. Doch nun hat Pierre gleich zwei Beziehungen, nun fühlt er sich gleich doppelt eingeengt, ganz Mann, der nie mit dem zufrieden ist, was er hat. Und erst recht nicht seiner Frau zugesteht, was er sich raus nimmt. Denn als Pierre ausgerechnet von Elisabeth erfährt, das Manon ebenfalls eine Affäre hat, stellt er seine Frau zur Rede, macht ihr moralische Vorwürfe und zwingt sie dazu, die Affäre zu beenden.
 
Lebenslügen und Selbstbetrug werden in "Im Schatten der Frauen "verhandelt, gespiegelt durch das Sujet von Pierres aktuellem Projekt, einem Film über einen Widerstandskämpfer aus dem Zweiten Weltkrieg, von dem sich herausstellt, dass er im Krieg keineswegs so mutig war wie er vorgibt. In einer prägnanten Szene hängen Pierre und Manon da an den Lippen des Widerstandskämpfers, lauschen seinen (erfundenen) Heldengeschichten und ignorieren geflissentlich die Frau des Ehemanns, die ihnen liebevoll selbst gebackene Plätzchen anbietet. Wie so oft stehen die Frauen im Schatten der Männer, so wie auch Manon ganz für ihren Mann lebt, nicht selbst Erfüllung in einem Beruf sucht, sondern ihn bei seiner Arbeit unterstützt.
 
Der Titel "Im Schatten der Frauen" ist dementsprechend eine ironische Umkehr, beschreibt aber doch präzise die Bedeutung der Frauen im Leben eines Mannes, bzw. einer Filmfigur wie Pierre. Gerade diese Art des französischen Kinos hat die Frauen immer wieder als kaum mehr als Anhängsel der Männer gezeigt, sie vor allem als sinnliche, erotische Wesen inszeniert, ganz im Sinne von Truffauts oft zitiertem Bonmot: "Kino ist, wenn schöne Frauen schöne Dinge tun“.
 
Natürlich sind auch die Frauen bei Garrel schön, aber mehr als in vielen anderen Filmen sind sie hier nicht nur Objekte. Die Bilder, die besonders schön sind, zumal Garrel in wunderbarem, grobkörnigen schwarz-weiß und in Scope drehte, objektivieren zwar wie eh und je, doch dem setzt Garrel eine ausgiebige Kommentarspur entgegen, die den emotionalen Reigen mit ironischen Bemerkungen kommentiert. Sie ermöglicht es, das Treiben praktisch von Außen zu betrachtet, erzeugt eine Distanz zu der stereotypen Dreiecks-Beziehung und dekonstruiert sie. So ist "Im Schatten der Frauen" am Ende beides: Ein ganz typischer französischer Liebesfilm, der gleichzeitig seine eigenen Strukturen hinterfragt.
 
Michael Meyns