In guten Händen

Eine elegante, intelligente und romantische Komödie ausgerechnet über die – Moment mal – Erfindung des Vibrators … ?
Doch auch sensible Empfindungen werden hier nicht verletzt, denn hübsch verpackt in die fiktive Lebens- und Liebesgeschichte des realen Arztes Mortimer Granville kommt eine überaus vergnügliche Geschichte ins Kino. Ein durchgängig charmanter, geistreicher und anspruchsvoller Film.

Webseite: www.ingutenhaenden.senator.de

Originaltitel: Hysteria
UK 2011
Regie: Tanya Wexler
Drehbuch: Stephen & Jonah Lisa Dyer
Kamera: Sean Bobbitt
Darsteller: Maggie Gyllenhaal, Hugh Dancy, Jonathan Price, Rupert Everett, Ashley Jensen
100 Minuten
Verleih: Senator
Kinostart: 22.12.2011

PRESSESTIMMEN:

Eine irrwitzige Geschichtsstunde über die Erfindung des Vibrators. Very british und very vergnüglich.
Brigitte

FILMKRITIK:

Ob ein Film wie dieser in Deutschland möglich gewesen wäre, ist zu bezweifeln. Doch England hat der Welt nicht nur den Fußball, die Teatime und das Sandwich geschenkt, sondern auch den britischen Humor sowie jenes elektrisch betriebene Instrument, das die Damenwelt seit mehr als 100 Jahren auf mechanischem Wege beglückt. Diese Erfindung führt zurück ins prüde, viktorianische England, genauer gesagt: nach London.

Dort sucht der junge Arzt Mortimer Granville dringend einen Job und findet ihn schließlich bei Dr. Dalrymple. Dieser ist bei den High Society-Ladys überaus beliebt, denn er behandelt erfolgreich die so genannte „Hysterie“ mithilfe manueller Manipulation an pikantester Stelle, eine rein medizinische Angelegenheit, die von ausgebildeten Ärzten und selbstverständlich so diskret wie möglich durchgeführt wird. Nicht direkt Mortimers Traumjob, aber die Bekanntschaft mit Dalrymples engelhafter Tochter Emily erleichtert ihm die Entscheidung. Da ist zwar auch noch eine ältere Schwester, doch diese Charlotte scheint ziemlich streitsüchtig zu sein, was Mortimer schnell zu spüren bekommt.

Umgehend erweist sich Mortimer als außergewöhnlich einfühlsam und fingerfertig, weshalb Dr. Dalrymple ihn als Partner und Emilys Ehemann einplant. Die Ladys stehen Schlange, die Praxis wächst, Emily fühlt sich geehrt, und Charlotte kämpft auf einsamem Posten leidenschaftlich für die Rechte der Frauen und für eine bessere Versorgung der Armen. Ihre Ansichten über die Praxis ihres Vaters sind ebenfalls schockierend – sie vermutet tatsächlich, dass seine Patientinnen sexuell unterversorgt sind!

Mortimers Zukunft scheint gesichert, als das Unfassbare geschieht: Seine heilenden Hände versagen. Die überbeanspruchten Finger können nicht mehr, wie sie sollen. Es hagelt Beschwerden, die Patientinnen bleiben aus, und Dalrymple setzt Mortimer vor die Tür.

Mit Hilfe seines Freundes und Förderers Edmund hat Mortimer schließlich die rettende Idee: eine Maschine, die unter Einsatz modernster Elektrizität die Frauen an der richtigen Stelle massiert und so die anstrengende Handarbeit ersetzt. Tatsächlich funktioniert Edmunds Konstruktion besser als erwartet! Dalrymple ist beinahe ebenso beglückt wie seine Patientinnen, die dank des neuartigen Gerätes in kurzer Zeit zum erhofften und erlösenden „Krampfanfall“ gelangen, gelegentlich sogar mehrfach hintereinander. Mortimer wird von Dalrymple in Gnaden wieder aufgenommen, aber inzwischen hat Mortimer einiges herausgefunden. Dazu gehört auch, dass Charlotte eigentlich eine ziemlich interessante, sehr engagierte Frau ist. Doch dann wird Charlotte verhaftet …

Die stimmige Atmosphäre, der leichte Erzählton und der geschickte Umgang mit dem frivolen Thema – alles passt hier zusammen. Absolut anbetungswürdig sind die geschliffenen Dialoge. Sie wecken wunderbare Erinnerungen an Screwball-Komödien, in denen sich z. B. Katherine Hepburn und Cary Grant exquisit formulierte Unverschämtheiten an den Kopf warfen. Auch hier sprühen die Funken! Charlotte wird kess, taff und schlagfertig gespielt von der hinreißenden Maggie Gyllenhaal. Ein brillanter Hugh Dancy verkörpert den smarten und stets perfekten Gentleman Mortimer Granville. Die beiden sind ein Paar wie Nitro und Glyzerin. Ihnen dabei zuzuschauen, wie sie sich verbal attackieren, ist eine sehens- und hörenswerte Lektion in Dialogkunst, Tempo und Timing! Ihnen ebenbürtig ist Rupert Everett als Edmund, ein Oscar Wilde der Elektrotechnik und ein arroganter Zyniker, dem ein Rest Menschenliebe geblieben ist. Jonathan Price, der große Charakterdarsteller, spielt den Dr. Dalrymple mit viel Ernsthaftigkeit, und deshalb umso komischer.

