Inherent Vice – Natürliche Mängel

Als unverfilmbar gelten etliche Romane, nicht zuletzt die von Thomas Pynchon. Dennoch versucht sich Paul Thomas Anderson an diesem eigentlich unmöglichen Unterfangen und adaptiert mit „Inherent Vice“ den zugänglichsten Roman des enigmatischen Autors. Das Ergebnis ist ein Film, der vor allem aus pointierten Einzelszenen besteht und mehr einem drogengeschwängerten Zustand ähnelt als einer nachvollziehbaren Erzählung.

Webseite: www.warnerbros.de

USA 2014
Regie: Paul Thomas Anderson
Buch: Paul Thomas Anderson, nach dem Roman von Thomas Pynchon
Darsteller: Joaquin Phoenix, Josh Brolin, Jena Malone, Owen Wilson, Resse Witherspoon, Benicio Del Toro, Martin Short, Eric Roberts, Martin Donovan
Länge: 148 Minuten
Verleih: Warner Bros.
Kinostart: 12. Februar 2015
 

FILMKRITIK:

Ganze acht Romane hat Thomas Pynchon in einem halben Jahrhundert veröffentlicht, es existieren nur eine handvoll Fotos des Autors, Interviews gibt er keine mehr. So enigmatisch ist der Autor Pynchon, dass er selbst bei einem Gastauftritt bei den „Simpsons“ mit Papiertüte über dem Kopf gezeichnet wurde. Ebenso enigmatisch sind seine Romane, die keiner klaren Handlung folgen, sondern zahllose Handlungsstränge und ebenso viele Figuren in ein narratives Geflecht einbinden, dass auf den ersten Blick (und oft auch auf den zweiten und dritten) ebenso chaotisch und undurchdringlich wirkt, wie die moderne Welt. Um Paranoia, Verrat, Militär, Drogen und vieles andere geht es in den Romanen Pynchons, deren Verfilmung so manchen Regisseur gereizt hat. Doch erst jetzt ist es mit Paul Thomas Andersons „Inherent Vice“ gelungen, einen Pynchon-Roman auf die Leinwand zu bringen. Auf durchaus kongeniale Weise, was in diesem Fall nicht unbedingt ein Kompliment darstellt.
Worum geht es? Zitieren wir hier einmal die Inhaltsbeschreibung des Verleihs: „Unerwartet taucht die Ex von Schnüffler Doc Sportello auf und faselt was von einer irren Story: Sie hat sich in einen milliardenschweren Immobilienmakler verliebt, und daraufhin will nun dessen Ehefrau mit ihrem Freund den Milliardär kidnappen und in die Klapsmühle stecken … na, sie kann ja viel erzählen.“ Das ist nicht unbedingt falsch, aber viel zu kurz gegriffen und deutet schon an wie schwer es ist, den Inhalt eines fast 2 ½ Stunden langen Films zusammenzufassen, der eigentlich keinerlei Interesse daran hat, eine auch nur annährend nachvollziehbare Geschichte zu erzählen.

Viel mehr als um Handlung geht es um Figuren, um Menschen, um eine Welt, die so vielleicht nur in der Imagination eines auf einem Trip hängengebliebenem Ex-Hippie oder eben im Kopf von Thomas Pynchon – was möglicherweise dasselbe ist – existierte.  Es ist eine Welt, die von Hippies, der Gegenkultur, den Auswirkungen des Vietnamkriegs und der Erinnerung an die Manson-Morde geprägt ist. Der Ort ist Los Angeles, das Jahr 1970. Dasselbe Jahr, in dem Paul Thomas Anderson geboren wurde, der sich in Filmen wie „Boogie Nights“, „Magnolia“ und nicht zuletzt „Punch-Drunk Love“ mit der Geschichte und vor allem den Mythen seiner Heimatstadt beschäftigte, Mythen, die nicht zuletzt durchs Kino geprägt sind. Und auch „Inherent Vice“ erinnert oft weniger an die Realität, als an das Kino: An die Filme von Robert Altman natürlich, die Anderson seit je inspirierten, in diesem Fall besonders an den Meta-Film-Noir „The Long Goodbye“, vor allem aber an einen der berühmtesten Filme des klassischen Film Noirs „The Big Sleep“.

Diesem Bogart-Bacall-Hawks-Klassiker von 1946 wird gern unterstellt, dass seine Geschichte so kompliziert und verworren ist, dass selbst Raymond Chandler (der Autor der Romanvorlage) nicht mehr wusste, wer der Mörder ist. Ähnliches kann man über „Inherent Vice“ sagen, der so kompliziert erzählt, selbst zehn Minuten vor dem Ende noch neue, wichtige Figuren einführt, dass es praktisch unmöglich ist, ihn beim ersten Sehen zu durchschauen. Was ihn als kommerzielles Produkt natürlich fast disqualifiziert, insbesondere angesichts der auf unmittelbare Befriedigung geeichten Sehgewohnheiten allzu vieler Zuschauer.

Auf seine Weise aber ist „Inherent Vice“ durch seine Komplexität, die immer wieder eine weitere Ebene, eine neue „Wahrheit“ offenbart, die sich dann doch nicht als die Wahrheit erweist, eine kongeniale Adaption von Pynchons Weltsicht: Die Welt ist nicht zu verstehen, das Chaos regiert, jeder Versuch, die Verstrickungen von Gesellschaft, Politik, Militär zu entschlüsseln, müssen scheitern und im schlimmsten Fall in den Wahnsinn führen. Auf seine Weise ist Anderson also eine brillante Verfilmung gelungen, allerdings die eines unverfilmbaren Buches. Macht das „Inherent Vice“ nun konsequenterweise unsehbar? Nicht wirklich, aber es bedarf schon eines speziellen Geschmacks, um Anderson auf seinem mäandernden, verworrenen, verwirrenden, aber auch besonderen Trip zu folgen.
 
Michael Meyns