In Zeiten des abnehmenden Lichts

Die Agonie eines Staates und noch viel mehr einer Idee beschreibt Matti Geschonnek in seinem Film „In Zeiten des abnehmenden Lichts“, der in der Reihe Berlinale Special seine Premiere erlebte. Angesiedelt am Geburtstag eines unverbesserlichen Stalinisten, im Herbst 1989, erzählt das von Wolfgang Kohlhaase geschriebene Kammerspiel auf vielschichtige Weise vom Ende der DDR.

Webseite: www.x-verleih.de

Deutschland 2017
Regie: Matti Geschonneck
Buch: Wolfgang Kohlhaase, nach dem Roman von Eugen Ruge
Darsteller: Bruno Ganz, Sylvester Groth, Hildegard schmal, Evgenia Dodina, Natalia Belitski, Alexander Fehling, Angela Winkler
Länge: 100 Minuten
Verleih: X-Verleih
Kinostart: 1. Juni 2017

Pressestimmen:

"Eine wunderbare Roman-Adaption. Ein Werk von eigener Kraft und Schönheit. Und von einem feinen Humor."
Berliner Zeitung

"Großartig besetzt und liebevoll ausgestattet. Eine gelungene Kino-Adaption des Erfolgsromans."
ARD

FILMKRITIK:

90 Jahre wird Wilhelm Powileit (Bruno Ganz) an diesem Tag im Herbst des Jahres 1989 alt und alle kommen zu Besuch in die Villa, wo Powileit zusammen mit seiner Frau Charlotte (Hildegard Schmal) residiert: Sein Stiefsohn Kurt (Sylvester Groth), der lange Jahre in Gefangenschaft in Sibirien verbracht hat und dort seine russische Frau Irina (Evgenia Dodina) kennenlernte. Neben zahlreichen Abgeordneten der Partei, die Wilhelm für seine langjährigen Verdienste einen weiteren Orden verleihen, ist auch Kurts Schwiegertochter Melitta (Natalia Belitski) zu Gast, allein ihr Mann Sascha (Alexander Fehling) fehlt: Er hat in der Nacht Republikflucht begangen und die sich auflösenden Grenzen des Ostblocks genutzt, um sich in den Westen abzusetzen. Wie ein Damoklesschwert hängt die Flucht Saschas über den Feierlichkeiten und mit ihr, das nahende Ende eines ganzen Staates.
 
Jahrzehnte Familiengeschichte beschrieb Eugen Ruge in seinem vielfach ausgezeichneten Bestseller „In Zeichen des abnehmenden Lichts“, der in seiner ganzen Fülle nur in einer mehrteiligen Fernsehserie hätte adaptiert werden können. Für das Kino bedurfte es einer gewaltigen Kompression, die Wolfgang Kohlhaase vorgenommen hat: Abgesehen von einem kurzen Pro- und Epilog ist die Erzählzeit auf einen Tag beschränkt, auch der Ort fast ausschließlich das Haus von Wilhelm Powileit, ein Haus, das pikanterweise einst einem Nazibonzen gehörte. Hier residiert der überzeugte Stalinist, den Bruno Ganz als verhärmten alten Mann spielt, der nicht akzeptieren will, dass sich das Rad der Geschichte weitergedreht hat. Seine Ehe ist nur noch Fassade, seine Haushälterin bezahlt er, um sich kurz an ihrem Busen zu reiben, seine Medikamente versteckt er hinter Büchern.
 
Die Nachrichten von stetig wachsenden Fluchtbewegungen, von durchlässigen Grenzen in Ungarn ignoriert er, langjährige Bekannte, deren Kinder geflohen sind werden unsanft hinauskomplimentiert, die Illusion des real existierenden Sozialismus muss aufrecht erhalten werden. Bei diesem Spiel machen alle Beteiligten mehr oder weniger enthusiastisch mit, schließlich weiß man nie, wann die Stasi mithört. Allein Irina wagt es, sich der Scharade zu entziehen, als Russin und damit Vertreterin des großen Bruders genießt sie praktisch Narrenfreiheit.
 
Es wäre ein leichtes gewesen sich über diese Menschen zu erheben, sich über ihren Glauben an ein im Untergang befindliches System lustig zu machen. Doch gerade das Geschonneck und Kohlhaase einen Ton wählen, der die Agonie der DDR zwar schonungslos aufzeigt, dabei aber dennoch voller Sympathie für die Menschen bleibt, ohne sie zu verklären, macht „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ zu so einem starken Film. Denn nicht nur ein gescheitertes System ging im Herbst 1989 zu Ende, sondern auch eine Idee, ein Ideal. Dabei wird in keinem Moment verhehlt, mit welch fragwürdigen Methoden das DDR-System aufgebaut und jahrelang am Leben erhalten wurde, die Ungerechtigkeiten, die Willkür, all das. Gleichzeitig wird angedeutet, wie schwer es gewesen sein muss, sich von einem System zu lösen, etwas aufzugeben, was trotz allem jahrelang die Heimat war.
 
Michael Meyns