Neben allem Spaß gibt es auch Informationen über das Leben im viktorianischen London, über technischen Fortschritt, Prüderie und Tradition, Armut und Reichtum. Ganz unaufdringlich ergeben sich Parallelen zur heutigen Zeit, aber auch Erkenntnisse über das, was vielen heute selbstverständlich erscheint und doch erst erkämpft werden musste, vom Frauenwahlrecht über die Sozialfürsorge bis zur Sexualaufklärung. Wer allerdings in diesem Film handfeste Anspielungen oder gar entblößte Körperpartien zu sehen hofft, der wird enttäuscht werden. Hier und da wird vielleicht mal ein Fußknöchel gezeigt. Und wenn dieser hoch amüsante Kostümfilm mehr verhüllt, als er zeigt, dann beweist das umso mehr seine Klasse. Ein Musterbeispiel für allerfeinste Unterhaltung: so prickelnd wie guter Champagner.

Gaby Sikorski

Der Originaltitel heißt „Hysteria“ und darum geht es. Bis vor nicht allzu vielen Jahrzehnten wurden Krankheitssymptome oder echte Krankheiten, vor allem bei Frauen, ganz einfach als Hysterie bezeichnet und auch entsprechend behandelt. Die Therapie: den Unterkörper der Frau einschließlich der Vagina bis zur angeblich völligen Entkrampfung zu massieren. Demnach also „in guten Händen“. Die sexuelle Komponente sollte dabei nicht die geringste Rolle spielen.

London 1880. Der junge Arzt Dr. Mortimer Granville denkt, insbesondere was die Hygiene betrifft, schon sehr fortschrittlich. Er steht dabei einem konservativen Ärztestand entgegen, der bei den alten, oft lebensgefährlichen Behandlungsmethoden verbleibt. Deshalb stößt er bei seinen Bewerbungen fast überall auf Ablehnung. Nur bei Dr. Dalrymple hat er Erfolg. Granville massiert die frustrierten Frauen so gut, dass das Bestellbuch voll und voller wird.

Emily ist die gesittete Tochter von Dalrymple. Anmutig, gebildet und musikalisch. Dalrymple kann sich Granville als seinen Schwiegersohn vorstellen.

Er hat aber noch eine zweite, etwas ältere Tochter, Charlotte. Die hat von dem zum Teil menschenverachtenden großbürgerlichen Getue die Nase voll und widmet sich den Armen. Vater und Tochter stehen auf Kriegsfuß.

Als Dalrymple Mortimer den Besuch von Charlotte und die Pflege von Armen verbietet, wird der zum ersten Mal hellhörig. Sein Freund allerdings, ein adeliger Gönner, erfindet den ersten Vibrator, den Mortimer Granville nach Tests bei der Prostituierten Molly einsetzt. Der Erfolg ist da und die erneute Annäherung an Dalrymple ebenfalls. Wieder ist von der Verlobung zwischen Emily und Mortimer die Rede.

Doch als sich auf der Verlobungsfeier plötzlich herausstellt, dass Dalrymple wichtige soziale Pläne seiner Tochter Charlotte sabotierte – muss da die schon lange bestehende Anziehungskraft zwischen Mortimer und Charlotte nicht endlich zur Liebe werden?

Eine satirische Komödie, die Schilderung des Werdegangs eines Instruments, das von der antihysterischen Therapie zur sexuellen Befriedigung schwenkte, der mühsame Kampf um den medizinischen Fortschritt und eine schöne Liebesgeschichte. Alles in einem. Der Zuschauer mag sich aussuchen, was ihm daran am besten zusagt. Sicherlich aber der Schlussgag: wenn der Vibrator der schon betagten Königin Victoria als Geschenk überreicht wird.

Gemacht ist das gut: die durchgehend schöne, epocheschildernde Atmosphäre, der versteckte Witz, die beachtliche Arbeit der Darsteller: Maggie Gyllenhaal als resolute Charlotte, Hugh Dancy als Mortimer und Beau, Jonathan Pryce als verstockter Dr.Dalrymple, Rupert Everett als adeliger Gönner, Felicity Jones als aparte Emily und Sheridan Smith als Männer anmachende Testperson.

Thomas Engel