In Berlin wächst kein Orangenbaum

Das Neu-Berliner Original Kida Ramadan legt mit „In Berlin wächst kein Orangenbaum“ sein Regiedebüt vor, in dem er als Autor, Schauspieler, Produzent und Regisseur in Personalunion agiert. Ein Herzensprojekt also, das inhaltlich zwar keine Bäume ausreißt, aber von seiner authentischen Milieuzeichnung und einem bemerkenswerten Nachwuchstalent lebt.

Website: https://port-prince.de/projekt/in-berlin-waechst-kein-orangenbaum/

Deutschland 2020
Regie: Kida Ramadan
Buch: Juri Sternburg & Kida Ramadan
Darsteller: Kida Ramadan, Emma Drogunova, Anna Schudt, Stipe Erceg, Thorsten Merten, Frederick Lau, Tom Schilling, Sabin Tambrea
Länge: 89 Minuten
Verleih: Port au Prince Pictures
Kinostart: Berlin ab 24. September, Deutschlandweit ab Oktober

FILMKRITIK:

Jahrelang saß Nabil (Kida Ramadan) im Knast, für einen Mord, den er nicht begangen hat. Seinen Jugendfreund Ivo (Stipe Erceg) hat er gedeckt, dem Gesetzt der Straße gehorcht und ihn nicht verpfiffen. Nun ist Nabil frei, doch wohl nur für wenige Wochen: Tödlicher Krebs lautet die Diagnose und so will der schweigsame, in sich versunkene Mann die kurze Zeit, die ihm bleibt, nutzen, um einiges gerade zu biegen.

Von Ivo verlangt er das Geld, das ihm zusteht und mit dem er seiner Exfrau Cora (Anna Schudt) ein besseres Leben ermöglichen möchte. Die lebt inzwischen auf dem platten Land und versucht ihre Tochter Juju (Emma Drogunova) davon abzuhalten, dieselben Fehler zu machen wie sie selbst. Als Nabil Cora besucht, wird schnell klar, dass Juju seine Tochter ist. Die hat zwar immer von einem etwas aufregenderen Vater geträumt, aber bald stellt sie fest, dass auch Nabil gar nicht so schlecht ist. Vor allem nimmt er sie mit nach Berlin, raus aus dem Kaff, hinein in die Metropole. Viel zu bieten hat Nabil seiner Tochter zwar nicht, doch aus dem anfangs gereizten Verhältnis von Vater und Tochter entwickelt sich bald eine besondere Beziehung.

Kida Ramadan kennt das Milieu seines Debütfilms genau, das merkt man. Vor allem im Berliner Bezirk Wedding spielt „In Berlin wächst kein Orangenbaum“ zwischen den Zweckbauten, in denen oft Einwanderer leben, in der beliebten Berliner Institution Späti, in Dönerläden und Import/ Export-Geschäften. Authentische Impressionen fangen Ramadan und sein Team hier ein, die meist jedoch nur Kulisse für eine Geschichte sind, die wenig überrascht.

Ein Krimineller, der nach Jahren aus dem Gefängnis entlassen wird und geläutert ist, ein nicht mehr junger Mann, der Versäumtes nachholen will, ein ungleiches Vater-Tochter-Paar, das mehr miteinander gemein hat als es anfangs den Eindruck hatte. Inhaltlich überrascht hier wenig, da müssen stattdessen die Schauspieler überzeugen: Weniger ein Stipe Erceg, der einmal mehr den Balkan-Gangster gibt oder Frederick Lau als Knacki, dafür Tom Schilling oder Sabin Tambrea in markanten Kurzauftritten, vor allem aber die Newcomerin Emma Drogunova.

In Russland geboren, spielt sie seit Jahren meist in deutschen TV-Produktionen mit, hatte letztes Jahr in „Bonnie & Bonnie“ schon einen bemerkenswerten Auftritt und zeigt hier nun, dass sie 2019 zurecht zu einer der „European Shooting Stars“ gekürt wurde. Sobald sie die Szenerie betritt, beginnt der Film zu leben und von einer Energie getragen zu werden, die vorher meist von den allzu trüben Geigenklängen gehemmt wurde. Im Zusammenspiel zwischen dem wie immer sehr zurückhaltenden Kida Ramadan ragt das expressive Spiel Drogunovas besonders heraus und lässt über manches inhaltliche Klischee hinwegsehen.

Michael Meyns