In Search – Eine Reise zum Frausein

Die Filmemacherin Beryl Magoko musste als Kind in ihrem kenianischen Heimatdorf ein lebensbedrohliches Ritual durchlaufen, das bis heute viele Mädchen über sich ergehen lassen müssen: die „Female Genital Mutilation/Cutting” (FGM/C), die weibliche Genitalverstümmelung. In ihrer ebenso entschlossenen wie aufrüttelnden Dokumentation „In Search“ spricht sie über ihren eigenen Umgang mit der Thematik, lässt andere Betroffene ausgiebig zu Wort kommen und sensibilisiert auf diese Weise für ein nach wie vor tabuisiertes Thema.

Webseite: insearch.magoko.net

Deutschland, Belgien, Kenia 2018
Regie: Beryl Magoko
Länge: 90 Minuten
Kinostart: 06.02.2020
Verleih: Arsenal

FILMKRITIK:

In Kenia, wie in vielen anderen west- und nordostafrikanischen Staaten, ist es Tradition, junge Mädchen zu beschneiden. Die „Beschneidung“ (eigentlich eine verharmlosende Bezeichnung, die Menschenrechtler ablehnen) wird meist als religiöse oder gesellschaftliche Pflicht angesehen. Viele Stämme glauben, dass nur beschnittene Mädchen und junge Frauen vollwertige, akzeptierte Mitglieder der Gesellschaft sind – und damit heiratsfähig. Hinzu kommt der – traditionell begründete – Irrglaube, dass die teilweise oder komplette Entfernung der äußeren weiblichen Geschlechtsorgane die Fruchtbarkeit erhöhe.

Auch Beryl Magokohat FGM an sich vornehmen lassen, da sie nicht wusste welche dramatischen Konsequenzen damit einhergehen würden: für den Körper, die Sexualität und die Seele. Mittlerweile lebt und arbeitet sie in Deutschland. Sie hat von einer operativen Möglichkeit gehört, die Verstümmelung rückgängig zu machen und wieder eine „vollwertige Frau“ zu werden. Doch sie zögert. Will sie wirklich noch mal einen „Eingriff“ vornehmen lassen? Die Frage ist, was überwiegt: die Furcht oder die Hoffnung, etwas wiederzubekommen, was ihr einst auf zutiefst unmenschliche Art gestohlen wurde.

Es ist ein vielschichtiges und gesellschaftlich nach wie vor verdrängtes Thema, dessen sich Beryl Magoko in ihrem Abschlussfilm (sie studierte an der Kölner Kunsthochschule für Medien) annimmt. Die autobiografische Dokumentation lebt davon, dass Magoko von der ersten Minute an sehr offen über ihre Gefühle und Empfindungen spricht und sich vor der Kamera voll und ganz öffnet. Meist äußert sie ihre Ansichten und die mit einer möglichen Operation verbundenen Sorgen den Gesprächspartnerinnen gegenüber. Denn die Frauen, mit denen Magoko spricht, verstehen sie. Sie selbst wurden verstümmelt und können die psychischen sowie physischen Folgen nachvollziehen.

Dass sich die interviewten Frauen ebenfalls so freimütig und aufgeschlossen zeigen, ist das große Verdienst Magokos und ihrer einnehmenden Gesprächsführung. Feinfühlig und vorsichtig nähert sich die Regisseurin den persönlichen  Leidensgeschichten der Protagonistinnen an. Sie nimmt sich Zeit für das Gespräch und für das komplexe Thema der FGM, von der weltweit über 150 Millionen Frauen und Mädchen betroffen sind.

„In Search“ ermöglicht zudem eine differenzierte Betrachtung des Themas und der Frage, wie man als Betroffene mit der Möglichkeit einer solchen „Wiederherstellung“ der äußeren Geschlechtsorgane umgeht. Die Frauen, die sich dafür entschieden haben und mit denen Magoko sprechen konnte, haben es nicht bereut. Im Gegenteil. „Ich würde es jederzeit wieder machen lassen“, sagt eine der Interviewten, die davon berichtet, wie sehr sich ihr Lustempfinden und Sexualleben zum Positiven entwickelt haben. Solche Momente künden von großer Hoffnung für viele betroffene Frauen, doch zuvor konfrontiert Magoko den Zuschauer mit der grausamen Realität. Die Schilderungen der Frauen, wie die Beschneidungen vorgenommen wurden und welche gesundheitlichen Folgen diese zum Teil hatten, gehen nahe und machen fassungslos. Einer der Befragten wurden die äußeren Geschlechtsorgane komplett entfernt. Sie ist heute aufgrund der Auswirkungen auf andere Körperteile, behindert.

Dass der Film solche Interviewpassagen enthält und nichts beschönigt ist absolut notwendig und wichtig. Auch dass er Magoko bei ihrem Leid zeigt: Sie selbst hat seit der Verstümmelung mit schweren Unterleibsschmerzen zu kämpfen. Die Kamera ist bei einem ihrer Anfälle dabei. Sie erleidet ihn während eines Besuchs der Mutter in Kenia. Dort beweist sie abermals Selbstvertrauen und Mut, wenn sie ihre Mutter mit entscheidenden Fragen konfrontiert: Wieso hat man sie nicht über die Folgen der FGM informiert? Wo war die Mutter während der Beschneidung der eigenen Tochter? Die Reaktionen von Magokos Mutter offenbaren, wie umstritten und zutiefst kritisch auch die ältere Generation FGM insgeheim betrachtet.

Björn Schneider