Im Sommer wohnt er unten

Der Eröffnungsfilm der Reihe "Perspektive deutsches Kino" auf der Berlinale 2015:
Es hätte ein gemütlicher Urlaub im elterlichen Ferienhaus in Frankreich werden sollen. Weil der ehrgeizige Bruder samt Gattin eine Woche früher eintrifft, ist jedoch bald Schluss mit lustig für den Chaoten Matthias und seine Freundin. Während die alten Geschwister-Rivalitäten köcheln, bringen unvorgesehene Flirts zwischen dem Quartett die Gereiztheit immer bedrohlicher zum Siedepunkt. Hübsche Familienaufstellung nach bewährtem französischem Rezept. Ein leicht inszeniertes Debüt mit präzise gezeichneten Figuren samt überzeugender Darsteller, prompt hat „Variety“ Tom Sommerlatte zu den „10 Europeans to Watch“ gekürt.

Webseite: www.kinostar.com

D 2014
Regie: Tom Sommerlatte
Darsteller: Sebastian Fräsdorf, Godehard Giese, Karin Hanczewski, Alice Pehlivanyan, William Peiro
Filmlänge: 100 Minuten
Verleih: Kinostar
Kinostart: Herbst 2015
 

FILMKRITIK:

"Mich interessiert die Hackordnung, die Menschen sehr schnell untereinander ausmachen, das Ausnutzen von Macht und die Unfähigkeit mancher, aus solchen Mustern herauszukommen“, so beschreibt Regisseur und Autor Tom Sommerlatte die Absichten für sein Debüt. Mit der biografischen Erfahrung von immerhin 11 Geschwistern ist der Macher allemal qualifiziert für diese cineastische Familienaufstellung um zwei ungleiche Brüder aus reichen Verhältnissen. Der strebsame David ist in die Fußstapfen des Vaters, eines erfolgreichen Bankiers, getreten. Matthias hat für Geldangelegenheiten wenig übrig und sucht lieber nach Selbstverwirklichung Mit Freundin Camille und deren Sohn Etienne verbringt er den Urlaub in der elterlichen Ferienvilla mit Pool in Frankreich. Die geruhsame Idylle wird gestört, als der Bruder eine Woche früher als vereinbart mit Gattin Lena im Urlaubsdomizil auftaucht. Mit Ankunft das Alphatiers werden die Karten der Hierarchie sofort neu gemischt. Klar, wer fortan das schönste Zimmer der Villa bezieht – die Antwort verrät der Titel. Ebenso selbstverständlich wird das Kind aus dem Haus verscheucht, sehr zum Ärger von dessen Mutter. Doch Platzhirsch David will seine Ruhe und Softie Matthias kann sich nicht durchsetzen – wieder einmal steht er als totaler Versager da, was die französische Freundin nicht sehr sexy findet.
 
So angespannt die Atmosphäre in der Villa auch ist, bahnen sich alsbald überraschend Flirt-Möglichkeiten an. Die antiautoritäre Camille provoziert den Bruder ihres Freundes mit ihren Reizen. Im Gegenzug gibt sich Lena verblüffend mitfühlend mit ihrem Schwager. Während das eine neu gemischte Paar zum Ausflug ans Meer aufbricht, planscht das andere vergnügt im Pool. Alles ganz harmlos, zumindest am Anfang. Gravierender fällt das kleine Geheimnis von David aus, dass die schöne Fassade des erfolgreichen Managers gehörig ins Bröckeln bringt.
 
Zwei ungleiche Pärchen im Urlaub am Pool, zankend, flirtend, Rotwein trinkend – daraus werden gerne französische Beziehungsdramen gestrickt. Nicht umsonst verlegt Autor und Regisseur Tom Sommerlatte seine Geschichte an die sommerliche Atlantikküste von Poitou-Charentes und lässt als verführerische Freundin eine Französin auftreten. Die Leichtigkeit der Inszenierung hat er gleichfalls bei den cineastischen Nachbarn abgeschaut. Philosophische Lebens- und Liebeskrisen wechseln sich unbeschwert mit flotten Flirts und frechen Dialog-Duellen ab. Gut gesetzte Pointen sorgen dafür, dass dieses uralte Gesellschaftsspiel für Erwachsene erfrischend kurzweilig ausfällt. Funktionieren kann das alles freilich nur, wenn die Figuren plausibel entwickelt sind und dem Publikum diverse Wiedererkennungsmöglichkeiten präsentieren. Das munter aufspielende Ensemble-Quartett rundet die Sache mit überzeugendem Charme gekonnt ab.
 
Ein gelungenes Debüt – das nicht nur wegen der grandios kitschigen Blumen-Tapeten im Gedächtnis bleibt.
 
Dieter Oßwald